NBA-Stars im Langener Keller

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Jochen Kühl

Offenbach - Heute Nacht startet die nordamerikanische Basketball-Liga (NBA) in ihre 69. Saison. Einst waren die weltbesten Basketballer auch mal in Langen zu Gast. Von Jörn Polzin 

Vor 30 Jahren trafen die Supersonics aus Seattle in Langen in einem Testspiel auf den damaligen deutschen Meister ASC Göttingen. Jochen Kühl, damals Mitorganisator, spricht im Interview über zu niedrige Decken und einen Schlaks aus Würzburg, der heute ein Superstar ist.

Herr Kühl, wie war es möglich, 1984 das NBA-Team aus Seattle nach Langen zu locken?

Unser ehemaliger Spieler und Trainer Paul Hallgrimson stammt aus Seattle. Er kannte den General-Manager der Seattle Supersonics, Les Habegger, sehr gut. Habegger hatte damals noch traumatische Erinnerungen an die Landung der US-Armee 1945 in der Normandie, die er als 19-jähriger Soldat erlebte. Paul konnte ihn überzeugen, dass er Deutschland beinahe 40 Jahre später wieder erleben müsse. Und so organisierten wir eine Europa-Tour für den NBA-Champion von 1979. Wir bekamen fünf Spiele in Deutschland und eines in Italien zustande. Und natürlich sollten die Stars auch in Langen spielen.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Besuch?

Die Stars der Sonics waren Cheftrainer Lennie Wilkens, der als Spieler eine herausragende Karriere hinter sich hatte und Center Jack Sikma, der auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war. Und weil wir beim TV Langen schon immer ein familiärer Verein waren, organisierten wir den Aufenthalt der NBA-Profis in Langen als „Homestays“.

Das heißt?

Wir brachten Spieler und Trainer in Familien unter. So wohnten Superstar Jack Sikma und seine Frau im Keller bei Rainer Greunke und Ulrike Köhm-Greunke. Der zwei Meter zehn große Jack musste sich bücken, um ins Haus zu kommen. Trainer Lennie Wilkens war mit Frau und Tochter bei uns zu Gast. Das Gefühl, Gastgeber eines solchen NBA-Teams zu sein, war in meiner persönlichen Laufbahn als Trainer und Abteilungsleiter einmalig. Besonders die Abschlussfeier werde ich nie vergessen.

Erzählen Sie mal...

Gefeiert haben wir im Burgkeller in Dreieichenhain. Nicht nur Jack Sikma war für den teilweise niedrigen Keller zu groß, auch Neuling Tim McCormick (2,11 Meter), Steve Hayes (2,13 Meter) und der spätere NBA-Star Tom Chambers (2,08 Meter). Durch die familiäre Aufnahme in Langen waren die NBA-Stars ganz normale Sportler und haben sich bei der Feier überschwänglich bedankt.

Was ist vom Spiel bei Ihnen hängen geblieben?

Die Supersonics gewannen damals 119:97. Über das Spiel berichtete die ARD in Ausschnitten. Die Zuschauer saßen und standen dichtgedrängt. 2000 Fans wurden in die Georg-Sehring-Halle gestapelt. Verteilt auf 800 Sitzplätze, zusätzliche Bestuhlung und, als der Andrang kein Ende nahm, in Zehnerreihen stehend. Ich selbst stand dann mit Paul auch in der zehnten Reihe.

Gab es danach weitere Bemühungen, NBA-Teams nach Langen zu holen?

Nein. Dieses einmalige Ereignis hat uns alle viel Kraft gekostet. Ohne den Einsatz von Paul Hallgrimson hätten wir das wohl auch nie gemacht. Er vermittelt noch heute viele junge Menschen von Europa in die USA und lässt seine Kontakte spielen. Vor und nach dem Gastspiel der Supersonics haben viele ehrenamtliche Basketball-Verrückte in Langen wieder ihre ganze Kraft der intensiven Jugendarbeit gewidmet. Und die hat unsere Jungen und Mädchen immer wieder in die Bundesliga geführt.

So tickt Dirk Nowitzki

Was er beim Freiwurf singt: So tickt Dirk Nowitzki

Können Sie „Bundesliga-Produkte“ aus der Jugendarbeit nennen, die Sie besonders beeindruckt haben?

Seit 1978, als mein Team mit lauter Eigengewächsen aufgestiegen war, spielt der TV Langen in der Bundesliga. Sechs Jahre davon in der ersten Liga, unter anderem mit Jogi Barth und Rainer Greunke. Aus unserem Nachwuchsprogramm schaffen es auch immer wieder Talente in andere Bundesliga-Teams und die Nationalmannschaft. Wie Johannes Herber oder Robin Benzing. Unsere Vision ist es „Langen als Talentschmiede für Olympiateilnehmer” aufzubauen. Robin traue ich noch immer den Sprung in die NBA zu. Er bringt ein Riesenpotenzial mit und ist bei Svetislav Pesic und Bayern München in sehr guten Händen, um sich immer noch weiterzuentwickeln.

In der Saison 1997/98 spielte ein gewisser Dirk Nowitzki mit Würzburg in Langen. Hätten Sie ihm damals den Sprung zum Superstar zugetraut?

Als Dirk zweimal gegen den TV Langen in der 2. Bundesliga spielte, sah jeder das außergewöhnliche Talent in dem 19-jährigen Schlaks. Das konnte nur in die NBA führen. Zum Glück hatte er seinen Mentor Holger Geschwindner, der mit ihm in allen Bereichen die richtigen nächsten Schritte erarbeitete.

Abschließend: Wer wird NBA-Meister und wo landen Nowitzki und die Mavericks?

Darüber habe ich mich kürzlich erst mit meiner Tochter Kaja unterhalten, die früher selbst für den TVL in der Bundesliga gespielt hat und jetzt in Brooklyn lebt. Unsere Favoriten sind die Oklahoma City Thunder, die Cleveland Cavaliers mit Rückkehrer LeBron James und Titelverteidiger San Antonio Spurs mit dem unveränderten und vor allem sehr interessanten internationalen Team. Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks haben da wohl eher nur geringe Chancen.

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