1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Kewa Wachenbuchen engagiert sich präventiv für Schutz von Kindern vor Gewalt

Erstellt:

Kommentare

Kindeswohl-Projekt bei Kewa Wachenbuchen: Die Schulung der Jugendtrainer fand coronabedingt in zwei Gruppen statt. Geleitet wurde sie von Sabine Eich (Vierte von rechts). Ansprechpartner bei der Kewa sind Rebecca Lautenschläger (rechts) und Carsten Stein (Dritter von rechts).
Kindeswohl-Projekt bei Kewa Wachenbuchen: Die Schulung der Jugendtrainer fand coronabedingt in zwei Gruppen statt. Geleitet wurde sie von Sabine Eich (Vierte von rechts). Ansprechpartner bei der Kewa sind Rebecca Lautenschläger (rechts) und Carsten Stein (Dritter von rechts). © Merkelbach

Den Sportverein zu einem sicheren Ort zu machen, an dem Gewalt keinen Platz hat - mit diesem Ziel setzt die Turn- und Spielvereinigung Kewa Wachenbuchen als einer der ersten Sportvereine Maintals das Kindeswohl-Konzept des Landessportbundes Hessen um. Ein zentraler Baustein des Konzepts ist eine Schulung, die alle Kinder- und Jugendtrainer informiert und sensibilisiert.

Maintal – „Es ist höchste Zeit, dass alle Breitensportvereine sich mit dem Thema Kindeswohlgefährdung auseinandersetzen und ein Präventions- und Interventionskonzept entwickeln“, sagt Mentaltrainerin Sabine Eich, die diese Schulung bei dem Wachenbuchener Fußballverein durchgeführt hat. Denn die Zahlen sind alarmierend: 2020 haben die Jugendämter laut Statistischem Bundesamt in Deutschland über 60 500 Fälle von Kindeswohlgefährdung festgestellt. Seit Jahren nimmt die psychische und physische Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen zu und hat während der Pandemie einen traurigen Höchststand erreicht.

Dabei kommt Sportvereinen eine zweifache Rolle zu, nämlich die einer Kontrollinstanz in Fällen, in denen Kinder unter häuslicher Gewalt leiden. Aber auch die eines potenziellen Tatortes. Denn durch das Vertrauensverhältnis der Kinder zu ihren Trainern und die oft auch körperliche Nähe entstehen beim Sport Gelegenheiten, die Täter für Übergriffe ausnutzen können.

Bei der Schulung, an der alle Kinder- und Jugendtrainer der Kewa Wachenbuchen teilgenommen haben, ging es daher in erster Linie darum, genau für solche Situationen den Blick zu schärfen. „Vieles, was wir in der Schulung behandelt haben, machen wir eh schon immer so“, berichtet Jugendtrainerin Rebecca Lautenschläger. Trotz ihrer 18-jährigen Erfahrung im Trainerteam der Kewa gab es - wie bei allen selbst lang gedienten Trainern - Aha-Effekte. „Mir ist zum Beispiel bewusst geworden, wie wichtig es ist, das Sechs-Augen-Prinzip durchzuhalten, etwa wenn wir kleinere Kinder auf die Toilette begleiten“, sagt sie, die die Kleinsten ab vier Jahren spielerisch an den Ballsport heranführt.

„Auch bei Jugendlichen gilt es, Eins-zu-Eins-Situationen zu vermeiden, indem wir Gespräche nicht alleine, sondern beispielsweise in der Gaststätte führen“, ergänzt Jugendleiter Carsten Stein. Er ist froh, dass die gesamte Trainerschaft hinter dem neuen Konzept steht. „Unsere Aufgabe ist es, nicht nur bei uns, sondern auch bei den Kindern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sie den Mund aufmachen und ihre Rechte einfordern können.“

Im Rahmen des Kindeswohl-Konzepts hat der Verein Rebecca Lautenschläger und Carsten Stein als Ansprechpersonen benannt, an die sich Kinder, Eltern, aber auch Trainerkollegen wenden können. Darüber hinaus vernetzt sich der Verein mit regionalen Fachberatungsstellen wie der Welle in Maintal. „Damit wollen wir auch uns Trainern die Angst nehmen, über Grenzüberschreitungen zu sprechen. Falls es nämlich doch einmal einen Verdacht geben sollte, stehen wir nicht alleine da, sondern haben professionelle Unterstützung“, erklärt Carsten Stein.

