Was macht eigentlich?

Früherer Torjäger Hubert Genz: Axt in der Hand statt Kickschuhe am Fuß

„Das hält fit“: Zweimal in der Woche ist der 71-jährige Hubert Genz im Wald und macht Holz.
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„Das hält fit“: Zweimal in der Woche ist der 71-jährige Hubert Genz im Wald und macht Holz.

Kurzes Klingeln an der Gartentür. In der Haustür erscheint wenig später ein vital wirkender Mann. Nur das schlohweiße Haar verrät, dass der Hausherr schon einige Jährchen auf dem Buckel hat. Genau 71 sind es, wie Hubert Genz glaubhaft versichert. Davon hat der einstige Spieler der Offenbacher Kickers und des FSV Frankfurt über fünf Jahrzehnte dem Fußball gewidmet.

Maintal – Mit sieben Jahren ging es bei Germania Dörnigheim los, mit seinem Pensionseintritt vor zehn Jahren zog er sich nicht nur vom Berufsleben, sondern auch vom Fußballgeschehen zurück. Seit 2015 steht die Erinnerungskultur im Mittelpunkt, wenn es um das runde Leder geht. „Ich habe damals mit Peter Rübenach, der leider im vergangenen Jahr verstorben ist, den FSV-Stammtisch ins Leben gerufen. Wir treffen uns alle zwei Wochen in einem Dörnigheimer Lokal“, berichtet Hubert Genz.

Es ist ein illustrer Kreis, dem unter anderen Jürgen Sparwasser, Torschütze der DDR beim sensationellen 1:0-Sieg gegen die Bundesrepublik Deutschland bei der WM 1974, Karlheinz Volz, Torwart der Offenbacher Mannschaft, die 1971 sensationell den 1. FC Köln 2:1 im Pokalfinale besiegte oder auch Horst „Schotte“ Trimhold, Ehrenspielführer des FSV Frankfurt, angehören. Aber auch Nicht-Kicker sind dabei, wie der Ex-Pressesprecher des DFB, Harald Stenger.

FSV-Stammtisch muss aktuell ausfallen

Die Corona-Pandemie macht den Oldies momentan einen dicken Strich durch die Rechnung. „Letztmals haben wir uns am 24. August 2020 getroffen, da war Rübenach noch dabei“, erinnert sich Hubert Genz. Damals traf man sich bei Fritz Trageser, dem früheren Physiotherapeuten des FSV, in Alzenau.

Hubert Genz vermisst die Treffen: „Da fehlt einfach was, ein bisschen Dummschwätzen macht doch Spaß.“ Jetzt hofft der Vater von drei Töchtern und vierfache Opa, dass im Frühsommer wieder Zusammenkünfte möglich sind.

Trainier in Dietesheim: Das

Langweilig wird es dem einstigen Torjäger trotzdem nicht. Dafür sorgen schon sein großer Garten und das Holzmachen im nahe liegenden Wald für den heimischen Kamin. Von Oktober bis Ende März ist er zweimal pro Woche im Wald. „Das hält fit!“

Bei der Dörnigheimer Germania begann 1957 die fußballerische Laufbahn des fünffachen U18-Nationalspielers. Mit 16 Jahren wechselte er 1965 zu Kickers Offenbach. Der Wechsel löste in der Familie eine Krise aus. „Mein Vater war ein Ur-Germane, er wollte dem Wechsel auf keinen Fall zustimmen und drohte, meine Kickstiefel zu verbrennen“, erinnert sich Hubert Genz. Die Mutter rettete sie aus dem Herd. Auch die Freigabemodalitäten lösen heutzutage ungläubiges Staunen aus. Kickers-Geschäftsführer Willi Konrad handelte mit der Germania zwei Satz Trikots und 15 Bälle für die Jugendabteilung aus.

1968 war ein Schickslasjahr

Unter Kurt Schreiner, laut Hubert Genz einer der besten Trainer, die er kannte, spielte der aufstrebende Goalgetter zwei Jahre in der A-Jugend. „Wir konkurrierten damals mit Eintracht Frankfurt um die Spitze im Jugendfußball.“ Dann kam das Jahr 1968, ein Schicksalsjahr für Hubert Genz. Er gehörte der U18-Auswahl des DFB an, die am UEFA-Turnier in Frankreich teilnahm. Der Trainer hieß Udo Lattek. Im ersten Spiel siegten die DFB-Youngster mit 2:0 gegen Italien, Hubert Genz erzielte das 1:0.

Das zweite Spiel gegen Jugoslawien in Nizza wurde für ihn zum Albtraum. Der gegnerische Abwehrrecke Ivan Buljan, der später für den Hamburger SV spielte, foulte Hubert Genz schwer, der sich dabei einen Schienbeinbruch zuzog. „Heutzutage hätte ich nach acht Wochen wieder gespielt, damals verbrachte ich ein Dreivierteljahr im Krankenhaus und brauchte 18 Monate, bis ich wieder Fußballspielen konnte“, erzählt Genz, der es als Wunder bezeichnet, dass er noch 170 Spiele in der 2. Liga absolvierte.

Er konnte von Glück sagen, dass er bereits einen Vertrag beim OFC unterschrieben hatte. 180 DM im Monat waren ein allerdings sehr bescheidenes Salär. „Richtige Profis gab es damals nur wenige, viele hatten einen Halbtagsjob“, blickt er zurück. Nach der langen Verletzungspause startete er bei den OFC-Amateuren einen Neuanfang, der Sprung in die erste Mannschaft und damit verbunden in die Bundesliga blieb ihm aber verwehrt.

