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Fechterin Cornelia Hanisch über den deutschen Boykott 1980 in Moskau

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Von: Holger Appel

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Cornelia Hanisch 1984 in Los Angeles
Cornelia Hanisch 1984 in Los Angeles © Archiv

Der Boykott brachte Cornelia Hanisch um ihre Olympiateilnahme 1980 in Moskau. Inzwischen blickt sie anders auf diese Zeit zurück, als zu Beginn.

Offenbach – Cornelia Hanisch vom Fechtclub Offenbach war 1979 und 1981 Florett-Weltmeisterin, sie wäre bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau die Topfavoritin auf die Goldmedaille gewesen. Die Politiker und das Nationale Olympische Komitee haben ihr diese Chance genommen. Sie hatten dem von den USA geforderten Olympia-Boykott vor genau 40 Jahren zugestimmt.

Cornelia Hanisch, wissen Sie noch, was am 15. Mai vor 40 Jahren war?

Nein, spontan nicht.

Das NOK hat dem Boykott der Spiele in Moskau wegen des russischen Einmarschs in Afghanistan zugestimmt.

Ach ja, jährt sich dieser ganz spezielle Tag mal wieder.

Können Sie sich an Ihre Reaktion an diesem ganz speziellen Tag erinnern?

Ich war enttäuscht und unglaublich wütend. Ich hatte mir für diese Olympischen Spiele extra ein Urlaubssemester an der Uni genommen. Moskau 1980 – das wären meine Spiele gewesen, ich stand die ganze Zeit an der Weltspitze. Ich habe diese Entscheidung überhaupt nicht eingesehen.

Das heißt?

Ich habe mit einigen Kollegen, die ebenfalls um ihre Olympiateilnahme gebracht worden sind, angefangen zu recherchieren.

Was genau haben Sie gemacht?

Wir haben Fragebögen an die Sportverbände verschickt, wollten wissen, warum diese Entscheidung gefällt wurde. Das Ergebnis war, dass uns wütende Funktionäre und Verbandspräsidenten angerufen und gefragt haben, mit welcher Unverschämtheit wir Sportler solche Fragebögen verschicken. Da bin ich dann wieder aus allen Wolken gefallen. Wir haben dann alle Zeitungsausschnitte gesammelt und ausgewertet, wollten das sogar mal als Buch herausgeben. Nach drei Monaten war definitiv klar, dass kein einziger Sportler von der Politik oder den Verbandsfunktionären zu seiner Meinung gehört worden ist. Das war echt frustrierend.

Es heißt, die Politik hat Druck auf die Sportverbände aufgebaut.

Ja, aber das hätten die Präsidenten der Verbände aushalten müssen. Das hätte einen Aufschrei in der Bevölkerung gegeben, wenn die Politik gesagt hätte, ihr könnt zwar teilnehmen in Moskau, aber zahlen müsst ihr das selbst. Leider waren wir die Belämmerten, weil wir doofen Deutschen das wie die Amerikaner gemacht haben.

Was haben Sie dann während der Olympischen Spiele gemacht?

Das Innenministerium hat kurioserweise jedem Sportverband Ferienreisen spendiert. Wir Fechter waren in Ägypten. Das war schön und faszinierend, aber ich konnte mich nicht beruhigen.

Weshalb?

Weil in Veronique Trinquet eine Französin Olympiasiegerin geworden ist, die - ganz ehrlich - nicht richtig fechten konnte. Ich habe nie gegen sie verloren, hatte meine beste Zeit als Sportlerin. Es sollte aber nicht sein.

Haben Sie inzwischen Ihren Frieden gefunden mit Moskau 1980?

Ja, im Nachhinein war es nicht mehr ganz so schlimm, da ich vier Jahre später meine olympischen Medaillen bekommen habe. Letztlich kann ich zufrieden sein mit meiner sportlichen Bilanz. Aber das weiß man ja in so einem Moment noch nicht. Ein Sportlerleben ist kurz, es hätten zum Beispiel auch Verletzungen dazwischenkommen können.

Aber Ihre Meinung zu einem Boykott im Sport bleibt bestehen?

Ja, das bringt überhaupt nichts. Es ist doch so, dass der Sport das kleinste Opfer ist im Vergleich zu Politik oder Wirtschaft. Dabei waren wir Sportler, die bestraft wurden, doch überhaupt nicht die Übeltäter. Wir waren Opfer. Dabei ist Begegnung viel besser als Boykott.

Das Gespräch führte Holger Appel.

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