Hochleistungssport für die Gesundheit im Ruderboot

Marcus Klemp von der RG Undine Offenbach hofft auf Platz fünf bei den Paralympics

Vorbereitung für Tokio mit der Offenbacher Hafeninsel im Hintergrund. Marcus Klemp rudert auf dem Main vor dem Gelände der RG Undine.
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Vorbereitung für Tokio mit der Offenbacher Hafeninsel im Hintergrund. Marcus Klemp rudert auf dem Main vor dem Gelände der RG Undine.

Nach ein paar letzten Trainingseinheiten in Offenbach macht sich Ruderer Marcus Klemp von der RG Undine Offenbach auf den Weg zu den Paralympics in Tokio. Die Top Fünf sind sein Ziel.

Offenbach – Jochen Weber, der Trainer der RG Undine Offenbach und von Deutschlands paralympischen Ruderern, spricht nach einer intensiven Trainingseinheit auf dem Main voll Hochachtung von Marcus Klemp. „Marcus hat früh in seinem Leben den Zusammenhang zwischen Bewegung und Lebensqualität erkannt. Er arbeitet unglaublich intensiv an seiner körperlichen Behinderung, beansprucht die Muskulatur, dehnt sie auf, zum Teil auch unter großen Schmerzen. Das ist der Hammer. Er weiß aber auch, dass ihm der Rollstuhl droht, wenn er das nicht andauernd macht.“

Weber ergänzt: „Die Prognose bei Marcus lautete einst, dass er mit 30 Jahren fest in einem Rollstuhl sitzt. Jetzt ist er 39 Jahre alt und fährt zum zweiten Mal nach 2008 zu den Paralympischen Spielen. Er quält sich in jeder Einheit wie Sau. Hochleistungssport mit großen Zielen ist für ihn gleichzeitig Gesundheitssport und eine Selbstverständlichkeit.“

Marcus Klemp, der erst im Februar aus Mecklenburg-Vorpommern zur RG Undine nach Offenbach gewechselt ist, zurzeit seinen zweiten Wohnsitz nach Ribnitz-Damgarten bei der Ruderfamilie Klingenberg in Mühlheim hat, spricht voller Bewunderung von Weber. Der 39-jährige Klemp hatte in seinem Heimatclub RSV Ribnitz-Damgarten eine stressige Phase, und da ihn die Ausbildung bei der Bundeswehr in die Kaserne ins unterfränkischen Hammelburg führte, bot sich ein Wechsel zu einem Verein im Süden an. Klemp wählte wegen Weber die Rudergesellschaft Undine Offenbach. „Das war quasi alternativlos. Jochen Weber hat große Erfahrungen im paralympischen Sport, er ist für mich ein exzellenter Trainer. Er sieht alles so detailliert und fein wie kein anderer Coach das jemals sehen wird. Er hat das Bild des perfekten Ruderschlags vor Augen. Wenn er etwas verbessern will, lässt er nicht locker, hat aber immer die Grenzen und Einschränkungen des Sportlers im Blick. Ich muss ihm vertrauen, ich kann das voll und ganz.“

In den Wochen nach der erfolgreichen Qualifikation mit Weber im italienischen Gavirate war Klemp mit Blick auf die Paralympischen Spiele vom Dienst freigestellt. „Der erste paralympische Profiruderer in Deutschland“, witzelt Weber.

Und so fliegen die beiden nach einem weiteren Trainingslager in Breisach am Rhein mit Physiotherapeut Thomas Friese am 19. August nach Tokio. „Es muss blöd laufen, wenn Marcus nicht über den Hoffnungslauf ins Finale kommt. Wir haben die Leistungen in den vergangenen Wochen stabilisiert“, versichert Weber voller Zuversicht. Eine Medaille in der Startklasse PR1 käme allerdings einer kleinen Sensation gleich, da die Top-4-Athleten aus der Ukraine, Russland, England und Australien noch schneller, noch stärker erscheinen. Mit der anvisierten Zeit von 9:35/9:40 Minuten über die 2000-Meter-Distanz wäre zumindest aber Platz fünf realistisch für Klemp. „In drei Jahren bei den Paralympics 2024 in Paris wollen wir bei den Top 4 dran sein“, ergänzt Weber. Klemp nickt mit dem Kopf. Trainer und Athlet sind sich wieder einig.

Das stimmt in sportlicher Hinsicht zwar immer, aber nicht mit Blick auf den 24. August, auf die Eröffnungsfeier. Weber will nicht hin, das ist nicht sein Ding, Klemp hingegen schon. Er hatte sie schon 2008 in Peking verpasst, wollte seine Kräfte schonen. Zu Fuß sei ihm das damals zu anstrengend gewesen, für eine Stadionrunde im Rollstuhl sei er noch nicht bereit gewesen. Das wäre jetzt denkbar für ihn.