Rein formal ist außerdem von allen Trainern ein polizeiliches Führungszeugnis gefordert. „Damit wollen wir vor allem bei der Auswahl neuer Trainer potenzielle Täter abschrecken und die Hürden für eine Kindeswohlgefährdung so hoch wie möglich machen“, ergänzt der Jugendleiter.

Zusätzlich gibt der Landessportbund Hessen dem Verein ganz konkrete Regeln zu Alltagssituationen wie umziehen, duschen oder den Umgang mit Fotos von Kindern an die Hand. „Diese Verhaltensregeln schützen nicht nur die Kinder, sondern auch uns vor einem unbegründeten Verdacht“, erklärt Rebecca Lautenschläger. „Denn das Schutzkonzept wirkt ja in zwei Richtungen: Richtung Kind und Richtung Trainer.“

Gleichzeitig verdeutlicht die Schulung, wie groß die Spanne der Kindeswohlgefährdung ist. Nicht immer dreht es sich um den schlimmsten Fall, um physische oder gar sexualisierte Gewalt. Auch Überforderungen, Herabsetzungen und Beschimpfungen führen dazu, dass Kinder sich nicht mehr wohl fühlen. Sogar schon Vernachlässigungen gefährden das Wohl junger Sportler, zum Beispiel, indem ein Trainer darüber hinwegsieht, wenn Kinder einen Mannschaftskameraden mobben, oder auffälliges Verhalten ignoriert. „Hier ist eine Kultur des Hinschauens gefragt. Im offenen Gespräch mit den Eltern können wir besondere Situationen viel besser einschätzen, etwa wenn Kinder die Trennung der Eltern oder einen Trauerfall verarbeiten müssen“, erklärt Rebecca Lautenschläger.

Dass die Kewa zu den Vorreiterinnen beim Thema Kindeswohl zählt, zeugt von einer Vereinsphilosophie, die sich seit jeher stark am Kindeswohl orientiert. „Es geht uns schon immer in erster Linie darum, dass Kinder und Jugendliche sich hier wohlfühlen, und erst in zweiter Linie um sportliche Erfolge“, sagt Carsten Stein. Das beinhaltet zum Beispiel auch, dass die Kleinsten in keiner Liga spielen, sondern Freundschaftsspiele gegen Mannschaften mit ähnlicher Philosophie bestreiten. „Dadurch haben wir sehr viele Spieler und Aktive, die von klein auf mit dabei sind, selbst wenn sie vielleicht keine Topspieler sind, sondern sich an anderer Stelle engagieren“, sagt er und hofft, durch die Kommunikation in die Öffentlichkeit weitere Vereine mitziehen zu können.

Denn das Engagement kommt auch über den Wachenbuchener Waldsportplatz hinaus gut an: „Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, geht uns alle an“, sagt Bürgermeisterin Monika Böttcher. „Deshalb braucht es gezielte Aufklärung, um die Öffentlichkeit noch stärker für das Thema zu sensibilisieren. Das Projekt Kindeswohl des Landessportbundes leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Ich finde es vorbildlich, dass die Kewa Wachenbuchen ihre Trainer schulen lässt, und würde mich freuen, wenn weitere Sportvereine das Seminarangebot annehmen. Das wäre ein starkes Zeichen für Kinderschutz.“

Von Bettina Merkelbach

Auch interessant

Kommentare