1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

ID-Judo in Mühlheim: Kreativ, fleißig und voller Hingabe

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jörn Polzin

Kommentare

Mattenarbeit mit Dummy: Trainer Peter Wiegand demonstriert den Athleten des Budo Club Mühlheim die richtige Technik. Die Übungen dienen als Vorbereitung zur Partnerarbeit, die bald wieder aufgenommen werden soll.
Mattenarbeit mit Dummy: Trainer Peter Wiegand demonstriert den Athleten des Budo Club Mühlheim die richtige Technik. Die Übungen dienen als Vorbereitung zur Partnerarbeit, die bald wieder aufgenommen werden soll. © Hofmann

Hinter der Teilnahme an den Special Olympics steht bei den ID-Judoka des Budo Club Mühlheim ein Fragzeichen. An Motivation mangelt es dennoch nicht, dafür sorgen unter anderem neue Wettkampfformen.

Mühlheim – Wenn Thomas Hofmann über die ID-Judoka vom Budo Club Mühlheim spricht, schwingt Stolz mit. Hin und wieder auch etwas väterliche Sorge. Er fühlt sich verantwortlich, der Mann, der seit mehr als zwei Jahrzehnten die Behinderten- und Rehabilitationssportabteilung - kurz ID-Judo – leitet. Verantwortlich für die Arbeit auf der Matte, aber auch die alltäglichen Hürden.

Und die Fragen und Bedürfnisse sind in Pandemiezeiten sicher nicht weniger geworden. Nicht immer hat Hofmann eine Antwort parat. Aber er hilft, wo er nur kann. Die Athleten mit geistiger oder mehrfacher Behinderung danken es mit Engagement, Disziplin und Fleiß.

„Sie sind mit Spaß und Hingabe dabei und nehmen einiges auf sich“, betont der 62-Jährige und berichtet exemplarisch von einem Schützling, der längere Wege zwischen Arbeitsstätte, Testzentrum und Sporthalle auf sich nimmt, um beim Training pünktlich auf der Matte zu stehen. Trotz Corona-Lockerungen setzen die Mühlheimer auf das 2G-Plus-Modell. Mitmachen darf, wer entweder drei Impfungen erhalten hat oder genesen ist und einen aktuellen Testnachweis mitbringt. „Wir sind durchgehend geboostert“, betont Hofmann. „Aber gerade bei unseren Athleten wollen wir sehr vorsichtig sein.“

Sie arbeiten in Werkstätten und leben in Wohnanlagen, dort, wo eine höhere Ansteckungsgefahr herrschen kann. Der Budo Club will nicht als Infektionsherd dienen. Entsprechend wird weiter kontaktlos trainiert – mit Abstand, Maske und Dummys statt realen Gegnern.

Thomas Hofmann (Zweiter von rechts) leitet die Abteilung
Thomas Hofmann (Zweiter von rechts) leitet die Abteilung © -

„Natürlich vermissen alle das Raufen und Werfen mit echten Trainingspartnern und die Fahrten zu den Turnieren“, weiß Hofmann. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so hat er mit ein paar Kollegen eine neue Wettkampfform aus dem Hut gezaubert, die alsbald offiziell in den Budo-Betrieb aufgenommen werden könnte. Bei der kontaktlosen Kata zeigen die Judoka vor den Kampfrichtern abgestimmte und choreografierte Grundtechniken zur Körperwahrnehmung. In zwei bis vier Minuten „Belastungszeit“ gilt es, die Juroren mit dem Pflichtprogramm bestehend aus dem formalen Bewegen, Betreten und Verlassen der Matte, Fallübungen, Bewegungsformen am Boden und Wurfausübungen ohne Partner zu überzeugen.

„Das wird sehr gut angenommen und von den Athleten eingefordert. Sie merken, wie sie sich immer weiter verbessern. Das motiviert“, freut sich der Abteilungsleiter. Die neue Variante soll nicht nur mit Blick auf die Corona-Einschränkungen eine Alternative darstellen. „Es gibt eine Reihe von Sportlern, die behinderungs-, alters- oder verletzungsbedingt nicht oder nicht mehr den partnerschaftlichen Wettkampf ausüben können oder wollen. Die sind aber teilweise 20, 30 Jahre bei uns. Für die soll es das ja nicht gewesen sein“, betont Hofmann. „Wir wollen, dass sie weiter ihre Sportart ausüben können und ihnen etwas anbieten. Gleichzeitig wird das Angebot für diejenigen erweitert, die aufgrund ihrer Behinderung zunächst keinen Körperkontakt zulassen können.“

Demo-Material zur Veranschaulichung liegen den Landesverbänden bereits vor, freilich noch in Rohfassung. Hofmann glaubt, dass die Kata schon zeitnah in das Wettkampfprogramm aufgenommen werden könnte. Vermutlich noch nicht bei den Deutschen Einzelmeisterschaften im April in Hannover, den deutschen Kata-Meisterschaften oder dem nationalen Teamwettbewerb im November in Wiesbaden – aber vielleicht im nächsten Jahr.

Um nicht gänzlich unvorbereitet bei den mit Kontakt ausgetragenen Titelkämpfen an den Start zu gehen, will Hofmann alsbald auch mit Partnerübungen beginnen. „Natürlich gibt es einen Trainingsrückstand, aber wir arbeiten die Basics auf“, erklärt er. Mit zwei, drei Athleten wird der Budo Club in Hannover vertreten sein und hofft, eine Mannschaft für November zusammenzubekommen.

Ein größeres Fragezeichen steht hinter der Teilnahme an den Special Olympics im Juni in Berlin, die als Qualifikation für die Weltspiele 2023 zählen. Dem Großereignis für behinderte Sportler, das keiner verpassen will. Hofmann weiß das natürlich. Doch Stand jetzt werden die Wettkämpfe ohne Mühlheimer und gesamthessische Beteiligung stattfinden. Hintergrund sind die aus Sicht des Budo-Chefs überzogenen Anmelderegularien.

„Die Teilnehmer müssen vieles offen legen, sogar ihr Einverständnis für polizeiliche Personenüberprüfungen. Da ist bei mir mit Blick auf den Datenschutz Schluss. Viele Athleten verstehen und wollen das nicht“, betont Hofmann. Der pensionierte Polizist stört sich vor allem daran, dass es von Seiten des Veranstalters keine plausible Erklärung dafür gibt. „Da fehlt mir die Rechtsgrundlage.“ Ganz aufgegeben hat er die Special Olympics nicht („Um die wäre es wegen der möglichen Teilnahme an den Weltspielen schade“) und hofft noch auf eine Einigung.

Bis dahin wird er in der Region weiter kräftig die Werbetrommel rühren. Jedes Mitglied zählt. Denn auch am Budo Club ist die Pandemie nicht spurlos vorbeigegangen. Die feste Trainingsgruppe ist von 25 auf 13 bis 15 Judoka geschrumpft. Hoffnung macht Hofmann der fleißige Nachwuchs. 15 bis 20 Kinder im frühen Kindergartenalter trainieren unter der Leitung von Maren Stahlberg. „Da ist immer was los“, freut sich der Abteilungsleiter. Und der Stolz schwingt wieder mit.

Von Jörn Polzin

Christine Schlachter und Salvatore Farrugia bei einem ID-Wettkampf in Wiesbaden.
Christine Schlachter und Salvatore Farrugia bei einem ID-Wettkampf in Wiesbaden. © -

Auch interessant

Kommentare