Und wie geht es dann weiter nach dem hoffentlich paralympischen Finale am 29. August? Bereits zwei Tage später fliegen Klemp, Weber und Friese zurück in die Heimat. Klemp will eine Nacht in Mühlheim verbringen, dann im Auto die 700 km an die Ostsee fahren. „Ich will erstmals seit vier Monaten wieder meine eigene Wohnung sehen“, berichtet er lachend. Am 7. September muss er wieder zur Bundeswehr, dann gleich für fünf Monate nach Berlin bis zur Zwischenprüfung im Februar. Die Adresse der Kaserne lässt aufhorchen: Regattastraße in Grünau, direkt an der Dahme. „Besser geht es nicht. Ich kann nach Dienstende täglich trainieren. Wir haben schon einen Coach und ein Boot organisiert“, berichtet Klemp. Auch Undine-Trainer Weber wird immer wieder in Berlin vor Ort sein, um seinen Athleten auf das Fernziel Paris 2024 vorzubereiten.

Bis dahin, nach dem Ende der Ausbildung, will Klemp aber noch einen gemeinsamen Ort finden für sich und seine Freundin, die in Chemnitz lebt. „Meine Wunschstadt wäre Rostock, ich bin nunmal ein Fischkopp“, sagt Klemp. Aber auch Offenbach und weiterhin die Undine als Verein sind denkbar.

Weber hört als Bundestrainer auf

Jochen Weber ist seit 2013 Trainer der paralympischen Athleten im Deutschen Ruderverband. Die Paralympics in Tokio sind seine letzte Veranstaltung als Bundestrainer. Der 59 Jahre alte Neu-Isenburger berichtet, dass er seinen Vertrag zum 31. August gekündigt hat, dem Tag des Rückflugs aus Tokio. Es habe mit dem Verband unterschiedliche Auffassungen gegeben, wie man wettbewerbsfähige Mannschaften entwickelt, sagt der Heimtrainer der Offenbacher RG Undine. Ins Detail möchte Weber noch nicht gehen. Er betreut in Tokio in Marcus Klemp und Sylvia Pille-Steppat (Hamburg) nur zwei Athleten. Im 2er und im 4er, in den so genannten Mannschaftsbooten, haben sich die deutschen Sportler nicht für die Paralympics qualifiziert. app

Von Holger Appel

Bereit für die Paralympics in Tokio. Trainer Jochen Weber, Marcus Klemp und Physiotherapeut Thomas Friese (von links) auf dem Undine-Gelände.

Vom Teenager mit Übergewicht zum Paralympics-Starter

Zerebralparese: Mit dieser gesundheitlichen Beeinträchtigung hat der 39 Jahre alte Marcus Klemp seit seiner Geburt zu kämpfen. Es handelt sich bei ihm um Bewegungsstörungen und Muskelsteife in den Beinen. „Es gab deshalb für mich zum Beispiel nie die Option, Fußball zu spielen“, berichtet Klemp. Im Alter von 14 Jahren sei er ein „übergewichtiger Teenager“ gewesen, der gern geangelt hat. Das hat er damals zu Hause in Ribnitz-Damgarten am Fluss Recknitz gemacht, in der Nähe des Bootshauses der Ruderer.

RSV-Trainer Günther Müller sprach ihn irgendwann an. Müller hatte einen Artikel zum Thema Inklusion und Rudern gelesen. Klemp versuchte sich zunächst am Ergometer, schloss Freundschaften im Verein, ruderte auf dem Wasser, verlor an Gewicht, konnte besser laufen, sich besser bewegen. „Das hat mir richtig gutgetan. Zunächst hatte ich nur Gedanken für den Gesundheitssport, dass es auch Para-Wettkämpfe im Rudern gab, war mir noch gar nicht klar“, sagt Klemp.

Im Sommer 2001 trat er erstmals bei der Berliner Sommerregatta an, feierte bei vier Starts vier Siege. Bei der Premieren-WM der paralympischen Ruderer 2002 in Sevilla zahlte Klemp im Vierer mit Steuermann unter seinem damaligen Heimtrainer Helmut Rinas noch „ordentlich Lehrgeld“, wie er lachend erzählt. Bei der WM 2003 in Mailand holten Klemp und Kollegen bereits Silber, 2007 in Oberschleißheim bei München die ersehnte Goldmedaille – der größte Erfolg seiner Karriere. Bei den paralympischen Spielen 2008 in Peking belegte er mit der deutschen Auswahl Platz vier. 2013 erkämpfte Klemp unter Bundestrainer Jochen Weber WM-Silber im Doppel-Zweiter in Chungju (Südkorea).

Nun, nach dem Wechsel im Februar dieses Jahres zur RG Undine Offenbach und der gelungenen Qualifikation in Gavirate (Italien), stehen für den Auszubildenden bei der Bundeswehr seine zweiten Paralympics im Einer an. app

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