INTERVIEW Funktionär aus Langen reist mit gemischten Gefühlen zu Olympischen Spielen nach Tokio

Jürgen Barth: „Für mich schließt sich der Kreis“

„Das war Gänsehaut pur“: Fahnenträger Dirk Nowitzki führt die deutsche Delegation bei der Eröffnungsfeier 2008 ins Olympiastadion von Peking.
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„Das war Gänsehaut pur“: Fahnenträger Dirk Nowitzki führt die deutsche Delegation bei der Eröffnungsfeier 2008 ins Olympiastadion von Peking.

Langen – Am Donnerstag wird Jürgen „Jogi“ Barth (64) in den Flieger steigen. Ziel: Japan, Tokio. Anlass: die Olympischen Sommerspiele. Es sind die vierten und zugleich auch die letzten, an denen der Langener als Funktionär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) teilnimmt. Im Interview spricht der langjährige Basketball-Manager des TV Langen über seine Aufgaben bei den besonderen Spielen, Kuriositäten und Höhepunkte vergangener Auflagen und was er den Basketballern zutraut.

Herr Barth, mit welchen Gefühlen starten Sie nach Tokio?

Ich bin zwiegespalten. Einerseits wächst die Vorfreude, andererseits ist die Ungewissheit da, was einen dort erwartet. Es wurde viel diskutiert, besprochen und Maßnahmenkataloge erstellt, aber wir werden die Praxis erst vor Ort kennenlernen. Die Auflagen der japanischen Regierung sind sehr streng.

Erzählen Sie mal...

Das fängt mit der Vorbereitung und Anreise an. Es wird umfangreiche Tests geben. Alles wird genau dokumentiert. In den vergangenen Tagen sollten wir täglich unsere Körpertemperatur messen und notieren. Vor dem Abflug sind zwei PCR-Tests erforderlich. Natürlich müssen alle Zertifikate mitgebracht und kontrolliert werden. Und das bei 10 000 Sportlern und 5 000 Betreuern. Wenn wir in Tokio angekommen sind, ist die erste Hürde genommen.

Hört sich sehr aufwendig an. Was kommt während der Spiele auf Sie zu?

Die Aufenthaltsorte werden anhand von Aktionsplänen überprüft. Zudem gibt es das Olympia-„Spielbuch“ mit den Verhaltensempfehlungen. So wird es nicht möglich sein, als Athlet die Wettkämpfe anderer Sportarten vor Ort zu verfolgen. Es gibt diesmal keine Kartenkontingente, auch kein deutsches Haus. Es werden definitiv andere Spiele.

Andere Spiele, bei denen erstmals keine Zuschauer zugelassen sind. Wie stehen Sie zur Entscheidung?

Die Impfrate in Japan ist vergleichsweise gering, da kann ich die Sorgen und Sorgfalt nachvollziehen. Andererseits hätte ich mir für die Sportler gewünscht, dass sie nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit antreten müssen. Da fehlt die Atmosphäre. Mit entsprechenden Hygienekonzepten wäre vielleicht eine überschaubare Anzahl von Zuschauern zu verantworten gewesen. Überfüllte Stadien wie bei der Fußball-EM in London oder Budapest sehe ich aber sehr kritisch.

Sie sind in Tokio für die Teamsportarten zuständig. Skizzieren Sie bitte mal das Aufgabenfeld...

Wir organisieren die Rahmenbedingungen, um die Verbände bestmöglich zu unterstützen, geben Einschätzungen, bereiten Pressekonferenzen vor und viele kleine Dinge mehr. Wenn mal Klopapier fehlt oder Wäschebeutel vertauscht wurden, sind wir zur Stelle. Ich hatte mal die Verantwortung für einen Fuhrpark mit 15 Fahrzeugen. Auch das Kerngeschäft muss weitergehen. Ich betreue auch in dieser Zeit die Sportarten, die es nicht nach Tokio geschafft haben, wie Rugby oder Volleyball.

Bleibt da überhaupt Zeit für andere Aktivitäten?

