Konzept in der Jugend nicht umsetzbar

Viel Aufwand, wenig Ertrag: Stellvertretender Kreisjugendwart stellt Umsetzbarkeit der Hygienemaßnahmen des HFV in Frage

+
Strenge Vorgaben wie regelmäßiges und gründliches Desinfizieren der Hände müssen die Fußballer – jung wie alt – penibel erfüllen, wenn sie im Verein trainieren. An der Umsetzbarkeit hat Helge Schröder (SG Bruchköbel und stellvertretender Kreisjugendwart) Zweifel.

Für die Kinder und Jugendlichen, die bei der SG Bruchköbel Fußball spielen, geht das Warten weiter: Trotz der Lockerungen bleibt das nun wieder eingeschränkt mögliche Training bis auf Weiteres ausgesetzt. In den meisten anderen Vereinen im Kreis Hanau ist die Situation ähnlich.

Bisher hätten erst drei Klubs den Übungsbetrieb in der Jugend wieder aufgenommen, so SGB-Jugendleiter Helge Schröder, der neben seiner Tätigkeit bei der SGB auch stellvertretender Kreisjugendwart und Jugendbildungsbeauftragter des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) ist. Aus seiner Sicht ist das die richtige Entscheidung: Schröder äußert Zweifel an der Umsetzbarkeit der Vorgaben, die der HFV zuletzt an die Klubs gestellt hatte, wenn sie das Training wieder aufnehmen wollen.

„Wir sind in schriftlicher Form an unsere Mitglieder in Bruchköbel herangetreten und haben zum Ausdruck gebracht, dass wir alle gerne wieder auf dem Platz stehen würden. Aber nicht, wenn wir die Gesundheit der Kinder und anderer Personen riskieren. Unsere Trainer in Bruchköbel begrüßen diese Entscheidung“, erklärt Schröder mit Blick auf die große Verantwortung, die im Falle der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs zum jetzigen Zeitpunkt auf den Schultern der Übungsleiter gelastet hätte.

Viele Maßnahmen in der Praxis nicht umsetzbar

Vor allem bei der Einhaltung der Hygienemaßnahmen sieht er die Klubs vor große Aufgaben gestellt – auch weil er als Fachkrankenpfleger im Funktionsdienst und Hygienebeauftragter der OP-Abteilung des Klinikums Hanau einen differenzierteren Blick als viele andere auf diese Vorgaben hat. Vieles ließe sich in der Praxis nur schwer umsetzen – und bringe, falls man sich penibel an alle Regeln halte, einen enormen Aufwand mit sich, der kontrolliert werden könnte: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Ordnungsämter das präzise prüfen werden und auch unbedingt prüfen sollten.“

Das Konzept des HFV sieht zum Beispiel vor, dass sich die Spieler vor dem Training die Hände waschen müssen, sofern dafür eine Anlage am Sportgelände außerhalb der Räumlichkeiten vorhanden ist. Falls nicht, sollen die Hände im Vorfeld gründlich desinfiziert werden. Das dafür nötige Desinfektionsmittel müssen die Vereine bereitstellen. „Es gibt überall eine Knappheit von Medikamenten, Handschuhen, Gesichtsmasken und Desinfektionsmitteln. Die Kosten sind in den letzten Wochen und Monaten in die Höhe gestiegen. Wer soll das bezahlen?“, fragt Schröder.

Feste und Turniere fallen aus: Vereinen brechen die Einnahmen weg

Er macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass den Klubs ohnehin fest eingeplante Einnahmequellen wie Feste oder Turniere wegfallen. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Menschen jetzt ihren Vereinen treu bleiben, da die auf jeden Euro angewiesen sind.“ Können und wollen die Klubs das zahlen, bedeute dies aber nicht automatisch, dass alle geschützt sind: Weil Desinfektionsmittel seit Wochen rar sind, kommen laut Schröder auch immer wieder Produkte auf den Markt, die nur unzureichenden Schutz bieten.

Zudem zeigen ihm zufolge Schulungen aus dem Berufsleben, dass selbst Menschen, die täglich mit umfangreichen Hygienevorschriften konfrontiert sind, immer wieder Stellen an den Händen vergessen oder sich eben doch mal ins Gesicht fassen. Vollen Schutz gibt es deshalb nicht. „Und es könnten Kontaktallergien durch die Desinfektionsmittel auftreten“, warnt Schröder auch mit Blick auf trockene und spröde Hände, die wegen des vielen Desinfizierens anfälliger für Keime sind und regelmäßig „nachgefettet“ werden müssten.

Kann in Corona-Zeiten mitreden: Helge Schröder ist Jugendleiter der SG Bruchköbel und arbeitet als Hygienebeauftragter der OP-Abteilung des Klinikums Hanau. Als stellvertretender Kreisjugendwart weiß er: Nur drei Vereine im Fußballkreis lassen ihre Jugendmannschaften wieder trainieren.

Auch beim Toilettengang sieht Schröder eine Infektionsgefahr, wenn die Räumlichkeiten im Anschluss daran nicht korrekt desinfiziert würden. Gleiches gilt für die Materialien wie Bälle, Hütchen oder Torwarthandschuhe, die nach den neuesten Vorgaben des HFV nur mit Wasser und Seife abgewaschen werden müssen. Beim Bürsten eines kontaminierten Gegenstands könne man sich ebenfalls anstecken, wenn man sich nicht ausreichend schützt.

Vor allem bei Kindern ist die regelkonforme Umsetzung schwierig

Vor allem bei Kindern und Jugendlichen besteht zudem grundsätzlich das Risiko, dass sich eben doch nicht alle zu jeder Zeit an die Regeln halten – ob bewusst oder unbewusst, weil auf dem Fußballplatz verschiedene Automatismen greifen könnten, die sich nicht einfach per Fingerschnips abstellen lassen, spiele dann keine Rolle. Es sei deshalb sinnvoll, sich die Kosten-Nutzen-Frage zu stellen, meint Schröder. Die Rechnung ist für ihn einfach: viel Aufwand, aufgrund der Einschränkungen bei möglichen Trainingsformen aber nur wenig Ertrag – auch weil zeitnah keine Spiele ausgetragen werden können.

Im Seniorenbereich sieht das schon wieder etwas anders aus: „Ich denke schon, dass die Spieler dort ein ganzes Stück verantwortungsbewusster damit umgehen können“, sagt Schröder, der aber auch hier anregt, dass sich Vereine die Kosten-Nutzen-Frage stellen sollten, da in naher Zukunft keine Spiele ausgetragen werden. Wann es wieder normal weitergehen kann, ist aktuell noch nicht abzusehen. Ein scherzhaftes Versprechen hat Schröder aber trotzdem schon abgegeben: „Ich habe zu den Kindern gesagt, dass wir im ersten Training, wenn alles wieder normal ist, so lange auf dem Platz stehen werden, bis wir umfallen.“

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare