„Mister Basketball“ des TV Langen

„Ohne Spaß kommt man nicht weit“

Langen J  Deutscher Meister, Weltmeister, Europameister. Und das alles innerhalb eines Jahres. Mit dem Triple hat sich Langens Basketball-Legende Rainer Greunke (1736 Einsätze für den TV Langen) einen Traum erfüllt. Von Jörn Polzin 

Im Interview spricht der 56-Jährige über die Höhepunkte seiner Karriere, die Entwicklung am Standort Langen und die Basketball-Begeisterung in seiner Familie.

Herr Greunke, erst der WM-Triumph mit der Ü55-Auswahl im vergangenen Jahr, jetzt der EM-Titel. Welchen Stellenwert hat der Erfolg in Ostrava für Sie?

Der EM-Titel bestätigt, dass der Sieg im vergangenen Jahr keine Eintagsfliege war. Die Erfolge zeigen aber auch, dass selbst erfahrene Spieler eine Zeit brauchen, um als Mannschaft zusammen zu wachsen und Erfolge zu feiern. Der Kern der Meistermannschaft spielt seit fünf Jahren zusammen, kam aber in den Vorjahren nicht über einen fünften Platz hinaus. Der Titel ist eine schöne Entschädigung für Training und Vorbereitung und vor allen Dingen für die Schmerzen an jedem Morgen danach.

Wie häufig muss man in diesem Alter trainieren, um auf dem Niveau mitzuhalten? Und wieviel lässt sich durch Erfahrung ausgleichen?

Unsere Mannschaft zählte zu den körperlich unterlegenen bei diesen Turnieren, aber wir leben von Schnelligkeit und Fitness. Ich habe in den vergangenen Jahren versucht, zweimal pro Woche zu trainieren, dazu ein Spiel am Wochenende und etwas Athletiktraining. In diesem Jahr ist mir das aus privaten und beruflichen Gründen nicht mehr ganz gelungen. Dafür haben wir im Mai an drei Deutschen Meisterschaften teilgenommen, so dass ich dort konditionell etwas aufholen konnte.

Bereits in den 80er-Jahren liefen Sie 28 mal im Nationaltrikot auf. Kann man das Basketball-Spiel von damals und heute überhaupt vergleichen?

Aus meiner Sicht hat sich eigentlich nicht viel verändert, nur das Spielfeld wird offensichtlich jedes Jahr etwas länger. Zumindest brauche ich länger von Korb zu Korb und der Korb hängt etwas höher (lacht). Im Ernst: Man kann unsere heutige Mannschaft und Spielweise nicht mit vor 30 Jahren vergleichen, da hat der Zahn der Zeit zu sehr genagt.

Wie meinen Sie das?

Das Spiel ist heute sehr viel schneller und athletischer gegenüber früher geworden, auch viel individueller. Es lebt sehr viel mehr von Stärken einzelner Spieler nach dem Vorbild der NBA. Dadurch haben spielerische und taktische Elemente an Bedeutung verloren.

Als Rekordhalter beim TV Langen haben Sie die meisten Spiele bestritten, die meisten Punkte erzielt sowie die meisten Rebounds geholt. An welche Momente erinnern Sie sich besonders gerne?

Es gibt nach über 40 Jahren so viele schöne Erinnerungen, dazu gehören Erfolge, aber manchmal auch Niederlagen und insbesondere viele Menschen, die ich ohne Basketball vielleicht nie kennen gelernt hätte. Dazu gehört sicher der Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft mit der A-Jugend 1977 und dabei ein kleiner Leverkusener Junge, der uns während des ganzen Turniers angefeuert hat. Die Euphorie nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1981 und die erste Spielzeit in der höchsten Klasse war trotz des folgenden Abstiegs etwas Besonderes. Natürlich zählt auch mein Jahr in Alaska dazu, in dem ich viele Freunde gefunden habe, zu denen ich noch heute Kontakt habe. Viele Auslandsreisen mit dem TV Langen, der Bundeswehr- und Studentenauswahl und der Nationalmannschaft runden das Ganze ab.

40 Jahre in Langen: Mal ehrlich, hat Sie der Wechsel zu einem anderen Verein nie gereizt?

Nein, ich habe mich hier wohlgefühlt. Ich habe viele sportliche Ziele im Rahmen der Möglichkeiten erreicht, meine Familie lebt hier und ich habe viele Freunde hier, was will man mehr?

