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Ukrainische Fechter kommen beim FC Offenbach unter

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Von: Holger Appel

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Ein gestelltes Trainingsbild aus der Fechthalle in Charkiv mit Kollegen von Roman Samailov und Yurri Doroshenko. An richtigen Sport ist nicht mehr zu denken seit dem Bombeneinschlag am 5. März.
Ein gestelltes Trainingsbild aus der Fechthalle in Charkiv mit Kollegen von Roman Samailov und Yurri Doroshenko. An richtigen Sport ist nicht mehr zu denken seit dem Bombeneinschlag am 5. März. © vum

Zwei ukrainische Degenfechter sind auf Initiative von David Dergay beim Fechtclub Offenbach untergekommen. „Wir haben jetzt eine gesunde Konkurrenz und eine große Niveausteigerung im Training. Wir puschen uns, wir wollen uns weiterentwickeln“, freut sich das Offenbacher Degentalent, dessen Mutter Ukrainerin ist, über die Verstärkung.

Offenbach – Die Fotos, die Roman Samoilov aus seiner Heimatstadt Charkiv auf seinem mobilen Telefon zeigt, sind bedrückend. Die zerbombte Fechthalle und immer wieder brennende Häuser aus der Innenstadt. Dennoch wirkt der 18-jährige Ukrainer wie sein gleichaltriger Freund Yurii Doroshenko voller Zuversicht. „Charkiv“, versichert der ambitionierte Degenfechter, „ist normalerweise der beste Ort der Welt mit einer guten Balance zwischen ruhigem und städtischem Leben. Wir waren unser bisheriges Leben dort und wir wollen auch wieder zurück. Jeder in der Ukraine hat die Hoffnung, dass Charkiv noch besser, noch schöner wird, wenn das alles vorbei ist.“ Wann das aber alles vorbei sein wird, weiß niemand.

Samoilov und Doroshenko sind seit wenigen Wochen in Sicherheit. Sie sind vor den russischen Bomben und Raketen auf ihre Heimat geflüchtet. Sie sind auf dem Vereinsgelände des Offenbacher Fechtclubs von 1863 an der Senefelderstraße untergekommen. FCO-Vorsitzende Gudrun Bayer hat mit ihrem Team den VIP-Raum im Erdgeschoss zum Wohn- und Schlafsaal umfunktioniert, Betten, Fernseher und zwei Fahrräder organisiert, den Kühlschrank gefüllt. „Wir wollen, dass es den Jungs in dieser schwierigen Situation gutgeht, sie sich zurechtfinden und gut trainieren können“, sagt Bayer.

Genau das haben sie auch vor. Samoilov ist Zweiter der ukrainischen U20-Rangliste im Degen und Nummer 28 der Welt. Er kam nach der EM in Novi Sad (Serbien), über die Schweiz, Israel und Italien mit dem Flugzeug nach Frankfurt. Er überzeugte Doroshenko, Nummer acht in der Ukraine, ihm nach Offenbach zu folgen. Das gelang über die Westukraine, Rumänien (da kam auch noch seine Fechttasche abhanden), Ungarn und Österreich per Bus.

Die Verbindung zum Fechtclub war über David Dergay und dessen Vater Rostislav zustande gekommen. David Dergay kennt die beiden von internationalen Turnieren. Er ist zwar in Deutschland geboren, hat einen deutschen Pass, spricht dank seiner ukrainischen Mutter aber die Sprache. Vater Rostislav ist beim FCO Trainer und Vorstandsmitglied, hat schon im russischen St. Petersburg und auf der Krim gelebt. Er kennt viele ukrainische Fechtmeister und Athleten. Das internationale Netzwerk der Fechter funktioniert.

David Dergay, beim FCO jetzt nicht nur als Sportler, sondern auch als Übersetzer gefragt, weist neben der gelungenen humanitären Hilfe seines Clubs auch auf die sportliche Komponente hin. „Ich finde das sehr gut, dass Roman und Yurri bei uns fechten. Wir haben jetzt eine gesunde Konkurrenz und eine große Niveausteigerung im Training. Wir puschen uns, wir wollen uns weiterentwickeln.“ Im Einzel werden Samoilov und Doroshenko zwar weiter für die Ukraine starten, in der Mannschaft aber für den Fechtclub Offenbach, bei dem sie nun Mitglied sind, „aber ohne Bezahlung“, wie Bayer sagt. „Für David ist das richtig gut, wir haben jetzt eine junge und ambitionierte Top-Mannschaft“, ergänzt die Vorsitzende und freut sich schon auf die hessischen Meisterschaften am 28. September in Wetzlar. Da kann der Titel nur über die Mannschaften FCO I und FCO II vergeben werden. Der FCO wird zwei Teams melden, da jeweils nur ein ausländischer Athlet antreten darf.

„Da freuen wir uns drauf. Wir wollen zunächst einmal weitertrainieren und irgendwann am liebsten Olympiasieger werden“, sagt Doroshenko und erntet Zustimmung von Dergay und Samoilov, dessen Vater in den 1990er Jahren selbst ein erfolgreicher Fechter war, die Olympischen Spiele 1996 nur aufgrund „merkwürdiger Umstände in der zerfallenden Sowjetunion“ verpasst hat, wie der Sohn sagt. „Jeder Athlet träumt von Olympischen Spielen und setzt sich dieses Ziel“, meint Dergay.

Doch wie geht es jetzt weiter? Bayer und Rostislav Dergay haben mit den ukrainischen Athleten die Behördengänge hinter sich gebracht. „Wir haben bisher nur das Offenbacher Rathaus und die Fechthalle gesehen“, behauptet Samoilov und lacht. Stimmt natürlich nicht ganz. Sie waren auch schon bei einem Grillfest in Bayers Garten, auf dem Wochenmarkt, haben sich in Offenbach die HFG und aus Neugierde in Frankfurt die Universität angeschaut. Samoilov studiert in Charkiv Sportwissenschaften, Domoshenko Ökonomie. Sie sind im vierten Semester, da in der Ukraine das Abitur schon nach der 11. Klasse ansteht. Sie wollen das Studium in der Heimat – wenn möglich – online fortsetzen. Denn für eine deutsche Hochschule fehlen die Sprachkenntnisse. Wieder der Griff zum mobilen Telefon mit Bildern von der zum Teil zerstörten Universität ihrer Heimatstadt.

Über das zu reden, was da in der Ukraine seit Ende Februar passiert, fällt ihnen schwer. „Das kann man nicht erklären“, sagt Samoilov nachdenklich. „Man macht sich aus der Ferne immer Gedanken, ob man genug für seine Heimat tut.“ Beide Väter sind im Krieg, mit den Müttern halten sie via Internet Kontakt. Doroshenko meint, der Rest seiner Familie sei in der Nähe zu Polens Grenze einigermaßen in Sicherheit, aber genau wisse man das nie. Samoilovs Familie ist nach wie vor in Charkiv, „da ist die Situation sehr schwierig“. In die Stadt, in die Domoshenko und er über kurz oder lang gern zurückkehren würden. Trotz des guten Auftakts beim Fechtclub in Offenbach.

Treffen in der Halle des Fechtclubs. FCO-Vorsitzende Gudrun Bayer, Roman Samoilov, Yurri Doroshenko, David Dergay und Sportkreisvorsitzender Jörg Wagner.
Treffen in der Halle des Fechtclubs. FCO-Vorsitzende Gudrun Bayer, Roman Samoilov, Yurri Doroshenko, David Dergay und Sportkreisvorsitzender Jörg Wagner. © appel

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