Interview

Lehrer fordert: „Die Sportnoten müssen weg“

Zurzeit nicht möglich: Schulsport ohne Masken und Abstand in der Turnhalle.
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Zurzeit nicht möglich: Schulsport ohne Masken und Abstand in der Turnhalle.

Offenbach – Amateur- und Breitensport liegen in diesen schwierigen Pandemiezeiten seit Anfang November erneut brach. Auch im Schulsport passiert zurzeit wenig. Steffen Brockmann, ehemaliger Basketball-Trainer (Rhein-Main Baskets, TV Langen und Hanau White Wings, Damen-Nationalteam), hat dazu eine klare Meinung. Der 46-Jährige ist seit 2013 Schulsportleiter und Fachsprecher Sport am Dreieich-Gymnasium in Langen.

Steffen Brockmann, das Coronavirus hat dem Schulsport schwer zugesetzt. Wie ist das jetzt im zweiten Lockdown?

Es herrscht ziemliches Chaos. Zuerst hieß es vom Kreis Offenbach, dass wir nur im Freien Sportunterricht machen sollen. Jetzt wird – völlig überraschend – das Wetter schlechter und wir dürfen die Schulturnhalle wieder nutzen. Mit Masken und Sicherheitsabstand. Wir müssen da sehr kreativ sein.

Und was können Sie da mit den Schülern machen?

Da aktuell sinnvollerweise alle Spiele mit Kontakt verboten sind, am besten Fitnessübungen auf der Stelle. Auch Tischtennis und Badminton gehen zur Not. Aber das ist schon alles sehr schwierig. Wir versuchen also trotz widriger Witterungsbedingungen weiter rauszugehen.

Und machen was?

Zum Beispiel Spaziergänge und Frisbeegolf. Ich kann ja nicht mit 30 Kindern in der Stadt oder im Wald joggen gehen, die unterschiedlich schnell sind. Da geht mir schon in den ersten fünf Minuten die Hälfte der Klasse verloren. Die Laufbahn der SSG Langen ist aktuell leider wegen Umbaumaßnahmen und witterungsbedingt geschlossen. Aber selbst Spaziergänge liegen schon in der Grauzone.

Das heißt?

Ich will ja raus, damit die Kinder nach vielen Stunden mit Maske im Klassenzimmer endlich durchatmen, sich bewegen können. Aber letztlich bin ich mit Mitgliedern aus 32 Haushalten im öffentlichen Raum unterwegs. Also benötigen wir doch wieder Masken. Das ist frustrierend und nicht zielführend.

Wie sieht es denn überhaupt aus mit dem Bewegungsdrang der Schülerinnen und Schüler?

Vor Corona haben vor allem die Jungs im Außenkäfig an der Schule gekickt. Das geht jetzt nicht. Die Kinder aus den fünften und sechsten Klassen haben noch Bewegungsdrang und spielen nach wie vor gern Fangen. Aber da muss ich als Lehrer dazwischen gehen, auch wenn mir das in der Seele weh tut. Sie fassen sich an, hängen die Köpfe zusammen, selbst wenn sie Masken tragen. Wir dürfen es nicht zulassen.

Wie bewerten Sie die Rolle des Schulsports im Allgemeinen, nicht nur in diesen schwierigen Zeiten?

Mein Eindruck ist, dass der Stellenwert des Schulsports schon vor Corona immer weiter abgewertet wurde. In den Schulkollegien werden Sportlehrkräfte gerne belächelt und auch in den Schulleitungen hat Bewegung keinen hohen Stellenwert. Während der Teilöffnung der Schulen nach dem ersten Lockdown im Mai hatten wir gar keinen Sportunterricht – und das nach einer Zeit, in der die Kinder wochenlang zu Hause hockten, nicht mal in den Vereinen war Sport möglich. In der Schule wurden dann nur die sogenannten Kernfächer unterrichtet. Auch jetzt müssen wir an der Dreieichschule auf die dritte Sportstunde verzichten.

Warum?

Der Aufwand mit den ganzen Hygienemaßnahmen in der Halle wäre einfach zu groß. Außerdem haben wir zurzeit auch zu wenige Sportlehrkräfte an der Schule.

Das sind schon drastische Aussagen.