Die glorreichen Zeiten mit Erstliga-Basketball in Langen liegen schon drei Jahrzehnte zurück. Warum ist der Klub heute weit davon entfernt?

Basketball ist erheblich professioneller geworden, so dass das Geld eine noch größere Rolle spielt als früher. Im Rahmen der Professionalisierung haben die Verbände Statuten entwickelt, die kleine Vereine nicht erfüllen können. Mindestbudgets, Hallengrößen und Zuschauerkapazitäten. Der TV Langen ist „Opfer“ dieser Entwicklung. Zudem haben die Skyliners die Position des TOP-Vereins in der Region besetzt.

Wie beurteilen Sie die generelle Entwicklung am Basketball-Standort Langen?

Basketball in Langen ist seiner Grundphilosophie treu geblieben. Bei uns werden talentierte Jugendliche gefördert und so weiter entwickelt, dass sie es selbst in der Hand haben, den Schritt in die erste Liga zu wagen und sogar den Sprung in die Nationalmannschaft zu schaffen. Viele haben das geschafft. Bei den Männern zum Beispiel Pascal Roller, Johannes Herber und Robin Benzing, bei den Frauen Nelli Dietrich, Steffi Wagner und meine Tochter Svenja. Aber Basketball ist nicht nur für Spitzensportler da, sondern soll möglichst viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene ansprechen. So versucht unser Verein, allen Interessierten eine Möglichkeit auf dem passenden Niveau zu geben. Welcher Verein stellt schon 30 Mannschaften von Kreisliga bis zur Bundesliga? Das wird häufig übersehen, ist aber ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag. Denn nirgendwo wird mehr Integrationsarbeit geleistet als in Vereinen.

Die Damen der Rhein-Main Baskets starten in ihre sechste Bundesliga-Saison. Was zeichnet die Spielegemeinschaft aus?

Die Baskets haben eine sensationelle Entwicklung gemacht und sind heute eine etablierte Spitzenmannschaft in der Bundesliga. Sie haben das erreicht, was jeder Verein allein wahrscheinlich nicht geschafft hätte. Die Mannschaft wird getragen von Spielerinnen der besten Jahrgänge, die wir wahrscheinlich je in Langen und Hofheim hatten. Allerdings geht auch die Professionalisierung im Damenbasketball voran und unsere Spielerinnen sind am Markt heiß begehrt. Wenn wir den Erstligastandort im Rhein-Main-Gebiet halten wollen, brauchen wir finanzielle Unterstützung. Wenn wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht schaffen, könnte es so gehen wie im Herrenbereich im TV Langen. Allerdings sehe ich im Moment auch keinen anderen Verein in der Region, der im Damenbereich an die Stelle der Baskets treten könnte.

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Ihre Töchter Svenja und Mara zählen zum Stamm der Mannschaft. Was haben sie vom Vater übernommen?

Ich weiß nicht, ob sie Basketball von Vater oder Mutter übernommen haben, denn auch die Mutter ist ein Langener „Eigengewächs“, hat Bundesliga gespielt und zum Abschluss ihrer Karriere noch mit ihren Töchtern zusammen die Oberliga aufgemischt. Trainiert wurden sie nie von uns, das haben andere übernommen.

Gibt es andere Themen außer Basketball im Hause Greunke?

Svenja und Mara wohnen nicht mehr zu Hause. Früher war es schon immer das zentrale Thema Freitagabend: Wer fährt wann mit wem zu welchem Spiel am Wochenende und wer kümmert sich um den Hund. Das hat etwas nachgelassen und es gibt auch viel anderen familiären Gesprächsstoff. Allerdings einen Abend ganz ohne Thema Basketball gibt es eher nicht. Das ist aber auch nicht schlimm, denn vielleicht hält ein gemeinsames Hobby die Familie auch so gut zusammen.

Was wünschen Sie sich für die sportliche Zukunft?

In meinem Alter kann der Wunsch nur heißen, gesund bleiben und hoffen, dass der Körper noch möglichst lange mitmacht. Wenn das so bleibt, dann steht im nächsten Jahr die WM in Orlando an. Da würde ich gern wieder dabei sein. Gesundheit wünsche ich auch allen anderen Spielern und viel Spaß am Spiel. Das ist das Wichtigste, denn ohne Spaß wird man nicht weit kommen. Zum Spaß gehört Gewinnen und zum Gewinnen gehört Training, was nicht immer Spaß macht, aber sein muss. So einfach ist meine „Philosophie“.

Rubriklistenbild: © dpa

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