„Wir sind absolut wettbewerbsfähig“

Das Ziel der Kickers ist Platz eins: Großes Interview mit Helmut Spahn 

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Helmut Spahn ist seit 2015 Präsident der Offenbacher Kickers. Der 57-Jährige arbeitet in Zürich als Sicherheitschef des Weltfußballverbandes FIFA.

Offenbach - Während die Spieler der Offenbacher Kickers ihre Sommerpause bis Samstag genießen, ist für den OFC-Präsidenten harte Arbeit angesagt. Helmut Spahn (57) ist als Sicherheitschef des Weltfußballverbandes FIFA bei der WM in Russland vor Ort, und das bis zum Endspiel.

Zuvor nahm sich der gebürtige Froschhausener, der seit November 2015 den Traditionsverein ehrenamtlich leitet, Zeit, Fragen unserer Redakteure Jochen Koch, Christian Düncher und Jörg Moll zu beantworten.

Herr Spahn mit dem Abstand von vier Wochen, wie fällt ihr Fazit der vergangenen Saison aus? Woran lag es, dass es nicht zu Platz zwei gereicht hat?

Weil wir am Ende zu wenig Punkte erspielt haben. Es war keine schlechte Saison mit Platz drei, aber es war eindeutig mehr drin.

Sie haben sich nach dem letzten Spieltag kritisch zur Arbeit von Trainer Oliver Reck geäußert und gesagt, die Mannschaft sei trotz des Trainers Dritter geworden. Das klang nach massiven Differenzen. Warum hatte sich das Verhältnis zwischen Präsidium und Trainer so stark abgekühlt?

Jede Zusammenarbeit hat Höhen und Tiefen. Ich war und bin der Meinung, dass die Mannschaft mehr Potenzial hat als Platz drei. Bei Oliver Reck hatte ich den Eindruck, dass er damit nicht unzufrieden war. Da war es klar, dass wir am Ende auf unterschiedlichen Ebenen kommunizierten.

Hätten Sie in der Winterpause, als sich die Probleme andeuteten, einen Trainerwechsel vornehmen können?

Können schon. Allerdings hatten wir da noch eine sehr realistische Chance, Platz zwei zu erreichen. Mit dieser Ausgangsposition, dem Trainingslager vor der Brust, konnte man davon ausgehen, dass das noch klappt. Doch dann kamen Spiele wie gegen Freiburg II, Worms, Koblenz etc. – und die Chance wurde immer kleiner. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Die Nachverpflichtungen Dähn, Lovric und Zivkovic waren alle keine Verstärkungen. Inwiefern war auch die missglückte Transferpolitik in der zweiten Saisonhälfte ein Grund für das Scheitern.

Ich würde die Transferpolitik nicht als missglückt ansehen. Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Luca Dähn zum Beispiel war immer wieder von Verletzungen geplagt. Franceso Lovric und Grgo Zivkovic sind gleich in eine Phase gekommen, in der es nicht mehr sehr erfolgreich lief. Ich bin mir sicher, dass wir bei guter Vorbereitung und der richtigen Position für ihn, noch sehr viel Freude an Lovric haben werden.

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Inwieweit hat die Saisonanalyse auch Fehler des Präsidiums ergeben?

Wir gehen sehr selbstkritisch mit uns um. Definitiv haben wir und ich auch Fehler gemacht. Wichtig ist, diese zu erkennen, daraus zu lernen und diese nicht zu wiederholen. Ich kann definitiv sagen, dass es mit mir keinerlei Kompromisse mehr geben wird oder ich werde für mich die Konsequenzen ziehen.

Mit welchem Etat und Ziel gehen die Kickers in ihre sechste Regionalligasaison?

Unser Trainer hat es richtig ausgeführt. Wir wollen einen besseren Platz in der Tabelle erreichen als letzte Saison. Bei der neuen Aufstiegsregelung kann es für mich natürlich nicht das Ziel geben, Zweiter zu werden, sondern Erster. Das ist ein schwieriges Unterfangen, da auch andere Mannschaften dies wollen. Daher muss alles passen. Wichtig ist insbesondere wie wir auftreten. Wenn wir stets 100 Prozent geben und attraktiven Fußball spielen, muss man abwarten, für was das am Ende reicht. Da wir nächste Saison keine Sondereinnahmen wie DFB-Pokal oder ein schon jetzt fixiertes großes Freundschaftsspiel haben werden, gehen wir ungefähr mit dem gleichen Etat im sportlichen Bereich in die neue Saison, der zwischen 1.3 und 1,4 Millionen Euro liegt.

Sie hatten vor den Aufstiegsspielen gesagt, der Kader sei gut genug, um ganz oben mitzuspielen. Gilt das auch, nachdem nun feststeht, dass Saarbrücken und Mannheim in der Liga bleiben.

Natürlich, was sollte sich daran ändern? Wir haben eine eingespielte Mannschaft, die wir punktuell verstärkt haben bzw. noch weiter verstärken werden und von deren Potenzial ich vollkommen überzeugt bin, sowie einen neuen Trainer mit einer klaren Philosophie und Arbeitsauffassung. Saarbrücken hat seinen Sturm verloren und Mannheim hat elf Abgänge zu kompensieren. Ich sehe uns als absolut wettbewerbsfähig, wenn wir alle an einem Strang ziehen und an uns glauben.

