RG Undine

Jochen Weber zum hauptamtlichen Bundestrainer der Para-Ruderer ernannt

+
Der Coach und sein Arbeitsgerät: Jochen Weber und Boot auf dem Undine-Gelände in Fechenheim.

Es gibt nicht viele Arbeitsplätze, die idyllischer sind als der von Jochen Weber. Während der 57-Jährige im Schatten der Carl-Ulrich-Brücke die Schrauben eines Ruderboots nachzieht, weht ihm ein lauer Wind um die Nase.

Offenbach – Bis auf das Zwitschern der Vögel hört man kaum ein Geräusch. In seinem Rücken plätschtert der Main in Richtung Frankfurter City. Irgendwann kommen vier Schwäne angeflogen und landen sanft auf dem Wasser.

Künftig wird Weber noch mehr Zeit hier verbringen. Als Cheftrainer der Offenbacher Rudergesellschaft Undine ist er schon seit 1993 in dem Bootshaus des Vereins in Fechenheim tätig, das nur durch den Fluss von Offenbach getrennt wird. Und seit Mai ist er auch noch hauptamtlicher Bundestrainer der Para-Ruderer.

Nun, die besten deutschen Ruderer mit Behinderung hatte der gebürtige Offenbacher und heutige Wahl-Neu-Isenburger schon seit 2013 gecoacht. Bisher allerdings ehrenamtlich. Dass er seinem Hobby nun hauptberuflich und in Vollzeit nachgehen darf, bezeichnet Weber, Spitzname: „Wolli“, als „eine ziemlich glückliche Fügung“. Eine Mittelaufstockung durch das Bundesinnenministerium macht’s möglich. „Wenn es nicht so gekommen wäre“, betont er, „hätte ich trotzdem normal weitergemacht.“

Seinen Job bei einer Sicherheitsfirma kündigte Weber, der in Kiel Betriebswirtschaft studiert und früher die Gaststätte „Zum Schiffchen“ in Rumpenheim betrieben hat. Nun kann er sich ganz auf das Rudern konzentrieren. Neben dem Trainingsalltag erwartet der Deutsche Ruderverband nun von ihm auch Perspektivarbeit. „Ich soll Strukturen für den Nachwuchs schaffen und junge Leute finden“, erklärt Weber. „Das ist die Hauptaufgabe, die jetzt dazu kommt.“

Denn die Zahl der Athleten, die der Bundestrainer betreut, ist eher überschaubar: Die Nationalmannschaft besteht aktuell aus zwölf Ruderern, Menschen mit Querschnittslähmung, amputierten Beinen, Cerebralparese oder Sehbehinderungen. Sechs der Athleten mit Behinderung coacht Weber bei der Undine, nicht-behinderte Ruderer, die aktiv an Wettkämpfen teilnehmen, aktuell nur vier. „Das ist sehr dünn“, sagt der Übungsleiter. Zählt man Kinder und Freizeitsportler dazu, kommt die Rudergesellschaft insgesamt auf gut 40 Sportler.

Kinder gibt es nur eine Handvoll. Eigentlich bräuchte Weber für sie einen separaten Trainer. „Einen Zwölfjährigen kannst du nicht zusammen mit einem 39-Jährigen trainieren.“ Und vor allem bei Kindern mit Behinderung hätten die Eltern oft Angst, die Kids aufs Wasser zu schicken. Umso wichtiger ist eine gute Betreuung. Deswegen will Weber in Offenbach auch bald ein Ruder-Projekt für Kinder mit Behinderung starten, für das er mit der Initiative „IGEL“ kooperiert.

Die Erfolge seiner Nationalmannschaft können sich trotzdem sehen lassen. Undine-Aushängeschild Johannes Schmidt schaffte es 2012 (London) und 2016 (Rio de Janeiro) zu den Paralympics, holte beide Mal im Einer den elften Platz. „Eine super Veranstaltung, die Stimmung war richtig gut“, beschreibt Weber seine Erinnerungen an Brasilien. Als der Deutschland-Vierer an der Copacabana dann auch noch völlig überraschend den vierten Platz holte, war das Glück perfekt. „Das war mein größter Erfolg“, so Weber.

Durch den querschnittsgelähmten Johannes Schmidt kam Weber 2011 mit dem Para-Rudern in Kontakt.

Er selbst war kein schlechter Ruderer, mit 15 Jahren fing er bei der Undine an, einige Jahre später holte er bei der deutschen Meisterschaft der A-Junioren Bronze. Studium und Job beendeten die Karriere als Aktiver bald, mit der Zeit sei ihm jedoch klar geworden, dass sein Trainer bei ihm einige Dinge falsch gemacht habe, erzählt Weber. So reifte der Wunsch, es selbst besser zu machen.

Seit Anfang der Neunzigerjahre betreut er, abgesehen von einer vierjährigen Auszeit, in der er an der Ostsee lebte, nun die Undine-Ruderer. „Man kriegt viel zurück“, berichtet er. Vor allem die Arbeit mit Kindern macht ihm Freude: „Wenn sie Spaß am Sport haben – etwas Besseres kann ihnen doch gar nicht passieren.“

Mit dem Behinderten-Sport kam Weber 2011 durch Johannes Schmidt erstmals in Kontakt, als der vom Wassersportverein Bürgel zur Undine wechselte. Zwei Jahre später hörte der damalige Para-Bundestrainer auf – Weber wurde gefragt. Er hat schnell Gefallen gefunden an der Arbeit mit Menschen, die sich von ihrer Behinderung nicht einschränken lassen wollen. „Die Grundhaltung ,Ich will gewinnen!‘ ist wichtig“, betont Weber, „egal, ob du eingeschränkt bist oder nicht.“

Neben Trainingslagern und Weltcup-Rennen im In- und Ausland gilt sein Fokus aktuell vor allem der Weltmeisterschaft, die im August in Linz stattfindet und bei der es auch um die Qualifikation für die Paralympics im kommenden Jahr in Tokio geht. Vor allem in die Hamburgerin Sylvia Pille-Steppat setzt Bundestrainer Weber seine Hoffnungen. Die 51-Jährige, die an Multiple Sklerose erkrankt ist, ließ bereits im vergangenen Jahr mit dem vierten Platz bei der WM in Bulgarien aufhorchen. „Sie wird es ziemlich sicher schaffen“, ist Weber überzeugt. Vielleicht ja zusammen mit ihrem Offenbacher Kollegen Johannes Schmidt.

VON MANUEL SCHUBERT

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare