1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Aus der Regentonne zum WM-Titel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jörg Moll

Kommentare

Dick eingepackt vor dem Gang ins trübe und eiskalte Flusswasser: Alexa Ortwein vom WV Offenbach sicherte sich im polnischen Glogow drei WM-Titel.
Dick eingepackt vor dem Gang ins trübe und eiskalte Flusswasser: Alexa Ortwein vom WV Offenbach sicherte sich im polnischen Glogow drei WM-Titel. © -

Kalte Duschen mag Alexa Ortwein gar nicht. „Das ist nichts für mich“, sagt die 23-jährige Schwimmerin des Wassersportvereins Offenbach (WVO). Was aber nicht bedeutet, dass sie den Gang ins eiskalte Wasser scheut. Ganz im Gegenteil. Denn die angehende Ärztin ist neue Dreifach-Weltmeisterin im Eisschwimmen.

Offenbach - „Im eiskalten Wasser zu schwimmen ist ein ganz anderes Gefühl als kalt zu duschen“, betont Alexa Ortwein. Aber allemal nichts für Warmduscher. Über 50 Meter Rücken gewann sie bei den Eisschwimm-Wettkämpfen des Weltverbandes IISA im polnischen Glogow den Titel in der Altersklasse 18 bis 24 Jahre und stellte bei diesem Sieg einen neuen Weltrekord auf. Über 50 Freistil gewann sie nicht nur den Titel in ihrer Altersklasse, sondern auch die Weltmeisterschaft in der „Overall Kategorie“ aller Wertungsklassen und sicherte sich damit in einem Rennen gleich zweimal Gold. Über 50 Meter Brust schwamm sie zu Silber in ihrer Altersklasse und Bronze „Overall“. Über 100 Meter Freistil erreichte sie Bronze. Kurios: In diesem spannenden Wettbewerb blieben die Top drei unter der bisherigen Weltrekordzeit.

Alexa Ortwein: „Sport ist meine Passion. Mein ganzes Leben war auf Wettkampf ausgerichtet.“

Drei Grad Wassertemperatur und null bis zwei Grad Außentemperatur waren es bei der WM in Glogow. Schwimm-Begeisterte aus 30 Nationen stiegen dort in die eisigen Flussfluten - im Alter von 18 bis 79 Jahren. „Es ist eine Sportart, die großen Zuwachs verzeichnet“, hat Ortwein registriert. Was aber reizt eine junge Frau, sich solch einer Extremsituation auszusetzen? „Ich mag das Adrenalin, das dabei freigesetzt wird“; sagt die langjährige Leistungssportlerin, die auf den Sprintstrecken zuhause ist: „Sport ist meine Passion. Mein ganzes Leben war auf Wettkampf ausgerichtet, ich brauche diese Struktur einfach.“

Weil in Zeiten von Corona Wettkämpfe im „normalen“ Schwimmsport fast gänzlich ausgefallen sind und auch die German Open im Eisschwimmen der Pandemie zum Opfer fielen, war die Offenbacherin umso glücklicher, im trüben und durch heftige Winde von starken Strömungen geprägten Flusswasser in Glogow an den Start gehen zu können. Die Teilnahme unterlag strengen Richtlinien, ein ärztliches Attest samt EKG musste vorgelegt werden, dazu ein Coronatest. Auch An- und Abreise gerieten zur knackigen Challenge: Donnerstag Anreise, Freitag bis Sonntag Wettkämpfe, nach der Siegerehrung ging es umgehend zurück nach Offenbach. Ankunft Montagmorgen um 5 Uhr, zwei Stunden später stand der nächste Dienst in der Klinik an. „Einmal schaffst du das“, sagt Ortwein lächelnd: „Danach bin ich früh ins Bett gegangen.“

Zum Aufwärmen gibt es ein warmes Getränk im Freien

Und was empfiehlt sie Schwimmbegeisterten, die auch mal den Kick im Eiswasser angehen wollen? „Grundsätzlich kann das jeder probieren, es regt schließlich den Stoffwechsel an“, sagt sie, empfiehlt aber zugleich: „Nie alleine ins Eiswasser gehen - und wenn man eine Vorerkrankung hat, sollte man sich mit seinem Arzt besprechen.“

Ratsam sei, die Belastung etappenweise zu steigern. Sie selbst beginnt im Herbst mit Gängen in 10 bis 14 Grad kaltes Wasser. Als Trainingsgerät hilft auch eine Regentonne im Garten, in die Alexa Ortwein in der Vorbereitung regelmäßig eintauchte. Wer denkt, dass anschließend der sofortige Gang in saunaähnliche Räume ansteht, täuscht sich. „Das würde der Organismus nicht schaffen“, sagt die Radiologin am Ketteler-Krankenhaus. Zum Aufwärmen gibt es vielmehr ein warmes Getränk im Freien - dann folgt das „Warmfrieren“, wie sie das Durchschütteln des Körpers, um auf Temperatur zu kommen, bezeichnet.

Sport nimmt großen Raum in ihrem Alltag ein, alleine sechsmal pro Woche steht Krafttraining an. „Ich habe mein Training umgestellt“, erklärt sie, auch aus beruflichen Gründen - und weil eben in Pandemiezeiten Schwimmen in Bädern nicht immer möglich war. „Mit dem Krafttraining kann man diese fehlenden Wassereinheiten gut kompensieren.“

1,6 Kilometer in eisigen Fluten als großes Ziel

Eine smarte Untertreibung, wie die Erfolge bei der Eisschwimm-WM in Polen belegen. Und welchen Thrill möchte sie noch austesten? „Höhe mag ich gar nicht, also Fallschirmspringen oder Bungeespringen“, sagt sie lachend.

Dann doch lieber wieder der Gang ins Eiswasser? „Die Eismeile wäre mal was“, sagt Alexa Ortwein. 1,6 Kilometer in eisigen Fluten haben in Deutschland kaum zwei Handvoll Frauen absolviert. Das ist selbst für Kaltduscher eine wenig überraschende Statistik.

Von Jörg Moll

Auch interessant

Kommentare