Ein defensives Saisonziel wird schwer zu verkaufen sein. Aber welche Argumente rechtfertigen ein forsches Ziel Aufstieg?

Wie bereits gesagt, wenn man aufsteigen will dann muss alles, in allen Bereichen, passen und es ist unser Anspruch, das zu realisieren. Die Mannschaft war Dritter, wir haben ein junges, sehr entwicklungsfähiges Team. Dieses Potenzial müssen wir konsequent ausschöpfen und auf den Platz bringen.

Letzte Saison holte diese Mannschaft gegen die Top 4 der Liga in sechs Spielen einen Punkt. Warum wird das mit bislang höchstens identischer Qualität besser?

Warum sollte die Qualität höchstens nur identisch sein? Ich glaube, die ist durchaus höher als allgemein eingeschätzt. Ich bin aber kein Freund von Quervergleichen. Am Ende zählen die erspielten Punkte – egal gegen wen. Ich könnte ja auch sagen, und das ist Realität, hätten wir die Spiele gegen Freiburg, Worms, Koblenz und den VfB Stuttgart II gewonnen, wären wir Zweiter geworden und es hätte keinen Sieg gegen die Top 4 gebraucht.

Bilder: Kickerstag auf dem Wilhelmsplatz

Was erwarten Sie vom neuen Trainer Daniel Steuernagel?

Dass er die Mannschaft optimal trainiert und vorbereitet – und davon bin ich felsenfest überzeugt –, die Mannschaft mental stark macht und sie in die Lage versetzt, taktisch intelligent und flexibel spielen zu können. Wichtig ist auch die Art und Weise wie wir Fußball spielen, da hat der Trainer eine klare Vorstellung, die sich 100 Prozent mit meiner deckt. Er ist ein sehr offener, kommunikativer und intelligenter Mensch, aber auch absolut konsequent.

Ist es nicht gewagt, einem neuen Trainer eine nahezu identische Mannschaft zu geben, die sich mehrfach öffentlich für den Vorgänger ausgesprochen hat?

Nein, ganz im Gegenteil. Oliver Reck war in der Tat bei den Spielern sehr beliebt. Aber das sind alles Profis! Wenn ein neuer Trainer kommt, stehen die Uhren ganz schnell wieder auf null. Und in dem Wissen, dass es einen neuen Trainer geben wird, haben ja auch viele Spieler ihre Verträge verlängert, trotz anderer Angebote. Ich sehe hier eher Vorteile, denn Nachteile.

Für die Verpflichtung der Spieler ist Sportdirektor Sead Mehic zuständig. Er hat nun in Daniel Steuernagel einen seiner Bekannten als Trainer geholt. Inwiefern steht das Duo Mehic/Steuernagel unter Druck?

Sead Mehic und Daniel Steuernagel hatten eine kurze Überschneidung im Sinne einer Übergabe als Trainer. Daniel Steuernagel ist ein hochanerkannter junger Trainer - der mich im Gespräch absolut überzeugt hat - und für dessen Verpflichtung ich viele positive Reaktionen erhalten habe. Christopher Fiori hat bei seiner Vorstellung klar dargestellt, dass Daniel als bester Kandidat aus einem umfassenden Verfahren hervorging und wir diese Entscheidung gemeinsam getroffen haben. Insofern hat niemand besonderen Druck. Allerdings wissen wir alle, dass es einen sehr hohen natürlichen Druck beim OFC gibt.

Der Kader wurde bisher kaum verändert. Also muss der neue Trainer mehr aus dem Team herausholen, um mehr zu erreichen. Wo sehen Sie Steigerungspotenzial?

Hier spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Unser Trainer hat viele Felder angesprochen: Fitness, Athletik, Ernährung, Trainingsteuerung, taktische Intelligenz, Siegeswille, mentale Stärke, eine klare Spielidee und klare Regeln auf und neben dem Feld, um nur einige zu nennen.

Wen erwarten Sie diese Saison außerdem ganz vorne?

Saarbrücken wird sicher wieder eine Rolle spielen. Bei Mannheim muss man abwarten, wie die Abgänge kompensiert werden und wie man das dreimalige Scheitern in der Relegation verarbeitet hat. Ich rechne auch mit starken Teams aus Elversberg, Steinbach, Homburg.

In der kommenden Saison steigt der Meister direkt auf, dafür gibt es für den Tabellenzweiten keine Relegationschance mehr. Eine gute Regelung?

Ja. Das ist das, was wir wollten – der Meister muss aufsteigen! Und das ist in der zweijährigen Übergangsphase in der Regionalliga Südwest der Fall.

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Mit dem SC Hessen Dreieich kommt ein zweiter Verein aus dem Fußballkreis Offenbach in die Regionalliga. Wie bewerten Sie die neue lokale Konkurrenz?

Zunächst einmal herzlich willkommen und Glückwunsch zum Aufstieg. Konkurrenz belebt das Geschäft, insbesondere, wenn diese aus der Nachbarschaft kommt.

Die Verträge mit Hauptsponsor EVO und der Stadiongesellschaft laufen aus. Wie ist der Stand der Dinge?

Beide Verhandlungen sind weit fortgeschritten und es wird in Kürze hierzu finale Informationen geben.

Es war von dem Ziel die Rede, den Etat um bis zu 50 Prozent zu erhöhen. Was ist daraus geworden?

Dies war keine Feststellung von mir, sondern ein ausgesprochener Wunsch. Wir können auf seriöse Art und Weise aktuell den Etat ohne Sondereinnahmen nur sehr moderat anheben und dies aktuell auch nur durch viel externe Unterstützung.

Auch über den Verkauf weiterer Anteile der Profi-GmbH war laut nachgedacht worden. Gibt es Interessenten?

Wir führen viele Gespräche mit potenziellen Unterstützern und Sponsoren, werden hier sehr seriös und nachhaltig vorgehen und dies in engster Abstimmung mit unseren Gremien und langjährigen Partnern.

In Fankreisen wurde der Verkauf von Anteilen ohne Zustimmung der Mitglieder kritisiert - unter anderem beim Spiel gegen Saarbrücken mit einem Plakat. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Jeder kann dementsprechende Kritik äußern, das ist völlig in Ordnung. Fakt ist, dass die Kapitalerhöhung mit unserem Partner Sparda Bank Hessen absolut satzungskonform und mit Zustimmung aller Gremien erfolgt ist.

Stichwort Investor: Viktoria Berlin hat angeblich einen 90-Millionen-Deal mit chinesischen Investoren abgeschlossen. Wäre so etwas in Offenbach denkbar?

Ich kenne die Rahmenbedingungen dieser Vereinbarung nicht, sodass ich das nicht abschließend bewerten kann. Generell gibt es hier gerade in Fankreisen sehr unterschiedliche Haltungen. Auf der einen Seite wird immer mehr Geld für den Kader gefordert, auf der anderen Seite aber Investoren abgelehnt. Andere sehen das wiederum gänzlich konträr. Gemäß unserer Satzung, auch wenn die 50+1 Regel fallen sollte, kann der OFC nur 49 Prozent der Anteile abgeben. Das ist zu 100 Prozent meine Haltung.

Wie realistisch ist der Wunsch der Fans nach einem großen Sponsor?

Wir haben mit der EVO einen sehr guten und langjährigen Sponsor und Unterstützer an unserer Seite. Wofür wir sehr dankbar sind. Aber selbstverständlich sondieren wir auch den Markt und führen Gespräche - Erfolg und Seriosität sind hier eine gute Werbung.

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Oliver Reck hat auf eine Verabschiedung verzichtet, der OFC hat die scheidenden, zum Teil langjährigen Spieler nicht offiziell verabschiedet. Widerspricht das dem Image, ein familiärer (Kult-)Klub zu sein.

Nein. Oliver Reck hat diesen Wunsch geäußert und das ist zu respektieren. Eine Spielerverabschiedung beim letzten Heimspiel war aufgrund der vertraglichen Situationen nicht möglich. Da gab es keinen Spieler, der hätte verabschiedet werden können. Der neue Trainer sollte die Chance haben, sich ein Bild von der Mannschaft zu machen und dann zu entscheiden. Nachdem jetzt die Situation klarer ist, werden wir uns noch etwas überlegen.

Nach dem von Ihnen initiierten Retterspiel gegen Bayern München sagten Sie, dass Sie am liebsten jedes Jahr gegen ein solches Kaliber spielen wollten. 2018 sieht es nicht danach aus. Inwiefern ist das realistisch?

Das ist weiter das Ziel. Ich sagte am liebsten – aber das ist kein Wunschkonzert. Es gab und gibt viele Gespräche in dieser Hinsicht und eventuell gibt es in naher Zukunft etwas zu vermelden – allerdings kann man das nie mit absoluter Sicherheit sagen, solange nicht wirklich alles in trockenen Tüchern ist.

Stichwort prominente Testspielgegner: Was ist aus der Kooperation mit Onside 1857, die ein Turnier mit prominenten Namen beinhaltete, geworden?

Das geplante Turnier musste leider aufgrund der Absage des geplanten Hauptsponsors der Agentur Onside ausfallen. Wir arbeiten gemeinsam nach wie vor an einem Top-Testspiel in der Vorbereitung.

Sie werden als FIFA-Sicherheitschef sechs Wochen bei der WM in Russland vor Ort sein. Wie verfolgen Sie in dieser Zeit den OFC?

Wir sind täglich über E-Mail und Telefon sowie weiteren Kommunikationskanälen in Kontakt. Es gibt Internet – die Welt ist nicht nur in Sachen Kommunikation ein Dorf.

Was ist realistischer: Dass Deutschland Weltmeister wird, oder dass Kickers Offenbach kommende Saison den Aufstieg schafft?

Realistisch ist beides gleichermaßen. Allerdings muss Deutschland nur sieben gute Spiele abliefern und wir 34.

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