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Ein ganzer Jahrgang Nichtschwimmer

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Von: Stefan Moritz

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Schwimmen zu lernen, ist in der Coronavirus-Pandemie besonders schwierig.
Schwimmen zu lernen, ist in der Coronavirus-Pandemie besonders schwierig. © DLRG/Reinelt

Die mittlerweile weit länger als ein Jahr andauernde Coronavirus-Pandemie hat auch schwerwiegende Folgen für die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung. Im Auf und Ab der Lockdowns wurden auch die Schwimmbäder immer wieder für längere Zeit geschlossen. Der Schwimmunterricht in den Schulen und private Schwimmkurse konnten zum überwiegenden Teil nicht stattfinden seit dem Beginn des ersten Lockdowns im März 2020.

Offenbach - „Die Lage ist dramatisch. Wir haben einen Riesenstau in der Schwimmausbildung“, sagt Michael Hohmann, Präsident der Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Hessen: „Ein kompletter Jahrgang hat das Schwimmen nicht gelernt. Allein in Hessen sind das 75  000 Kinder, die in der dritten oder vierten Schulklasse das Schwimmen gelernt hätten. Und alle, die 2019 schwimmen gelernt haben, hatten seitdem keine Möglichkeit mehr, das zu üben. Da werden viele wieder unsicherer geworden sein.“

Fehlende Schwimmfähigkeit kann Leben kosten. „Der beste Schutz vorm Ertrinken ist es nun einmal, schwimmen zu können“, sagt Hohmann. Im Jahr 2020 sind in Deutschland mindestens 378 Menschen ertrunken, wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft kürzlich wieder in ihrer alljährlichen Statistik veröffentlicht hat. Große Gefahren birgt mangelhafte Schwimmfähigkeit zudem für Trendsportarten wie Stand-Up-Paddling, Kitesurfen oder Rafting, die ja alle auf Wasser stattfinden. „Das kann schnell richtig gefährlich werden, wenn jemand nicht richtig schwimmen kann“, sagt Hohmann.

Zumal es um die Schwimmfähigkeit in Deutschland schon vor der Pandemie alles andere als gut bestellt war. Eine repräsentative Umfrage hat schon 2017 ergeben, dass sich fast 60 Prozent der Zehnjährigen nicht sicher im Wasser bewegen können.

Flüsse und Seen die größten Gefahrenquellen

Mindestens 378 Menschen sind nach der Statistik der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Jahr 2020 in Deutschland ertrunken. Mindestens 335 Personen, 88 Prozent der Opfer, in Binnengewässern. „Flüsse und Seen sind nach wie vor die größten Gefahrenquellen. Nur vergleichsweise wenige werden von Rettungsschwimmern bewacht. Das Risiko, dort zu ertrinken, ist deshalb um ein Vielfaches höher als an Küsten oder in Schwimmbädern“, sagt Achim Haag, Präsident der Wasserretter. Die tödlichen Unfälle an den Strandabschnitten der Nord- und Ostsee haben sich dagegen im Vergleich zu 2018 und 2019 weiter reduziert.

Auch hier in der Region ist die Lage in der Schwimmausbildung kritisch. „In der Hallensaison von Oktober bis zu den Osterferien haben wir normalerweise zehn Schwimmlernkurse für je acht Kinder angeboten“, sagt Stefan Güldenstein von der Volkshochschule Langen, „wir hoffen, dass wir im Herbst wieder Kurse anbieten können. Die Nachfrage wäre groß genug, um wochenlang ausschließlich Anfängerkurse zu veranstalten und niemand anderen mehr ins Bad zu lassen.“

Im Heusenstammer Hallenbad haben vor der Pandemie pro Jahr mehr als 200 Menschen an verschiedenen Schwimmkursen der Volkshochschule teilgenommen. Das war und ist aktuell nicht möglich, weil das Bad geschlossen ist. „Bei der Schließung des Schwimmbades wurde das Wasser abgelassen und die Technik runtergefahren. Die Mitarbeiter befinden sich seitdem in Kurzarbeit. Eine Öffnung ist daher anders als bei anderen Sportanlagen mit hohem Aufwand und Kosten verbunden“, erklärt Giovanni Longhitano, Geschäftsführer der Volkshochschule und Fachdienstleiter Sport und Kultur der Stadt Heusenstamm. Zumal wenn die Ungewissheit besteht, dass das Bad bald darauf vielleicht doch noch einmal wieder pandemiebedingt geschlossen werden muss.

Auch in Offenbach, in der Schwimmschule des Ersten Offenbacher Schwimm-Clubs (EOSC), haben vor der Pandemie alljährlich etwa 300 Kinder das Schwimmen gelernt. Im vergangenen Jahr war es keines. „Null, niente. Wir mussten sämtliche Schwimmkurse absagen“, berichtet der EOSC-Vorsitzende Matthias Wörner.

Und Volkmar Engelbrecht, Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Seligenstadt, berichtet: „Unsere Anfängerkurse waren schon vor der Pandemie immer voll und wir haben eine lange Warteliste. Wir brauchen aber dringend geöffnete Bäder und Nutzungszeiten.“

Dabei wähnte sich die DLRG Hessen schon auf einem guten Weg aus der Krise. Denn laut der letzten Landesverordnungen durften die Bäder für den Schwimmunterricht der Schulen und die Ausbildung in den Vereinen wieder genutzt werden. In der kürzlich erlassenen Bundesnotbremse steht nun aber wieder kommentarlos: „Die Schwimmbäder sind zu schließen. Auf zunächst wieder unabsehbare Zeit.“

„Und die Bereitschaft, jetzt noch eine eigene Auslegungsverordnung zu diesem Bundesgesetz zu erlassen, ist in der Hessischen Landesregierung gering“, berichtet Hohmann, der DLRG-Landesvorsitzende.

Die Rettungsschwimmer aber arbeiten an Alternativplänen, um den großen Ausbildungsrückstau zumindest ein bisschen abzubauen, wie Hohmann berichtet „Wir planen eine große Schwimmkursinitiative für die Sommerferien in Freibädern und auch in Badeseen, um alle möglichen Wasserflächen zu nutzen.“

Von Stefan Moritz

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