„Früher war es einfacher als heute“

Conny Hanisch traut Offenbacher Degen-Trio Titel bei Heim-WM zu

Cornelia Hanisch, inzwischen 65 Jahre alt. Sie joggt, fährt Rad und spielt Golf. J   Foto: app
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Cornelia Hanisch, inzwischen 65 Jahre alt. Sie joggt, fährt Rad und spielt Golf.

Offenbach - Vor fast genau 32 Jahren hat Florettfechterin Cornelia Hanisch den letzten Einzel-Titel bei einer WM nach Offenbach geholt. Sie triumphierte in Barcelona anschließend auch mit der Mannschaft - ihre Titel Nummer drei und vier. Von Holger Appel

Die 65-jährige Dietzenbacherin, seit Anfang des Monats pensioniert, drückt jetzt für die Heim-WM in Leipzig (19. bis 26. Juli) dem Offenbacher Degen-Trio Nadine Stahlberg, Monika Sozanska und Richard Schmidt die Daumen.

Cornelia Hanisch, wie holt man WM-Titel im Fechten?
Mit viel Training, eiserner Disziplin, großem Glück, mit dem Trainer und dem Umfeld - dann ist wie bei mir alles möglich.
Ihr damaliger Trainer Horst-Christian Tell hat bei seinem Amtsantritt 1972 schon nach vier Wochen gesagt, Sie werden mal Weltmeisterin.
Ja, und ich weiß bis heute nicht, ob das ein Trick war, um mich bei der Stange zu halten oder ob er das tatsächlich geglaubt hat. Aber letztlich hat er Recht behalten. Er war ein großer Trainer, auch wenn ich zum Anfang seiner Offenbacher Zeit nach den Einheiten zum Teil weinend von der Planche marschiert bin.
Wie das?
Er war nicht nur Trainer, sondern schon nach kurzer Zeit aus Mangel an Alternativen auch mein Sparringspartner. Er war weitaus älter als ich, von kleiner Statur, aber raffiniert ohne Ende. Auf der Planche war er eine richtig fiese Ratte. Aber ich habe mir seine Tricks abgeschaut. Wir sind zusammen aufgestiegen in die Weltspitze.
Der Moment des WM-Triumphs vor 36 Jahren im französischen Clermont-Ferrard: Cornelia Hanisch geht nach dem entscheidenden Treffer gegen Jujie Luan (China) jubelnd in die Knie.
Ihnen sind also wegen des fiesen Toptrainers die Partner bei den Übungseinheiten ausgegangen?
Wir waren vier richtig gute Athleten in Offenbach, die bei ihm schon vormittags intensiv trainiert haben. Andreas Anneken war der Begabteste, er hat bald aufgehört. Denn man benötigte eine unglaublich starke Psyche
.
Das bedeutet konkret?
Wenn man viel und auf hohem Niveau trainiert, wird man im Fechten - zumindest gefühlt - erst einmal schlechter, weil man sich zu sehr unter Druck setzt. Das kann unfassbar frustrierend sein. Aber ich war in der Lage zu sagen, ich riskiere es und gebe weiter alles. Und ich wurde belohnt.
Sogar mit den Olympischen Medaillen hat es noch geklappt.
Mit ihnen konnte ich nicht mehr rechnen. 1976 in Montreal war ich für den großen Sprung noch zu jung, 1980 in Moskau kam der Boykott. Das war Frust pur. Ich war 1979 und 1981 Weltmeisterin, am Höhepunkt meiner Karriere. In Veronique Trinquet ist 1980 eine Französin Olympiasiegerin geworden, die - ganz ehrlich - nicht richtig fechten konnte. Ich habe nie gegen sie verloren. Aber 1984 in Los Angeles habe ich dann meinen großen Traum erfüllt, voll fokussiert, mit großer Routine.
Und 1985 folgten die WM-Titel im Einzel und im Team.
Da war ich schon als Lehrerin im Schuldienst. Dank der Unterstützung der Sporthilfe hatte ich aber keine volle Stelle, konnte mich noch einmal voll auf die WM konzentrieren. Das war dann die Krönung meiner Karriere. Und dass ich dem Team helfen konnte, macht mich noch immer stolz.
Sie waren doch im Einzel Weltmeisterin...
...und Weltmeister im Einzel sind im anschließenden Teamwettbewerb bis heute für jeden Gegner das rote Tuch. Jeder will im Mannschaftswettbewerb den Weltmeister aus dem Einzel schlagen. Aber ich war damals mit meinen 32 Jahren so erfahren und entspannt, ich konnte mein Ziel locker verfolgen.
Warum kam nach Ihnen kein Weltmeister mehr aus Offenbach?
In Offenbach war nie so viel Potenzial, waren nie so viele Fechter wie zum Beispiel in Tauberbischofsheim. In Offenbach waren aber immer wieder gute Fechter dabei, aber leider hat es niemand mehr bis ganz nach oben geschafft.
War es früher einfacher als heute?
Ja, früher gab es weniger Weltcup-Turniere. Trainer Tell konnte für mich in meinen besten Zeiten einen optimalen Jahresplan zusammenstellen. So etwas geht heute schon längst nicht mehr.
Wie sah der Plan aus?
Im Oktober und November haben wir Kondition trainiert, im Dezember und Januar ging es weiter mit viel Techniktraining. Im Februar, März und April standen dann Sprint- und Krafttraining im Fokus, vor der EM oder WM im Mai und Juni nur noch Schnelligkeit. Technik und vor allem Routine hatte ich ja mehr als genug. Und direkt vor der Weltmeisterschaft hat Tell mich machen lassen, was ich wollte. Heute undenkbar.

Bilder: Offenbacher Fechter feiern Erfolge bei deutscher Meisterschaft

Offenbacher Fechter feiern Erfolge bei deutscher Meisterschaft
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