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Langenselbolderin Kim Naidzinavicius schreibt mit Bietigheim Geschichte

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Jubeln über den European-League-Sieg und ärgern sich über die geringe mediale Aufmerksamkeit: Kim Naidzinavicius aus Langenselbold, Julia Maidhof aus Aschaffenburg und Antje Lauenroth (von links) nach dem Bietigheimer Triumph in Dänemark.
Jubeln über den European-League-Sieg und ärgern sich über die geringe mediale Aufmerksamkeit: Kim Naidzinavicius aus Langenselbold, Julia Maidhof aus Aschaffenburg und Antje Lauenroth (von links) nach dem Bietigheimer Triumph in Dänemark. © Imago

Es war ein historischer Erfolg, den die Handballerinnen der SG BBM Bietigheim um die Langenselbolderin Kim Naidzinavicius vergangenen Sonntag feiern durften. Denn zum ersten Mal seit 30 Jahren ist es einer deutschen Frauenmannschaft im Handball gelungen, einen Titel auf europäischer Bühne zu gewinnen. Mit einem überzeugenden 31:20-Finalsieg gegen die dänischen Gastgeberinnen des HK Viborg krönten Spielmacherin Naidzinavicius und ihre Teamkolleginnen aus der schwäbischen Handball-Hochburg eine ohnehin schon irre Saison mit dem Pokalgewinn in der European League.

Bietigheim/Langenselbold –Seit nunmehr 50 Spielen haben die Bietigheimerinnen wettbewerbsübergreifend alles gewonnen. Folgerichtig sicherten sie sich Anfang Mai auch den Deutschen Meistertitel vorzeitig.

Für die 31-Jährige ist diese Saison der Höhepunkt ihrer ohnehin schon erfolgreichen Karriere. Neben drei Deutschen Meistertiteln und einem Deutschen Pokal schmückt nun eben auch der European-League-Titel ihre Pokalvitrine. „Der Sieg in der European League war etwas Besonderes. Und das soll jetzt nicht heißen, dass der DHB-Pokal oder die Meisterschaft nichts wert wären. Aber das war jetzt doch schon noch mal eine Nummer größer,“ erzählt die 118-fache Ex-Nationalspielerin stolz.

Die unglaubliche Siegesserie ihrer Mannschaft beschreibt die Rechtshänderin als „surreal“. Seit weit über einem Jahr ist die Mannschaft von Trainer Markus Gaugisch, der seit April auch die deutsche Frauennationalmannschaft coacht, in jedem Spiel als Sieger vom Platz gegangen. Damit haben sie den bisherigen Rekord des großen Männer-Dominators THW Kiel aus der Saison 2011/12 mit 40 gewonnen Spielen in Folge schon lange kassiert.

Auf die Frage, ob man nach 50 gewonnen Spielen überhaupt noch weiß, wie sich eine Niederlage anfühlt, lacht die erfahrene Rückraumspielerin: „Ich denke, dass ich das schon noch weiß. Aber, dass es aktuell so gut läuft, ist mega cool. Trotzdem ist es jetzt nicht so, dass bei uns in der Mannschaft immer Partystimmung herrscht. Manchmal ist es so, dass wir gewinnen, aber mit der Art und Weise, wie wir das tun, überhaupt nicht zufrieden sind. Gerade das zeichnet uns als Mannschaft aber auch aus.“

Für Naidzinavicius persönlich hat der Erfolg gezeigt, dass sich die harte Arbeit über die vielen Jahre gelohnt hat. Auf viel musste sie verzichten, um da zu stehen, wo sie jetzt angekommen ist: ganz oben. Angefangen hat alles in Langenselbold. Das Handballspielen hat sie in die Wiege gelegt bekommen: „Meine Eltern und meine große Schwester waren beide beim TV Langenselbold aktiv, als ich auf die Welt gekommen bin. Von klein auf war ich also immer in der Halle dabei und bin dort quasi aufgewachsen. Sobald ich dann selbst laufen und fangen konnte, habe ich selbst gespielt.“ Dass sie es mit ihrem Talent weit bringen kann, war früh klar.

Doch Naidzinavicius ist nicht nur talentiert, sondern auch bereit, alles zu tun, um als Profi durchzustarten. Schon im Alter von 17 Jahren zog sie dafür von zu Hause aus und wechselt in die zweite Bundesliga zur HSG Bensheim/Auerbach. „Der Weg nach oben bedeutet auf jeden Fall Verzicht. Ich habe in meiner Jugend und auch in den letzten Jahren viel verpasst. Man konnte nicht feiern gehen, wann man wollte, oder reisen, wie man wollte. Nur, um ein paar Beispiele zu nennen,“ erklärt sie und betont noch im selben Atemzug, „dass man nichts bereut, wenn man so belohnt wird, wie ich und meine Mannschaft das aktuell werden.“

2011 folgte der Wechsel zum Erstligisten Bayer 04 Leverkusen, ehe sie im Sommer 2016 dann einen Vertrag in Bietigheim unterzeichnete und die Erfolgsgeschichte beginnen konnte. Diesen Vertrag hat die etatmäßige Siebenmeterschützin der Bietigheimerinnen nun um eine weitere Spielzeit verlängert. Immerhin steht in der kommenden Saison ein weiteres Highlight für die Mannschaft aus dem Schwabenland auf dem Plan: Mit dem Erfolg in der European League haben sie sich nämlich ein Ticket für die Teilnahme an der Champions League gesichert.

Dort haben Naidzinavicius und Co. in den vergangenen Jahren schon mal gespielt und versucht, sich mit den besten Mannschaften Europas zu messen. Damals hagelte es teilweise deutliche Niederlagen. Doch die Langenselbolderin ist sich sicher, dass sie dieses Mal auf Augenhöhe mit den Top-Teams sind: „Wir haben eine extrem hohe individuelle Qualität in der Mannschaft. Und unser Trainer Markus Gaugisch hat es geschafft, aus diesen Individualisten eine harmonisch funktionierende Mannschaft zu basteln. Zudem reiten wir aktuell auf einer Welle des Erfolgs. Das pusht uns auch nach vorne.“

Der Erfolg ihrer Mannschaft ist auch ein wichtiges Signal für den deutschen Frauenhandball. Er verdeutliche, dass etwas vorangehe. Enttäuscht zeigt sich die erfahrene Spielerin allerdings über die Berichterstattung nach ihrem phänomenalen Triumph: „Ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit größer hätte sein können. Nach so einem Erfolg, bei dem ein deutsches Team zum ersten Mal seit 30 Jahren auf internationaler Ebene einen Titel gewinnt, hätte da schon mehr gehen können.“

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