Ja, aber es ist so. Wir schaffen es nicht, die Kinder zum Sport zu bringen, ihnen die Freude am Sport zu vermitteln. Ich erlebe zudem in vielen Gesprächen Eltern, die dem Sport und vor allem dem Schulsport frustriert gegenüber stehen. Das sind keine guten Vorbilder. Im Gegenteil, ich vermute, dass es auch noch eine hohe Korrelation zwischen dem Phänomen Elterntaxi und Bewegungsfrustration gibt.

Was ist zu tun?

Der Bundesgesundheitsminister sagt, dass in unserer Gesellschaft 40 Prozent einer Risikogruppe angehören. Diese Zahl könnte durch bessere Ernährung und sinnvolle Bewegung deutlich reduziert werden. Unsere Gesellschaft benötigt definitiv mehr gesundheitsbewusste Bewegung, und dafür müssen wir in Kindergärten und Schulen Grundlagen legen. Der Sportunterricht muss Spaß machen und zu lebenslangem Sporttreiben hinleiten. Das erreiche ich nicht durch Notendruck und punktuelle Leistungsüberprüfungen, zum Beispiel im Weitsprung. So erreiche ich nur Sportfrustration bei der eigentlichen Zielgruppe – den bisherigen Sportmuffeln.

Was schlagen Sie vor?

Ich bin für einen Sportunterricht ohne Noten, für eine ganzheitlich, naturverbundene und gesundheitsorientierte Bewegungserziehung. In diesen Gesamtkomplex gehören auch Aspekte wie gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensweise. Ich finde das deutlich wichtiger als Integrale und Stochastik für alle, weil es unsere Gesellschaft nachhaltig weiterbringt – ganz zu schweigen von den so eingesparten Kosten im Gesundheitssystem.

Nochmals zurück zum Thema keine Noten. Wie würden Sie das gerne regeln?

Ein kleiner schriftlicher Hinweis im Zeugnis reicht als Transparenz für die Eltern. Damit zum Ausdruck kommt, wie hoch das Engagement eines Kindes im Sportunterricht war. Wegen dem Schulfach Sport sollte niemand sitzen bleiben.

Werden die Schüler immer schlechter im Sport?

Es gibt natürlich einige, die dank der Eltern oder Vereinssport ein gutes Bewegungs- und Körpergefühl entwickelt haben. Beim Großteil der Kinder nimmt die sportliche Leistungsfähigkeit aber signifikant ab. Damit geht eine eher negative Einstellung gegenüber dem eigenen Körper einher – mit großen psychischen Folgen. Schon einfaches Rückwärtslaufen stellt für einige Neuntklässler eine hohe motorische Herausforderung dar. Mit dem Alter nimmt bekanntlich die motorische Leistungsfähigkeit ab. Bei dem Ausgangsniveau fallen die doch dann mit 50 über die Bordsteinkante und brechen sich die Nase, weil sie nie gelernt haben, sich abzurollen beziehungsweise zu unbeweglich dafür sind.

Und Corona begünstigt das natürlich weiter?

Klar. Im ersten Lockdown waren alle zu Hause, auch jetzt findet selbst für die sportbegeisterten Kinder nichts im Verein statt. Die meisten Kinder haben sich monatelang nicht ordentlich bewegt, dafür aber eifrig die Spielekonsole genutzt. Das ist sehr gefährlich für unsere Gesellschaft. Wir ziehen gerade die nächsten Risikogruppen heran, die in 20 bis 30 Jahren Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.

Was kann man da noch tun…?

Kurzfristig muss natürlich ein Ausweg aus der Pandemie gefunden werden. Aber da sind ja Politik und Firmen mit Impfstoffen dran. Die Kinder müssen sich wieder frei bewegen können und wir benötigen ganz klar eine Reform des Schulsports, damit wir aktiv etwas tun können gegen die künftigen Risikogruppen.

Da wären wir wieder bei den Noten...

Richtig. Die Sportnoten an den Schulen müssen weg. Das Ziel muss sein, auf lockere Art und Weise mehr Bewegung und gesunde Lebensweise in die Schulen und damit auch in den Alltag zu bringen – nach Corona auch wieder verstärkt in Zusammenarbeit mit den lokalen Sportvereinen. Der Schulsport muss die Freude an der Bewegung vermitteln. Durch vielfältige Bewegungsangebote sollen die Kinder selbst herausfinden, welche Form von Sport und Bewegung ihnen Spaß macht und diesen dann in ihrer Freizeit und den Vereinen vertiefen.

Das Gespräch führte

Holger Appel

Steffen Brockmann

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