Offenes Ohr für die Rollstuhlfechter

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Eine Säbelszene von den Rollstuhlfechtern bei den Paralympics 2008 in Peking.

Offenbach - Das war wie verhext, damals vor gut drei Jahren. Noch heute muss Waldemar Krug den Kopf schütteln, wenn er diese Geschichte erzählt. „Wir hatten vor einigen Jahren zwei, drei Rollstuhlfechter bei uns im Verein. Von Holger Appel

Da aber in unserem Klubgebäude der Aufzug fehlte, mussten sie im Erdgeschoss trainieren und nicht in der Fechthalle im ersten Stock. Das war nicht optimal. Als wir bei unserer Hallensanierung 2005/2006 einen Aufzug haben einbauen lassen, waren kurz darauf plötzlich die Fechter weg“, berichtet der Vorsitzende des Fechtclubs Offenbach von 1863.

Und warum? Stress habe es keinen gegeben, versichert Krug. Eine Aktiver habe aufgrund von gesundheitlichen Problemen aufhören müssen, ein anderer sei nach Süddeutschland verzogen. Und zwar alles nahezu zeitgleich. „Schicksal. Da kann man als Verein natürlich nichts machen“, sagt der Vorsitzende.

Annabel Breuer, Simone Briese-Baetke und Zarife Imeri (von links) freuen sich über den Titel bei der Europameisterschaft 2009 in Warschau. Sie hatten zuvor den Mannschaftswettbewerb gegen die Auswahl von Ungarn mit 45:32 gewonnen. Briese-Baelke und Imeri treten bei den Deutschen Meisterschaften in Offenbach an.

Um das Rollstuhlfechten in Offenbach nun aber wiederzubeleben, hat sich der FCO um die Ausrichtung der Deutschen Meisterschaften 2009 beworben. Mit Erfolg. Am Samstag ab 9.15 Uhr kämpfen die besten deutschen Rollstuhlfechter um Simone Briese-Baelke (FC Tauberbischofsheim), Zarife Imeri (SV Esslingen), Dimitrij Rout (TUS Makkabi Rostock) und den Jenaer Uwe Bartmann in der Halle an der Senefelderstraße um die Titel mit Degen, Florett und Säbel. „Bei uns ist nunmal alles vorhanden: Rampe, Aufzug, Behindertentoilette. Wir wollen zeigen, dass wir in unserem Verein auch für die Rollstuhlfechter ein offenes Ohr haben, würden gerne wieder regelmäßig unsere Möglichkeiten nutzen“, sagt Krug.

2002 hatte der Fechtclub erstmals Rollstuhlfechten angeboten. Corinna Bauer (heute Kipfstuhl), seit 1998 beim FCO, hatte einst die Weltmeisterin im Rollstuhlfechten, Ester Weber-Kranz, kennen gelernt und war von deren Engagement und der Sportart fasziniert. Die Idee vom Rollstuhlfechten ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Ende 2001 kaufte sie ein Rollstuhl-Fechtgestell, über einen Kontakt zur Unfallklinik Frankfurt kam in Michael Hönig der erste Rollstuhlfechter nach Offenbach. Der Auftakt einer kurzen Episode.

Möglichst bald nach den Deutschen Meisterschaften soll - unter deutlich besseren Bedingungen als im Jahr 2002 - das Rollstuhlfechten in Offenbach fortgesetzt werden.

In Fechtgestellen auf der Jagd nach Treffern

Die Athleten beim Rollstuhlfechten sind in so genannten Fechtgestellen festgeschnallt. Das Gestell besteht aus Schienen, in die sie mit ihren Rollstühlen fahren. Die Schienen der beiden Fechter sind durch eine Querstange miteinander verbunden. Der Winkel zwischen Querstange und den Schienen beträgt etwa 110 Grad. Je nachdem, ob sich zwei Rechts-, Links- oder je ein Rechts- und ein Linkshänder gegenübersitzen, befinden sich die Gegner auf der gleichen oder gegenüberliegenden Seiten der Querstange.

Bei zwei Fechtern mit unterschiedlicher Armlänge darf derjenige mit dem kürzeren Arm eine Distanz wählen, die im Bereich zwischen seinem Abstand und dem seines Gegners liegt.

Im Florettfechten gilt als gültiger Bereich der Rumpf, mit dem Säbel gehören außer dem noch Arme und Maske dazu. Beim Degen ist nicht - wie bei den Nichtbehinderten üblich - der gesamte Körper Trefferfläche, die Beine werden ausgeschlossen. Die Treffer können wie beim Säbel nur oberhalb der Hüfte gesetzt werden. Zur Trefferanzeige dienen leitende Westen.

Am Rollstuhlfechten darf jeder teilnehmen, der durch eine dauerhafte Einschränkung Nachteile beim Fechten hat, also nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Amputierte oder Personen mit einer Knieversteifung.

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