Leichtathletik

„Großer Befreiungsschlag“: Vogel holt Titel bei U20-EM

Geschafft: Sarah Vogel bewahrte kühlen Kopf und verbesserte ihre Bestmarke um herausragende 24 Zentimeter auf 4,30 Meter. Für die Athletin der LG Seligenstadt ist der U20-Titel der größte Erfolg ihrer Karriere.
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Geschafft: Sarah Vogel bewahrte kühlen Kopf und verbesserte ihre Bestmarke um herausragende 24 Zentimeter auf 4,30 Meter. Für die Athletin der LG Seligenstadt ist der U20-Titel der größte Erfolg ihrer Karriere.

Stabhochspringerin Sarah Vogel aus Seligenstadt hat sensationell den Titel bei den U20-Europameisterschaften in Estland geholt. Dieser Erfolg gleicht einer sportlichen Auferstehung.

Tallinn/Offenbach – Die Handlung bietet Stoff für einen Streifen der Marke „sportliche Auferstehung“ und basiert nun sogar auf einer wahren Begebenheit: Eine junge, erfolgsverwöhnte Sportlerin fällt in ein tiefes Loch, hadert mit sich, mit den Abläufen, stellt die Sinnfrage. Auf den Tiefpunkt folgt die Wende, gekrönt vom sensationellen Coup. In der Hauptrolle: Sarah Vogel, Stabhochspringerin der LG Seligenstadt und seit Samstagabend U20-Europameisterin mit Rekordhöhe.

Wie das möglich ist? Vogel kommt aus dem Grinsen nicht heraus. Irgendwie fühlt sich die 19-Jährige bestätigt. „Man weiß vor einem Wettkampf eigentlich immer nur eines. Er wird garantiert anders, als man es erwartet. Genau das macht den Sport auch aus und so liebenswert.“

Eine Liebe, die Vogel erst wiederfinden musste. Zu groß waren die Selbstzweifel, zu lange die Leidenszeit mit Absprungblockaden, gesundheitlichen Rückschlägen und sportlichen Rückschritten. Bei der erfolgreichen EM-Qualifikation kürzlich in Mannheim hatte sie nichts zu verlieren, freute sich über einen „Moment der Rückbesinnung“. Bei der Europameisterschaft in Tallinn (Estland) folgte nun die Auferstehung, der große Befreiungsschlag.

„Ich habe schon in der Qualifikation gemerkt, dass mir die Anlage liegt, aber auch schwierig ist und die eine oder andere Kontrahentin vor Probleme stellen könnte“, erzählt Vogel. So kam es auch. Doch auch die Seligenstädterin stand sich selbst im Wege und zitterte sich erst im dritten Versuch über 4,00 Meter ins Finale.

Dort legte Vogel endgültig die Nervosität ab, spulte ihr Programm runter und zog ihre Sprünge durch. „Nachdem ich ein paar Höhen geschafft hatte, hatte ich das nötige Selbstvertrauen“, blickt sie zurück. Die 3,94, 4,02, 4,10 und 4,15 Meter überquerte Vogel im ersten Versuch, hatte zu dem Zeitpunkt ihre Bestmarke von 4,06 Metern bereits locker übertroffen.

Den ersten Fehlversuch erlaubte sie sich erst bei 4,20 Metern. „Nachdem klar war, dass ich eine Medaille sicher habe, meinte mein Trainer zu mir, dass es jetzt nur noch die richtige Farbe sein müsste“, erzählte Vogel – und wollte mehr. So spitzte sich das packende Duell mit Emma Brentel weiter zu. Vogel legte vor, die Französin zog nach. „Vielleicht war es ein Vorteil, dass sie immer einen Versuch hintendran war“, meint die Seligenstädterin. Brentel pokerte. Als Vogel die 4,25 Meter überquerte, ließ die Französin die Höhe aus und die Latte auf 4,30 Meter legen – und scheiterte. Ihre deutsche Widersacherin meisterte die Höhe im zweiten Versuch, knackte damit den europäischen U20-Rekord und zwang Brentel dazu, fünf Zentimeter draufzupacken. Zwei Fehlversuche der Französin später war die Entscheidung gefallen. Und Vogel, die bis dahin stets den Fokus auf den nächsten Sprung gerichtet hatte, konnte richtig jubeln.

„Ich freue mich riesig. Es war ein grandioser Wettkampf. Endlich habe ich die Sprünge gezeigt, die ich in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder trainiert habe“, betont die frischgebackene Europameisterin und fasst die Stabhochsprung-Titelkämpfe im Stadion von Tallinn so zusammen: „Guter Tag, gute Anlage, guter Wind, gute Stimmung – und ich war richtig fit.“ Im Vorfeld hatte sie sich gesagt, dass zwischen Platz eins und zwölf alles drin ist. „Man braucht eben auch das nötige Quäntchen Glück.“

Überglücklich ließ Vogel nach der Siegerehrung den Abend ausklingen, „der dann doch etwas länger geworden ist“, wie sie schmunzelnd anfügt. Ein echtes Happy End. (Von Jörn Polzin)

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