Inklusion auf vier Hufen

Für Dressurreiterin Angelika Trabert bedeutet Reiten mehr als nur Sport

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Konzentriert im Dressurviereck: Angelika Trabert auf „Diamond´s Shine“ bei den Weltreiterspielen in Tryon, von denen sie mit zwei Bronzemedaillen heimkehrte.  

Dreieich - Sie ist eine der erfolgreichsten deutschen Reiterinnen mit Behinderung, hat den Para-Sport entscheidend geprägt. Bei den Weltmeisterschaften im September im US-amerikanischen Tryon erritt Angelika Trabert zwei Bronzemedaillen. Von Veronika Schade

Wenn Angelika Trabert durch das Dressurviereck reitet, ihr Pferd tanzen lässt, leicht, anmutig entspannt und trotzdem hoch konzentriert, ist es nicht nur eine Augenweide – sondern auch ein kleines Wunder. Die 51-jährige Dreieicherin kam ohne Beine zur Welt, ist in ihrem Alltag auf einen Rollstuhl oder Prothesen angewiesen. Trotzdem hat sie es in sportliche Höhen geschafft, von denen andere Reiter nur träumen. Von den Weltreiterspielen in Tryon kehrte sie mit einer Mannschafts-Bronzemedaille und einer Bronzemedaille in der Kür zurück.

Angelika Trabert

Doch der Reihe nach. Wie kam sie mit ihrem schweren Handicap überhaupt zum Reiten? „Ich war schon immer ein Pferdemädchen, aber nicht so ein klassisches mit Barbies. Ich liebte Winnetou und Old Shatterhand“, erzählt die promovierte Anästhesistin. Die Welt des wilden Westens, Freiheit und Abenteuer, das fasziniert sie. Dies auf dem Pferderücken zu erleben, am liebsten ohne Sattel, das will sie unbedingt. Mit der Hippotherapie, also Physiotherapie zu Pferde, beginnt ihr Einstieg in die Reiterwelt. Irgendwann merkt sie, dass sie mehr will – und kann – als sich nur tragen und führen zu lassen. Doch von Reiten als Behindertensport ist Deutschland damals weit entfernt.

Mit Prothesen versucht sie zu reiten „wie die anderen“. Doch es folgen viele Rückschläge. „Dieses Gefühl, nicht weiterzukommen, war das Schlimmste“, erinnert sie sich. Ihre Leidenschaft für Pferde lässt sie durchhalten, bis sie einer Persönlichkeit begegnet, die maßgeblich für ihren weiteren Weg verantwortlich sein wird: Pfarrer Gottfried von Dietze.

Der reitende Geistliche aus dem Vogelsberg und Mitgründer des Kuratoriums für Therapeutisches Reiten versteht ihre Bedürfnisse wie kein anderer. Im 2. Weltkrieg schwer am Bein verwundet, reitet er eine zeitlang im Damensattel, feilt fortan an Hilfsmitteln, um sich und anderen aufs Pferd zu verhelfen. Seine Pferde kann Trabert ohne Prothesen, mit Hilfe eines ersten Spezialsattels, reiten. „Ein gut ausgebildetes Pferd kann allein auf Einwirkung durch Kreuz, Stimme und Gewicht reagieren“, erklärt die Dressurreiterin. Dietze ist es auch, der den Spruch prägt: „Auf dem Pferd hat jeder Mensch vier gesunde Beine.“

Und auf kaum jemanden trifft dieser so sehr zu wie auf Trabert. Hoch zu Ross kann sie sich nun frei bewegen. Sie erinnert sich an lange Ausritte in der Gruppe, bei denen die Behinderung keine Rolle spielte. „Das war Inklusion, als es diesen Ausdruck noch gar nicht gab“, schmunzelt sie.

