„Halblang machen geht bei uns nicht“

Dieburger Sonny Weishaupt über Football in Corona-Zeiten und Zweifel am Spielbetrieb

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Zwei Spielzeiten absolvierte Sonny Weishaupt im Trikot von Frankfurt Universe und gewann 2018 die deutsche Vizemeisterschaft. Im vergangenen Jahr holte der Dieburger mit Braunschweig den Titel.

Die gut einstündige Fahrt aus seinem Heimatort Dieburg nach Marburg legt Sonny Weishaupt gerne zurück. Der Erstliga-Footballer, einst für Frankfurt Universe aktiv und zu Jahresbeginn nach Mittelhessen gewechselt, freut sich über etwas Normalität.

Dieburg – Auch wenn der Saisonstart der GFL in weiter Ferne liegt. Im Interview spricht der 27-Jährige über Training in Corona-Zeiten, die umstrittenen Pläne des Verbands und warum harter und längerer Kontakt im Football unvermeidlich ist.

Die Sportwelt kommt so langsam wieder in Bewegung, muss sich aber strengen Vorschriften unterordnen. Wie sieht es bei den Footballern aus?

Wir dürfen wieder in Kleingruppen trainieren. Das heißt, mit maximal 15 Spielern, verteilt auf drei Zonen. Nach einer Stunde wird dann gewechselt. Danach habe ich als Quarterback noch die Möglichkeit, Bälle zu werfen und mit den Receivern die Passrouten einzustudieren.

Auf welche Regeln müssen Sie besonders achten?

Die Bälle werden vor und nach den Übungen desinfiziert. Natürlich müssen wir auch die Distanz wahren, dürfen die Umkleiden nicht benutzen und auch nicht die Ausrüstung untereinander tauschen. Die Trainer an der Seitenlinie tragen Mundschutz. Außerdem gibt es keine Handshakes. Das ist natürlich alles etwas seltsam, aber besser als nichts. Und die Gespräche tun richtig gut.

Sie sind in Babenhausen aufgewachsen, in Dieburg zur Schule gegangen, wo Sie jetzt auch leben. Gespielt haben Sie in Hanau und Frankfurt, zuletzt aber auch in Grenoble und Braunschweig. Froh wieder in der Heimat zu sein?

Das soziale Umfeld hat mir sehr gefehlt und ich fühle mich in der Region zuhause. Ich habe in Dieburg viele Freunde, auch guten Kontakt zu Universe. Zu den Hanau Hornets weniger. Die Nachricht, dass Bernd Schmitt gestorben ist, hat mich aber sehr berührt. Als Jugendlicher war er mein Trainer.

Ihre Rückkehr nach Marburg hätten Sie sich sicher aber anders vorgestellt?

Natürlich, aber es ist nun mal eine Ausnahmesituation. Ich bin freundlich aufgenommen worden. Im Training lief es richtig gut und ich war heiß auf die Saison. Aber jetzt ist eben alles in der Schwebe.

Der Verband plant die Saison von September bis November fortzusetzen. Die meisten Klubs sind dagegen. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde es erst mal sehr schade, dass wir Spieler da außen vor gelassen werden. Schließlich sind wir es, die unsere Gesundheit aufs Spiel setzen. Es gibt in dieser Sache nicht nur schwarz oder weiß, dafür ist alles zu komplex. Fakt ist, dass die Bedingungen für einen Neustart stimmen müssen.

Wie müssen die aussehen?

Man braucht eine sechwöchige Vorbereitungszeit. Dazu gehört die Fitness, vor allem aber footballspezifisches Training. In unserem Sport kommt es viel auf Abstimmung und Präzision an. Durch meinen Job in einem Gesundheitszentrum habe ich den Vorteil, dort an der Physis arbeiten zu können.

Ist für einen Kontaksport wie Football die Rückkehr zur Normalität besonders schwierig?

Klar, man wird im Spiel häufig berührt und härter zu Boden gebracht. Der Kontakt dauert auch länger. Bei uns gibt es Schweiß, Speichel, Blut. Außerdem greift man sich oft ins Gesicht, nimmt den Mundschutz rein und raus. Das ist unvermeidbar. Halblang machen geht nicht.

Es gibt Überlegungen, nur drei statt sieben Schiedsrichter einzusetzen und die Kadergröße zu reduzieren, um das Risiko zu verringern....

Diese Vorschläge sind mit Verlaub ziemlicher Schwachsinn. Rotieren ist in unserem Sport wichtig, da braucht man genügend Spieler am Seitenrand. Und den Schiedsrichtern würde man damit auch keinen Gefallen tun. Sie haben ohnehin schon einen sehr schwierigen Job.

Hört sich alles nicht sehr zuversichtlich an...

Ich bin kein Virologe, aber es sieht nicht wirklich gut aus. Selbst wenn die Plätze wieder öffnen, bleibt das Problem der Belegung, da es mit dem Fußball kollidiert. Die Mieten müssen bezahlt werden, ohne dass wir das Stadion füllen können. Wenn ich da zum Beispiel die Situation von Universe im FSV-Stadion sehe. Wenn sie dort nicht mehr spielen können, gibt es eigentlich keinen Ersatz. Und Erstliga-Football auf einem Schulsportgelände macht auch wenig Sinn.

Wären Geisterspiele eine Lösung?

Das ist definitiv keine Option. Da sind sich auch alle einig. Die Klubs sind auf die Spieltagseinnahmen angewiesen, wir können ja nicht auf TV-Gelder zurückgreifen wie in anderen Sportarten.

Was ist dann Ihr Vorschlag für das Jahr 2020?

Man könnte die Zeit zur Fort- und Weiterbildung nutzen. Gerade über Videokonferenzen. Auch Trainingslager sind möglich und das eine oder andere Testspiel im kleinen Rahmen und mit entsprechenden Vorkehrungen. Mir schwebt da ein Hessenbowl mit den höherklassigen Teams vor. Also bietet die Situation auch eine Chance.

Besteht keine Gefahr, dass einzelne Klubs bei Saisonabbruch pleite gehen?

Ich bin kein Teammanager, aber wenn die Lizenzgebühren vom Verband zurückgezahlt werden, sollte es klappen. Man muss sich immer überlegen, ob alles andere tragbar wäre und dem Wettkampfcharakter entspricht. Eines muss klar sein: Einen German Bowl in Frankfurt wie im Vorjahr mit 20 000 Fans wird es nicht geben.

Das Gespräch führte Jörn Polzin

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