Leichtathletik

„Ich war selbst mein größter Feind“

Antonia Dellert (vorne) ist die schnellste deutsche Sprinterin ihres Jahrgangs.
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Antonia Dellert (vorne) ist die schnellste deutsche Sprinterin ihres Jahrgangs.

Für Stabhochspringerin Sarah Vogel aus Seligenstadt ist U20-EM ein Neuanfang. Sprinterin Antonia Dellert will derweil ins Finale.

Seligenstadt – Erst glücklich, dann arg strapaziert und nun wieder recht harmonisch: Wenn Sarah Vogel über ihre besondere Beziehung zum Stabhochsprung spricht, zieht sie gerne Vergleiche zu einer menschlichen Liaison. „Da braucht es auch mal einen großen Knall, man spricht sich aus und ist dann wieder mit sich im Reinen“, sagt die Seligenstädterin.

Zuletzt wurde das Verhältnis der Seligenstädterin zu ihrem Sport auf eine harte Probe gestellt. Die 19-Jährige erlebte eine Achterbahnfahrt mit wenigen Höhen und vielen Tiefen. Neben den heftigen Nachwirkungen ihrer Corona-Impfung führte sie eine Absprungblockade in den Abwärtsstrudel. Die Zweifel wuchsen, auch als in der Vorbereitung wenig zusammenlief und kaum vernünftige Sprünge zustande kamen. „Ich habe vieles grundsätzlich hinterfragt, wusste nicht mehr, ob das der richtige Weg ist“, erzählt die Biochemie-Studentin.

Nur mit viel Geduld und Zuspruch ihres Trainerteams, bestehend aus Vater Michael und Nastja Steinbeck, sowie einer Vielzahl von Wettkämpfen kehrten Vertrauen und Stabilität zurück. „Es ist sehr schwierig, wenn man weiß, was man kann, es aber nicht abrufen kann. Auf dem Niveau reicht es eben nicht, wenn nur einer von zehn Sprüngen top ist. Das müssen schon neun sein“, betont die Athletin der LG Seligenstadt.

Einer davon gelang ihr bei der Bauhaus-Juniorengala in Mannheim, als sie die 4,05 Meter überquerte und damit die Qualifikation für die U20-EM in Tallinn/Estland schaffte. „Ich hatte in Mannheim auch nichts zu verlieren“, sagt Vogel und spricht von einem „Moment der Rückbesinnung“. Bekommen hat sie neben dem Ticket für die heute beginnenden Titelkämpfe einen neuen Zugang zum Sport. Anders gesagt: ein tiefergehendes Verständnis. „Ich weiß jetzt, dass nicht alles selbstverständlich ist und immer top läuft. Ich war selbst mein größter Feind. Das habe ich hinter mir gelassen“ , betont Vogel nach einer Leidenszeit voller Emotionen, Schweiß und Tränen.

In Tallinn gelte es nun, an technischen Details zu feilen. Nuancen, die sie auf den Anlauf übertragen will. Freilich ohne Druck. Nach Platz vier bei der U18-EM 2018 und der Goldmedaille beim Europäischen Olympischen Jugendfestival ein Jahr später ist es der dritte internationale Einsatz für Vogel. Nastja Steinbeck und Vater Michael werden sie vor Ort unterstützen. „Ich setzte die Messlatte hoch, damit die beiden nicht umsonst anreisen“, schmunzelt sie. Ansonsten will Vogel die Tage einfach nur genießen und freut sich auf bekannte Gesichter an der Wettkampfstätte.

Dazu zählt auch ihre einstige Klubkollegin Antonia Delllert, die über 100 Meter bereits pfeilschnelle 11,63 Sekunden auf den Tartanbelag zauberte und sich damit in der Altersklasse U20 an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste setzte.

Schon bei den nationalen Hallenmeisterschaften im Februar in Dortmund hatte die damals 18-Jährige als jüngste von 20 Teilnehmerinnen auf sich aufmerksam gemacht und über die 60 Meter in 7,37 Sekunden eine neue persönliche Bestzeit erlaufen.

In Mannheim behauptete sich die mittlerweile 19-Jährige klar vor der nationalen Konkurrenz und passierte über 100 Meter bei 11,65 Sekunden die Ziellinie. Die Seligenstädterin, die seit 2020 für das Sprintteam Wetzlar an den Start geht, rangiert nun auf Platz zehn der Europäischen Jahresbestenliste.

„Ich bin dankbar, in Tallinn für Deutschland zu starten, und freue mich darauf, mich mit den schnellsten Europäerinnen zu messen. Wenn alles optimal läuft, ist vielleicht sogar der Einzug ins Finale möglich,“ meint Dellert. Neben dem Einzelstart über 100 Meter wird sie auch in der 4x100 m- Staffel zum Einsatz kommen. Und das nächste Ziel hat Dellert bereits ins Auge gefasst: Die U20-WM Mitte August im kenianischen Nairobi.

Von Jörn Polzin

Nur Fliegen ist schöner: Stabhochspringerin Sarah Vogel (LG Seligenstadt) ist nach einer längeren Leidenszeit auf dem Weg zu alter Stärke. Bei der U20-EM hofft die 19-Jährige vor allem auf eine „coole Zeit“.

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