1989 bekommt sie ihren ersten Maßsattel – eine Sonderanfertigung mit stützenden Hörnern, die ihr einen sicheren Halt ermöglichen. Sie macht erste Reitabzeichen, merkt, dass sie nicht nur mit anderen, nicht-behinderten Reitern mithält, sondern sogar besser sein kann. 1991 ist sie erstmals international auf einer Weltmeisterschaft unterwegs. 1996 folgen die ersten Paralympics in Atlanta, dann 2000 in Sydney. „Damals haben wir an den Austragungsorten die Pferde gestellt bekommen“, erzählt sie von einer Regelung, die es heute nicht mehr gibt.

Etwa eine Woche haben Reiter und Pferd Zeit, sich miteinander vertraut zu machen. In Aus-tralien bekommt sie ein Pferd, das es gewohnt ist, auf weitläufigem Gelände Rinder und Schafe zu hüten. „Der hatte noch nie ein Dressurviereck gesehen“, lacht Trabert. Dennoch erreicht sie mit ihm einen sechsten Platz in der Kür. Mit den Besitzern des Pferdes „Douglas“ ist sie immer noch in Kontakt. Auch „Amber“, ihr Pferd in Atlanta, auf dem sie Silber gewinnt, bleibt für sie unvergesslich.

Ebenso ihr eigenes Pferd „Ghazim“, auf dem sie 1999 bei der WM drei Silbermedaillen gewinnt und auch auf Regelturnieren ritt. „Er war so entspannt, den konnte ich mit Halsring reiten. Er war mein absolutes Schätzchen, wurde 26 Jahre alt.“

Auch mit ihren Pferden „Walmorel“, „Londria“ und „Ariva-Avanti“ räumt sie Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie Paralympischen Spielen ab. Auf „Walmorel“ reitet sie bei Regelturnieren der zweithöchsten Klasse M gegen nicht-behinderte Konkurrenz. Nach der EM 2015 folgt eine kleine sportliche Durststrecke, weil ihr das passende Pferd fehlt.

Bis 2017 Anna Nolte vom Hofgut Rosenau in Dreieich auf sie zukommt und ihr „Diamond‘s Shine“ zur Verfügung stellt, einen Westfalen-Wallach. „Beim ersten Ritt hatte er einige Fragezeichen im Gesicht. Aber mir war sofort klar: Das ist ein Pferd für ganz vorne im Para-Sport!“, schwärmt sie noch heute. Mit „Shiny“, wie sie ihn liebevoll nennt, gelingt ihr die Qualifikation für die Weltreiterspiele im September in Tryon. Die beiden Bronzemedaillen dort sind die Krönung ihrer gemeinsamen, für Trabert viel zu kurzen Zeit.

Die Besitzerin möchte ihr Pferd wieder selbst im Turniersport einsetzen. Durch die Team-Medaille hat Deutschland drei Plätze bei den Paralympics 2020 in Tokio sicher, Trabert wird sich mit einem neuen Pferd qualifizieren müssen. „Das ist traurig für mich. Aber ich bin Anna Nolte sehr dankbar, dass ich anderthalb Jahre die Möglichkeit bekam, ein so tolles Pferd zu reiten. Das Beste, was ich jemals hatte.“

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Dass sie zeitgleich mit dem Para-Sport groß wurde, betrachtet sie als Vorteil. „Ich wuchs da hinein. Heute ist alles schwieriger geworden.“ Ohne ihre Trainer, Familie, Freunde und Unterstützer und Förderer wie die Sporthilfe Rheinland-Pfalz hätte sie, so betont sie, ihren Sport über all die Jahre nicht so betreiben können. Das Dressurreiten, das sie über alles liebt: „Es ist unglaublich, wie das Pferd auf minimale Hilfen mit seinem ganzen Körper reagiert. Man braucht keine Kraft dazu. Dieser Moment, dieses Gefühl, zu einer Einheit zu verschmelzen, das macht es aus. Das will man immer wieder erleben. Und dafür gibt es keine Medaillen.“

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