Bildung

Kritik an Schulen im Corona-Betrieb: „Sport steht wieder hinten an“

Kein Schulsport in Hessen wegen Corona: Das stört den Sportkreis in Offenbach.
+
Kein Schulsport in Hessen wegen Corona: Das stört den Sportkreis in Offenbach.

An den hessischen Schulen ist der Unterricht in den Hauptfächern allmählich wieder angelaufen. Der Sportunterricht kann laut politischen Gremien aus Gründen des Infektionsschutzes in Zeiten der Corona-Pandemie aber weiter nicht stattfinden.

Offenbach – Schulsport – für Peter Dinkel, Vorsitzender des Sportkreises Offenbach, zählt er schon seit vielen Jahren zu den „Reizthemen. Sport ist gefühlt immer das erste Fach, das an den Schulen ausfällt. Der Sport hat bei uns leider nicht den Stellenwert wie in den angelsächsischen Ländern. Dort ist er Hauptfach. Jetzt haben wir eine weltweite Krise und schon steht der Sportunterricht bei aller verständlichen Vorsicht in dieser schwierigen Zeit bei uns wieder hinten an. Das ist unverantwortlich. Kinder brauchen Bewegung.“

Dinkel verweist auf Studien, die versichern, dass die Leistungen der Schüler sich verbessern, wenn sie regelmäßig aktiv sind. Er hofft, dass nach der Corona-Krise ein Umdenken erfolgt. „Sport muss auch bei uns in Deutschland Hauptfach werden“, fordert der 80 Jahre alte Hainburger.

Zwar gibt es für Sportler in Hessen wieder mehr Möglichkeiten, doch die schulischen Sportanlagen werden höchstwahrscheinlich bis zum Ferienbeginn am 6. Juli geschlossen bleiben. Daran dürfte auch ein Positionspapier des Deutschen Sportlehrerverbandes (DSLV) nichts ändern. „Nur Schulsport bewegt alle“, steht zum Abschluss des Schreibens auf der Internetseite des Verbandes in großen Buchstaben. Die Sportlehrer befürchten gesundheitliche Konsequenzen bei ihren Schülern wegen erhöhter Inaktivität (sitzende Tätigkeiten zu Hause, verstärkter Medienkonsum). Sie schlagen deshalb Sportunterricht im Freien vor; auf Sportplätzen, Laufbahnen, im Park auf dem Schulhof. Laufen und Springen, sogar Sportabzeichenprüfungen könnten durchgeführt werden. Badminton, Inlineskaten und kontaktlose Spiele seien denkbar. Sie berichten zudem von kleineren Aufgaben für zu Hause und die Freizeit, die Perspektiven für Bewegung eröffnen können.

Doch die Fragen, wie sich ihre Schützlinge in der Schule sicher bewegen sowie sportlich betätigen könnten, ohne die geltenden Abstands- und Hygieneregeln zu verletzen, bleiben offen. Der DSLV meint aber zum Beispiel, man könne den Sportunterricht in die letzte Unterrichtsstunde des Tages verschieben, so dass mehr Zeit zum Umziehen in kleinen Gruppen bleibt und das Duschen zu Hause möglich ist.

„Das ist unrealistisch“, meint Barbara Bremes. Sie ist Schulsportkoordinatorin am Offenbacher Albert-Schweitzer-Gymnasium, Partnerschule des Leistungssports. „Bei uns ist die Turnhalle fast immer bis abends um 19 Uhr belegt, wir haben nur je eine Umkleide für Mädchen und Jungs. Wir hätten diese Möglichkeiten überhaupt nicht. Und so einfach mit den Schülern in den öffentlichen Park gehen, um Sport zu treiben, ist für mich auch keine Alternative.“

Barbara Bremes ist durchaus einverstanden, dass der Sport zunächst außen vor bleibt an den Schulen. Sie rechnet damit, dass das auch zumindest bis zu den Sommerferien so bleibt. „Die Gesundheit gehe vor. Abstandsregeln funktionierten im Sportunterricht mit Kindern und Jugendlichen nicht. Und Sport mit Gesichtsmaske passt auch nicht zusammen. Jetzt sind angesichts der noch reduzierten Stundenzahlen Fächer wie Mathe und Deutsch einfach wichtiger, die Nebenfächer fallen runter“, meint sie. Und dazu zählt – laut Peter Dinkel „leider“ – auch der Sport.

Bremes berichtet aber auch, dass viele Schüler in Sportvereinen seien, von dort schon individuelle Trainingspläne bekommen haben. Sie und ihre Kollegen hatten – wie vom DSLV vorgeschlagen – aber auch Bewegungsspiele und Übungen für die Schüler für zu Hause angeboten. In der Hoffnung, dass sich die Jugendlichen auch sportlich betätigen und fit halten. „Ob sie das gemacht haben, wissen wir natürlich nicht“, sagt Bremes und berichtet von Koordinationsübungen wie Seilspringen, Handstand an der Wand, „eben alles, was zur Not auch in Stadtwohnungen möglich ist“. Den Ausdauerbereich habe sie nicht abgedeckt, „denn ich kann keine Fünft- oder Sechstklässler mal einfach raus zum Joggen schicken“. Die hingegen würden immer häufiger von Radtouren mit den Eltern berichten, was ja auch eine gute Bewegungsalternative ist.

Barbara Bremes hofft, dass der Schulsport nach den Sommerferien langsam wieder anlaufen kann. Die Zuversicht hält sich bei ihr wie auch bei Sportkreisvorsitzendem Peter Dinkel aber noch in Grenzen.

Von Holger Appel

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare