INTERVIEW OFC-Präsident über Aufstiegschancen, hohe Kosten und Omikron

Joachim Wagner: „Wir sind endlich mal dran“

Joachim Wagner
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Joachim Wagner

Offenbach – Das Vertrauen in Mannschaft und Trainerstab hat sich nach Ansicht von Joachim Wagner ausgezahlt. Der Präsident des Fußball-Regionalligisten Kickers Offenbach sieht die Mannschaft auf dem richtigen Weg. „Aber gewonnen ist nichts“, relativiert er vor dem Start der Vorbereitung auf die letzten 16 Spiele der Saison, die er nicht nur sportlich als „anspruchsvoll“ bezeichnet. Vor allem Omikron bereitet ihm Sorgen.

Herr Wagner, Platz drei, zwei Punkte Rückstand auf das Führungsduo Ulm und Mainz, und ein Spiel weniger. Wie bewerten Sie die Ausgangslage für die 16 Spiele bis zum Saisonende?

Sie ist wie am Anfang der Saison. Es sind die oben, die oben erwartet wurden: Ulm, Elversberg und wir. Dazu ein Überraschungsteam, das in dieser Saison Mainz 05 II ist.

Woran liegt es denn, dass die Kickers so gut dastehen?

Weil in der Mannschaft eine hohe Qualität ist, das Gebilde passt einfach.

Geschäftsführer Thomas Sobotzik und Trainer Sreto Ristic haben den Kader - wieder einmal - kräftig durchgemischt, mit 13 Neuzugängen. Haben Sie erwartet, dass der OFC ganz oben mitspielt?

Wir haben es erhofft, dass es funktioniert. Erwarten kann man das nie. Aber um es klar zu sagen: Es ist noch nichts passiert. Entscheidend ist, was am letzten Spieltag zählt. Es ist nichts gewonnen.

Was zeichnet den Trainer Sreto Ristic aus?

Er ist ein ruhiger, analytischer Mensch. Ich habe tiefsten Respekt, wie er aus den Mainz-Spielen (Anm. d. Red.: 0:2 bei Mainz 05 II, 0:1 gegen Schlusslicht Schott Mainz im September) rausgegangen ist. Da ist der geballte Druck entstanden, wie er bei einem Traditionsklub entsteht. Die Ruhe, die er nach außen ausstrahlte - Respekt. Sreto Ristic ist ein guter Stratege, er hat guten Zugriff auf die Mannschaft. Er bekommt es hin, Einzelne besser zu machen.

Warum haben Sie damals die Ruhe bewahrt?

Natürlich haben wir uns damals mit der Situation beschäftigt. Der Fußball, den wir gespielt haben, war damals nicht überzeugend. Wir haben wenig Tore geschossen, die Mechanismen waren nicht da. Aber wir waren überzeugt von Mannschaft und Stab. Wir haben in der Vergangenheit schon oft harte Entscheidungen getroffen, aber wir hatten diesmal das Vertrauen in die Mannschaft und die Verantwortlichen. Die Qualität ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Aber am Ende braucht man Ergebnisse. Und es wird nötig sein, weiter an jeder Stellschraube zu drehen. Aber die Entwicklung ist zu sehen: Wir waren, bis auf die zweite Hälfte im Hinspiel gegen Ulm, in jedem Spiel die bessere Mannschaft.

Welchen Anteil am guten Abschneiden hat Thomas Sobotzik?

Sicherlich einen großen. Er ist derjenige, der alles umsetzen muss. Gesellschafter und Präsidium geben einen Rahmen vor, was er umsetzen kann. Dafür trägt er Verantwortung. Spielweise und das Auftreten des Teams zeigen, welche Arbeit er leistet.

Nach unseren Informationen verlängert sich sein Vertrag bei Aufstieg, ansonsten läuft er am 30. Juni 2022 aus. Wann werden Sie mit ihm und auch mit Trainer Ristic über eine Verlängerung sprechen?

Wir sprechen grundsätzlich nicht über Vertragsdetails, aber wir haben diese Dinge auf dem Schirm. Entscheidend ist aktuell, dass wir den vollen Fokus auf die nächsten Spiele richten. Wir wollen im dichten Gedränge als erster durch die Tür gehen.

Thomas Sobotzik kündigte Neuzugänge in der Winterpause an. Wie denken Sie darüber?

Aus sportlicher Sicht müssen wir was tun, weil wir einen ausgedünnten Kader durch die drei Langzeitausfälle Malte Karbstein, Moody Chana und Elia Soriano haben. Bei weiteren Verletzungen würde es eng werden. Aus wirtschaftlicher Sicht geraten wir allerdings an Grenzen. Unsere Planung ist nicht auf Luftschlössern aufgebaut. Aber wir werden unseren geplanten Zuschauerschnitt von 5600, den wir normal sicher übertroffen hätten, bei weitem nicht erreichen. Bei den Planungen sind wir davon ausgegangen, dass wir Normalität in den Stadien bekommen. Ich hätte nie erwartet, dass wir noch mal darüber reden, dass Geimpfte nicht ins Stadion dürfen. In der Bundesliga ist das jetzt aber wieder der Fall.

Wir gehen bald ins dritte Jahr der Pandemie. Wie schwer trifft Corona den OFC?

Es trifft uns schwer, zumal wir über hohe Kosten reden, beispielsweise für unzählige Tests, und auch für ungleich mehr Ordnungspersonal. Aber wir müssen Mittel und Wege finden, das in den Griff zu kriegen. Wir werden auch die geplanten Zugänge wirtschaftlich querfinanzieren.

Wie stabil ist der OFC nach zwei Jahren Pandemie?

Es ist jedes Jahr eine Herausforderung, ein wettbewerbsfähiges Budget für einen Regionalligisten, der aufsteigen will, aufzustellen. Das geht nur über externe Unterstützung. Erst recht in Offenbach, wo wir hohe Kosten, vor allem durch das Stadion, haben. Wir könnten natürlich den Etat deutlich reduzieren, aber dann ist auch der Anspruch aufzusteigen, schwer realisierbar. Daher wählen wir die Flucht nach vorne.

Rechnen Sie beim Start im Februar mit Zuschauern in der Regionalliga?

Das ist zu früh, um das zu sagen. Wir müssen erst mal den nächsten Corona-Gipfel des Bundes abwarten. Ich glaube aber, dass der Rest der Saison sehr anspruchsvoll wird. Nicht nur wegen der Zuschauerfrage, sondern auch wegen der Infektionsgefahr rund um die Mannschaft. Omikron ist ja offensichtlich viel ansteckender, wie man aktuell an den Infektionszahlen bei Bundesligisten sieht.

Bislang ist es dem OFC gut gelungen, das Virus aus der Mannschaft fernzuhalten. Was macht der OFC richtiger als andere Klubs, die es zum Teil viel heftiger getroffen hat?

Wir haben klare Wünsche, wie wir uns das Verhalten vorstellen und haben es geschlossen abgehandelt. Das spricht für die Reife und Vernunft der Mannschaft.

Zweitligist Fortuna Düsseldorf hat ein Trainingslager in Belek abgesagt. Wie denken Sie über die Reise des OFC ins Trainingslager die Türkei?

Das war eine schwierige Entscheidung. Wir sind der Meinung, dass die Vorteile überwiegen, wenn wir uns an Regeln halten. An- und Abreise sind sicherlich ein Risiko, aber dort sind wir ja gewissermaßen in einer Bubble.

Sehen Sie emotionale Schäden durch die Pandemie? Oft war von einer Entfremdung zu lesen.

Man merkt es an Zuschauerzahlen. Fast alle Klubs hatten Probleme, die Zuschauer ins Stadion zurückzubekommen. Es ist eine gewisse Frustration da durch Corona. Vor allem, wenn alles zurückfällt, etwa durch Omikron. Das ist schwer zu verkraften. Es fehlt eine Vision, wann dieses Thema vorbei ist.

Die „Kickers Freunde GmbH & Co. KG“ und „Bündnis Kickers-GmbH“ haben insgesamt knapp zwei Millionen Euro in den OFC investiert. Es stehen noch etwa 16 Prozent der Profi GmbH zur Verfügung, die veräußert werden können. Denken Sie an einen Verkauf?

Grundsätzlich ist es möglich, 49,9 Prozent zu veräußern, wenn die Mitglieder dem zustimmen. Es wäre ein Denkmodell für eine weitere Saison in der vierten Liga. Wir hoffen, dass wir es ohne einen Verkauf hinbekommen.

Wie weit sind die Überlegungen, das Stadion Bieberer Berg von der Stadt zu übernehmen?

Das ist immer ein Thema. Wir haben beschränkte Möglichkeiten der Vermarktung, weil wir nicht der Besitzer sind. Aber oberste Priorität hat es nicht. Vor allem, wenn wir eine weitere Saison vierte Liga spielen müssen, dann haben wir ganz viele Aufgaben zu lösen.

Was sind Ihre Projekte für 2022?

Das ist noch viel zu früh, um darüber zu sprechen. Unser Projekt ist die aktuelle Saison. Dann kommt die Lizenzierung für die 3. Liga, das ist ja auch kein Selbstläufer. Aber wir haben viele Dinge, die wir anpacken wollen.

Wann wäre die Saison 2021/22 für Sie ein Erfolg?

Eine sehr gute Frage, die ich eigentlich nicht beantworten will (lacht). Wir tun alles dafür, um den ersehnten Aufstieg zu schaffen. Erreichen wir das nicht, werden wir sicher enttäuscht sein. Aber es wäre ein Fehler, automatisch von einer schlechten Saison zu sprechen.

Und was spricht dafür, dass es klappt mit dem großen Ziel?

Wir sind einfach mal dran, weil wir sehr viel Energie in das Projekt stecken. Wir hätten es einfach verdient.

Das Gespräch führte Jörg Moll

OFC-Präsident Joachim Wagner

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