„Dann pfeift doch selbst“

Schiedsrichter beendet seine Karriere während des Spiels

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Rolf Hölzinger (links) hat seine Schiedsrichterkarriere spektakulär beendet. Simon Sachtleber macht weiter.

Offenbach – Es ist Sonntagnachmittag, die zweite Halbzeit in der Partie der Handball-Bezirksliga A Offenbach-Hanau zwischen der HSG Obertshausen/Heusenstamm und der HSG Preagberg läuft, als sich eine denkwürdige Szene abspielt.

Schiedsrichter Rolf Hölzinger hat genug von permanenten Kommentaren von den Trainerbänken, legt die Pfeife nieder und verlässt das Feld mit den Worten: „Dann pfeift doch selbst“. Da sich Hölzinger nicht zur Rückkehr überreden lässt, muss sein Gespannpartner Simon Sachtleber die Partie alleine zu Ende leiten.

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“, gibt Pedro Valina, der Preagberger Trainer, Tage nach dem Spiel zu Protokoll. Auslöser für Hölzingers spontane Reaktion war, dass Valina für den Grund nach einem Siebenmeterpfiff gefragt hatte - für den jungen Schiedsrichter wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Es sei nicht so sehr Valinas Nachfrage gewesen, noch sei das Spiel an sich außergewöhnlich hitzig gewesen, meinte Hölzinger, sondern viel mehr, „dass generell ständig gemeckert und kommentiert wird - und das jedes Wochenende.“ Hölzinger beklagt „fortwährende Respektlosigkeiten“ bis hin zu „Beleidigungen auf unterstem Niveau“, die seinen Alltag bestimmen, sobald er am Wochenende zur Pfeife greift. „Wir machen das praktisch ehrenamtlich und opfern unsere Freizeit - nur um uns dann permanent anmeckern zu lassen. Irgendwann reicht es dann einfach.“ Hölzinger, der 20 Jahre alt ist und seit vier Jahren pfeift, hat genug vom Schiedsrichterdasein und wird die Pfeife an den Nagel hängen.

Dieser Entschluss stand schon fest, bevor er am Sonntag das Spielfeld verließ. Die Atmosphäre, die ihm jedes Wochenende in den Hallen entgegenschlägt, sei ein Grund für seinen Rücktritt gewesen - und letztlich auch der Auslöser für seinen spontanen Abgang.

Die sichtlich verdutzten Trainer und sein Gespannpartner Simon Sachtleber versuchten zwar noch, Hölzinger vom Weitermachen zu überzeugen, der ließ sich aber nicht überreden. „Es war ein hitziges Spiel mit ständigen Kommentaren, Rolf hat in der Halbzeitpause schon seinen Frust darüber geäußert. Aber dass er dann wirklich geht, hat mich überrascht, auch wenn ich seine Reaktion teilweise nachvollziehen kann“, so Sachtleber.

Die größten Schiri-Pannen bei WM-Turnieren

Valina hingegen fiel aus allen Wolken und hatte die enge Partie als „nicht sonderlich hitzig oder unfair“ wahrgenommen: „Nach meiner Einschätzung waren es die ganz normalen Meinungsverschiedenheiten zwischen Trainern und Schiedsrichtern. Allerdings“, schränkt der Preagberg-Coach ein, „bin ich als Trainer während des Spiels vor allem mit mir und meiner Mannschaft beschäftigt.“

Tarik Ahmetspahic, der zusammen mit den beiden Schiedsrichtern bei der MSG Hanau/Erlensee spielt und die Partie als Zuschauer verfolgt hat, stützt die Darstellung der Unparteiischen. „Jede Entscheidung ist von den Ersatzbänken kommentiert worden, immer gab es Diskussionen“, so Ahmetspahic, der Hölzingers Entscheidung daher nachvollziehen kann: „Sonst artet es noch aus wie beim Fußball.“

Während Hölzingers Abschied vom Schiedsrichterdasein feststeht, will Sachtleber aber weiterhin Handballspiele pfeifen. Hölzinger blickt derweil ohne Bedauern zurück: „Meine Reaktion tut mir eigentlich nur für Simon leid, der alleine zu Ende pfeifen musste. Ich würde mir wünschen, dass das Verhältnis zwischen Teams und Schiedsrichtern auch auf lokaler Ebene so ist wie bei der Weltmeisterschaft: Da liegen die Schiedsrichter auch nicht mit jedem Pfiff richtig, aber die Teams akzeptieren das einfach - ohne lange Diskussionen.“

Von Robert Giese

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