Frei bewegen können wir uns dort nicht. Das erlaubt die Lage nicht. In Peking 2008 sind wir mal zur Chinesischen Mauer gefahren. In Rio 2016 konnten wir uns nur vorsichtig bewegen. Es sind ja auch immer Sicherheitskräfte dabei, die einem Tipps geben. Man bewegt sich von Blase zu Blase.

Sie haben die Highlights angesprochen. Welche sportlichen Momente ihrer bisherigen drei Olympia-Teilnahmen sind besonders haften geblieben?

Ganz vorne der Einmarsch ins Olympiastadion von Peking vor 100 000 Zuschauern. Damals war Dirk Nowitzki unser Fahnenträger, ein ganz besonderer Moment. Auf die Wettkämpfe bezogen die Beachvolleyball-Goldmedaillen von Julius Brink/Jonas Reckermann 2012 in London und Laura Ludwig/ Kira Walkenhorst vier Jahre später in Rio. An der Copacabana das Finale zu verfolgen, war beeindruckend. Genau wie das Fußball-Endspiel im Maracana gegen Brasilien, das wir leider knapp verloren haben. Aber auch die Hockey-Titel.

Und kuriose Erlebnisse?

Da komme ich auch wieder auf Rio. Dort war zu diesem Zeitpunkt noch vieles nicht fertiggestellt. Als ich mal vor meinem PC saß und die Spieler ein Stockwerk über mir duschten, tropfte es durch die Decke. Wir haben Handwerker beauftragt, aber in Brasilien kann das schon mal dauern, bis alles wieder dicht war (lacht). Lustig war es auch, als die Fußballer zum Endspiel ins Olympische Dorf kamen. Wegen Verstopfungsgefahr auf den Toiletten haben wir die Spieler gebeten, das verwendete Papier in die Sanitäreimer zu werfen. Da haben sie nur den Kopf geschüttelt und völlig erstaunt reagiert. Aber im Nachhinein war es besser.

Die Fußballer dürften es in Tokio nicht so leicht haben. Was trauen Sie allgemein den Ballsportlern zu?

Das stimmt, die Fußballer sind ein bisschen wie eine Wundertüte. Bei Spanien sind zum Beispiel sechs EM-Fahrer dabei, wie Leipzigs Dani Olmo. Das ist eine andere Qualität. Auch die Handballer und Beachvolleyballer sind nicht favorisiert, können aber um die Medaillen mitspielen. Gute Aussichten haben wieder die Hockey-Teams. Generell gibt es eine extreme Leistungsdichte in Europa. Wer da einen der wenigen Olympia-Startplätze erkämpft, hat eine große Hürde genommen.

Als langjähriger Manager des TV Langen haben sie ein besonderes Augenmerk auf die Basketballer. Wie bewerten Sie deren Chancen?

Es gibt ja einen neuen Modus mit den drei Vierergruppen. Ich denke, gegen Australien Nigeria und Italien ist der Viertelfinal-Einzug drin. Jetzt geht es darum, zu regenerieren und die Spannung als Einheit wieder aufzubauen.

Geführt wird das Team vom gebürtigen Offenbacher Henrik Rödl als Bundestrainer und dem früheren Langener Robin Benzing als Kapitän. Was zeichnet die beiden aus?

Robin zählt zu den Anführern. Im Quali-Endspiel gegen Brasilien hat er als zweitbester Scorer seine Qualitäten gezeigt. Er hat seine Rolle gefunden und ist euphorisch. Henrik kenne ich, seit er zwölf ist. Damals war er Jugendspieler beim EOSC. Dass er trotz der Ausfälle die Qualifikation geschafft hat, ist sehr hoch einzuschätzen. Nach 1972, 1992 und 2008 ist es erst die vierte Olympia-Teilnahme der Basketballer. 2008 war ich das erste Mal bei Olympia dabei, Tokio werden meine letzten Spiele sein. Für mich schließt sich der Kreis.

Das Gespräch führte Jörn Polzin

Jürgen Barth.
In Tokio dabei: Bundestrainer Henrik Rödl (einst EOSC Offenbach) und der Ex-Langener Robin Benzing.

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