1969 wechselte Hubert Genz vom OFC zum FSV Frankfurt

1969 löste Hubert Genz seinen Vertrag bei den Kickers auf und wechselte auf die andere Mainseite zum FSV Frankfurt. Zwei Jahre blieb er am Bornheimer Hang. Mit dem Gewinn der deutschen Amateurmeisterschaft (2:1 gegen den TSV Marl-Hüls) verabschiedete sich Hubert Genz 1972 Richtung Jahn Regensburg. Nach zwei Spielzeiten bei Jahn kehrte er 1974 wieder zu den Blau-Schwarzen zurück.

Seine Hände mit im Spiel hatte der Hochstädter Heinrich Trepte, der Hubert Genz schon 1970 als FSV-Vizepräsident an den Bornheimer Hang gelotst hatte. „Mir konnte seinerzeit nichts Besseres passieren. Trepte vermittelte mir eine Ausbildung bei der Bahn“, berichtet der gelernte Bauschlosser. 1978 erfolgte die Übernahme in das Beamtenverhältnis, wo er es bis zum Bahnoberinspektor brachte.

Im gleichen Jahr schlug Hubert Genz mit dem Wechsel zum FC Hanau 93 eine weitere Seite in seiner Fußballer-Vita auf. Die Ehe mit den 93ern dauerte nur eine Saison, auch Hubert Genz konnte den sofortigen Wiederabstieg aus der 2. Liga nicht verhindern. „Uns fehlte nur ein Punkt zum Ligaverbleib“, ärgert er sich noch heute. Im letzten Spiel bei Waldhof Mannheim traf er in der 90. Minute aus 20 Metern nur die Lattenunterkante. Nur Millimeter fehlten zum 1:1-Ausgleich und dem damit verbundenen Ligaverbleib. Der Kontakt zum damaligen 93er Präsidenten Reinhard Tölg besteht bis heute. „Er gehört ebenfalls dem FSV-Stammtisch an“, sagt Genz.

Mit dem Abschied vom ältesten hessischen Fußballverein endete auch seine semiprofessionelle Fußballerlaufbahn. Mit 31 Jahren wurde er Trainer bei der Spvgg. Dietesheim, die er 1980 in die Hessenliga führte. An das damalige Entscheidungsspiel gegen den VfB Großauheim vor sage und schreibe 7000 Zuschauern im Herbert-Dröse-Stadion erinnert er sich noch genau zurück. „Wir lagen 0:1 zurück, weshalb ich mich in der 80. Minute selbst einwechselte und damit meinem Vorsatz, nicht mehr zu spielen, untreu wurde.“ Sein Kurzeinsatz sollte sich lohnen. Mit zwei Toren, das letzte in der Schlussminute mit einem Heber über den gegnerischen Torwart, drehte Hubert Genz das Spiel und wurde zum gefeierten Helden der Partie.

Spieler in Offenbach: Hubert Genz trug Ende der 60er das Trikot der Kickers.

Sieben Jahre hielt er Dietesheim die Treue, bevor es ihn 1988 zum dritten Mal an den Bornheimer Hang zog, diesmal als Trainer. Er löste den früheren Eintrachtler Wolfgang Solz ab. Zwar wurden die Blau-Schwarzen 1990 (5:1 gegen Eintracht Haiger) unter Genz’ Regie Hessenpokalsieger, das große Ziel, der Aufstieg in die zweite Liga, wurde aber klar verpasst.

Beim FC Eschborn für Schlagzeilen gesorgt

Für Schlagzeilen sorgte Hubert Genz in den Jahren von 1997 bis 2001 beim aufstrebenden FC Eschborn. „Das war eine unglaubliche Geschichte. Wir stiegen binnen fünf Jahren von der Bezirksliga in die Regionalliga auf.“ Dort wurde er nach fünf Spielen im September 2001 entlassen. Es passte in das Chaos, das danach in Eschborn ausbrach und in der Insolvenz des Vereins endete.

Um den Trainer Hubert Genz wurde es ruhiger. Nur einmal kehrte der Inhaber der A-Lizenz ins Fußball-Rampenlicht zurück. „Auf Bitten von Sponsor Klaus Kutger übernahm ich den VfR Kesselstadt, den ich in die Landesliga Süd führte“, blickt Hubert Genz zurück. In der zweithöchsten hessischen Amateurliga verließ ihn das Fußball-Glück. Nach wenigen Spielen wurde er entlassen.

Stolz schwingt in seiner Stimme mit, wenn von seinen Enkeln die Rede ist. Dass die drei Jungs Lukas (19), Lennart (14) und Linus (13) bei den Sportfreunden Seligenstadt spielen, war zu erwarten, da die Familie in Seligenstadt wohnt. Dass aber auch Enkelin Lea (16) das Fußball-Gen ihres Großvaters geerbt hat und dem runden Leder beim SV Zellhausen, der mit dem JSK Rodgau eine Spielgemeinschaft bildet, nachjagt, macht den rüstigen Opa noch einen Tick stolzer. „Das ist eine richtig Gute“. Aber auch sie tritt in große Fußstapfen, die ihr der Großvater hinterlassen hat. (Von Gert Bechert)

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