BUDO-CLUB MÜHLHEIM Impfungen geben Hoffnung / „Letztlich ist es auch Kopfsache“

Behindertensportler sind bereit für den Neustart

Stangentraining mit Abstand: Zumindest dahin würden die Behindertensportler des Budo-Clubs Mühlheim in der Halle gerne zurückkehren. Vorne links: Abteilungsleiter Thomas Hofmann.
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Stangentraining mit Abstand: Zumindest dahin würden die Behindertensportler des Budo-Clubs Mühlheim in der Halle gerne zurückkehren. Vorne links: Abteilungsleiter Thomas Hofmann.

Thomas Hofmann ist unter die Tüftler gegangen. Fast täglich feilt er an Trainingsplänen, lässt sich inspirieren, bringt teils verrückte Ideen auf Papier, wie er schmunzelnd erzählt. Für seine Athleten, die in diesen besonderen Zeiten auch eine besondere Zuwendung benötigen. Hofmann leitet die Behindertensportabteilung des Budo-Clubs Mühlheim - kurz G-Judo oder ID-Judo. Und das von der ersten Stunde an, seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Mühlheim - „Für viele Behinderte ist dieser Sport ein Weg aus der Isolation“, betont Hofmann. Wo sich die Gesellschaft wegen der pandemiebedingten Einschränkungen aktuell zurückziehen muss, ist die Lage für die Athleten mit Handicap daher extrem schwierig. Das eigentliche Training „liegt brach“, wie es Hofmann ausdrückt. Denn der Budo-Club verfügt über keine Kaderathleten, für die es Ausnahmen gibt. So wartet man auf „grünes Licht“ der Landesregierung, um wieder in einen normaleren Alltag zurückkehren zu können. „Gerade für unsere Mitglieder ist eine geregelte Tagesstruktur wichtig, und da gehört Judo dazu“, betont der 61-Jährige.

Er weiß andererseits um die große Verantwortung gegenüber den Sportlern, die in Werkstätten arbeiten und in Wohnanlagen untergebracht sind, also dort, wo sich einige Menschen tummeln und eine höhere Ansteckungsgefahr herrscht. Daher war für den Abteilungsleiter bereits im ersten Lockdown schnell klar, dass mit den steigenden Infektionszahlen frühzeitig der reguläre Trainingsbetrieb gestoppt werden muss. „Und das, obwohl wir ein gutes Hygienekonzept haben.“

Der Schwerpunkt wird seitdem nach draußen (wenn es das Wetter zulässt) und in die virtuelle Welt verlegt. Hofmann, einst selbst als Judokämpfer in Offenbach aktiv, hat sich einiges ausgedacht, „um die Sportler hinter dem Ofen hervorzulocken“. Hoch im Kurs stehen die Online-Bewegungswettkämpfe. Bis zu sieben judotypische Übungen, die jeweils 30 Sekunden andauern, stehen auf dem Programm. Alles wird aufgezeichnet, bewertet und nach einem Punktesystem eingestuft. Die Resonanz stimmt. 71 Sportler aus vier Landesverbänden und acht Vereinen waren zuletzt dabei. Hofmann freut sich über das „Riesenecho“ und darüber, „dass die Leute dieses Angebot zu schätzen wissen“.

Er räumt aber ein, „dass es ein anderes Judo ist und nicht das Präsenztraining ersetzen kann“ – weg von Judo-Duellen auf der Matte, hin zu innovativen Übungsformen ohne Partner, bei denen es um Bewegung, Koordination und Muskulaturstärkung geht. Wie beim Einbeinstand, Hampelmann, simulierten Schulterwurf oder Fußfeger. Mit Hilfsmitteln wie Socken, Stühlen und Wurfpuppen, dafür ohne direkte Korrekturmöglichkeiten.

Anschauungsunterricht gibt es von den Kollegen aus Bayern. „Der Austausch ist klasse. Man bekommt Einblicke, wie woanders trainiert wird, ohne dass dafür längere Fahrten nötig sind“, lobt Hofmann, dessen Gruppe in Mühlheim 25 Athleten umfasst. Von Beginn an dabei ist Tochter Nicole, die an einer frühkindlichen Hirnstörung leidet. Aber auch eine Handvoll Jugendlicher, die den Inklusions-Charakter prägen. „Sie werden im Wettkampf in der schwersten Gruppe eingeteilt“, erklärt Hofmann.

Budo-Club Mühlheim

1989 wurde der Budo-Club Mühlheim (BCM) gegründet. Acht Jahre später nahm er als erster Verein in Hessen überhaupt „Judo für Menschen mit geistiger Behinderung“ in sein Programm auf. Zu Beginn übte Abteilungsleiter Thomas Hofmann mit neun Sportlern, heute sind es bis zu 25, die auch an nationalen wie internationalen Titelkämpfen teilnehmen. Die Abteilung sei „das Aushängeschild seines Vereins“, betont Hofmann, der 2016 vom Judoverband als Trainer des Jahres ausgezeichnet wurde.

Wettkampf? Der Mühlheimer strahlt mit Blick auf die baldige Rückkehr auf die Matte Zuversicht aus. „Wir sind als einer der ersten aus dem Betrieb ausgestiegen und wollen auch wieder früh öffnen.“ Was ihn positiv stimmt: die fortschreitenden Impfungen. Als Menschen mit Handicap gehören die Judoka der Priorisierungsgruppe 2 an. Und den Impfschutz sieht Hofmann als Voraussetzung, „um auf der sicheren Seite zu sein“. In einer Blase zu leben wie die Profisportler, ist für die behinderten Athleten unvorstellbar. Ebenso wie Judo mit Mundschutz.

Der Polizist lobt Geduld und Ausdauer der Athleten, weiß aber auch, dass sie nicht unendlich sein wird. So gibt es freilich beim Budo-Club den einen oder anderen, der den Sinn einer Mitgliedschaft ohne reguläres Training und Wettkämpfe hinterfragt, einen Rücktritt erwägt. Das zieht sich durch die Abteilungen, zu denen neben dem Behindertensport noch Judo, Taekwondo und Jiu-Jitsu zählen. „Für uns wie für alle anderen Vereine wäre es natürlich wichtig, wenn uns die Mitglieder treu bleiben, denn die Kosten laufen ja weiter“, betont Hofmann.

Daher betreibt er mit seinen Kollegen einen größeren Aufwand, um für den Tag X gewappnet zu sein. Wesentlicher Punkt ist die Optimierung der Belüftungsanlagen in den Hallen. „Letztlich ist es aber auch Kopfsache, ob die Athleten dann mitziehen oder eine Ansteckung fürchten“, weiß der Abteilungsleiter. Obwohl das Training mit einer Person nach aktueller Verordnung erlaubt ist, verzichtet er darauf, um die Unsicherheit zu nehmen. Bis zum großen Moment der Rückkehr müssen erstmal die Wurfpuppen herhalten.

Von Jörn Polzin

Thomas Hofmann, Leiter der Behindertensportabteilung des Budo-Clubs Mühlheim
Virtueller Alltag: Beim Training sind auch Sportler aus anderen Verbänden zugeschaltet und beobachten die Ausführungen der Teilnehmer. 

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