Vom Nebeneinander der Geschlechter im Stadion

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Antje Hagel (links) vom Fanprojekt Offenbach und Ethnologin Almut Sülzle, die ihr Buch vorstellte.

Offenbach - Das Geschlechterverhältnis im Offenbacher Fanladen passt ziemlich genau zum Thema: Immerhin 30 Prozent sind Frauen - wie mittlerweile auch im Fußballstadion. Ethnologin Almut Sülzle hat sich mit dieser Entwicklung eingehend beschäftigt. Von Jenny Bieniek

Sie ist an diesem Abend in den Fanladen gekommen, um ihr neues Buch vorzustellen und mit den Gästen über „Fußball, Frauen und Männlichkeiten“ in der Fanszene zu diskutieren. Sie habe während ihrer Studien im Fanblock der Offenbacher Kickers ein „seltsames Nebeneinander“ von selbstbewussten weiblichen Fans auf der einen und offenem, provokantem Sexismus innerhalb der Männerkultur auf der anderen Seite erlebt.

Fußball und Männlichkeit würden ganz selbstverständlich gleichgesetzt. Weiblichkeit dagegen hätte im Stadion nichts verloren. Kein Platz für Rosa, Glitzer und Zickigkeit. Doch Sülzle sieht im Stadion auch Platz für das Spiel der Geschlechter. Aber: Wie gehen die Frauen damit um?

Die implizierte Unterstellung ist immer die selbe: Frauen kommen entweder als Begleitung oder nur wegen eines attraktiven Spielers ins Stadion und seien daher keine echten Fans. „Dabei kommen Frauen sehr wohl aus Interesse am Spiel ins Stadion“, betont Süzle. Und: Wieso sollte ein Mann seine Freundin mitbringen wollen, wo er hier doch pöbeln und Macho sein darf?

Fanblock als Raum für proletarische Männlichkeit

Denn im Stadion dürften die Herren der Schöpfung noch „echte Männer“ sein, und zwar egal, ob sie unter der Woche den biederen Banker mimten oder nicht. Der Fanblock als Raum für proletarische Männlichkeit. Hier scheint das Über-Die-Stränge-schlagen legitimiert zu sein.

„Gerade diese Überbetonung der Männlichkeit bietet aber Freiräume für Frauen in der Fankurve“, erklärt die Ethnologin, „weil es für weibliche Fußballfans eben keine vordefinierten Klischeebilder und demzufolge kein klassisches Pendant zum männlichen Fußballfan gibt.“ Keine rollenspezifische Erwartung. Das gebe es sonst nicht oft in der Gesellschaft. Hier dürfe man als Frau auch mal schreien und fluchen.

„Fankultur funktioniert in großen Teilen über Ausgrenzung“, wirft Antje Hagel vom Fanprojekt Offenbach ein. „Wir im Block sind wahre Fans, die auf der Tribüne sind nur Schönwetterfans.“ Der Ausschluss von Weiblichkeit sei aber nur eines von vielen Elementen. „Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, das Stadion scheinbar nicht so sehr“, fasst Sülzle ihre Beobachtungen zusammen.

Unterschied zwischen Akzeptanz und Gleichberechtigung

Der Weg zur Anerkennung im Stadion führe nicht über Körperlichkeit. Frauen, die akzeptiert werden wollen, kämen nicht halbnackt und dekolletébetont ins Stadion, so die Forscherin. Wer es doch tut, würde von den weiblichen Fans abgelehnt, weil sie das Klischee bedienen. „Übertrieben Weibliches ist im Stadion nicht erwünscht“, hat sie beobachtet.

Weibliche Fans hätten also zwei Möglichkeiten, auf Sexismus zu reagieren. Entweder sagen: „Das ist halt so und gehört dazu.“ Oder versuchen, sich ihre Berechtigung zu erkämpfen. Das Problem sei nur: In dem Moment, in dem frau Sexismus thematisiere, stelle sie sich selbst als Frau heraus, das Augenmerk werde auf die Einteilung nach Geschlechtern gelenkt. Es gibt aber auch die andere Sichtweise, frei nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Zumal weibliche Fanclubs Dinge vereinten, die eigentlich nicht zusammenpassen: Fußballinteresse und offen zur Schau gestellte Weiblichkeit. Sülzle sieht darin einen Weg, den Sozialraum Stadion zu erobern. Der rosafarbene Fanschal als Inbegriff des Widerspruchs. Die Vorwegnahme des Sexismus in einer ironischen Form sei gewissermaßen eine Bekämpfung desselben, die sich in Fanclub-Namen wie „Titten auswärts“, „Kickers Katzen“ oder „Uschifront“ zeige.

„Man muss aber auch unterscheiden zwischen Akzeptanz und Gleichberechtigung“, wirft ein Zuhörer ein. „Denn wer klettert denn auf den Zaun, trommelt oder schwingt die Fahne? Das sind ja wohl immer noch die Männer.“

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