Fußball

Profi Mergim Mavraj im Gespräch über das Fußball-Geschäft

Quälen für die Rückrunde: Mergim Mavraj bereitet sich gerade an der Türkischen Riviera mit der Spielvereinigung Greuther Fürth auf die restliche Saison der 2. Bundesliga vor. Athletiktrainer Michael Schleinkofer feuert den gebürtigen Hanauer an. Wegen einer leichten Blessur musste der 33-Jährige zuletzt mit dem Training aussetzen. Foto: Sportfoto Zink

Fußball. Der in Hanau geborene Fußballprofi ​Mergim Mavraj hat in seiner Karriere schon einiges erlebt. Derzeit steht er beim Zweitligisten Greuther Fürth unter Vertrag. Wir haben mit Mavraj über das Fußball-Geschäft, die Frage nach Heimat und Anker in seinem Leben gesprochen.

Von Martin Schano

Trainingslager der Spielvereinigung Greuther Fürth: Der Himmel über der Türkischen Riviera meint es noch gut mit den Gästen aus Almanya. Frische elf Grad herrschen zur Vormittagseinheit, die Spieler sind kurz vorm Auskühlen während der langen Erklärungen von Trainer Stefan Leitl.

Er lässt den Spielaufbau üben, vom Torwart bis in die Spitze. Nur eine Stimme ist lauter über den ganzen Trainingsplatz zu hören als die des Trainers: Sie gehört Mergim Mavraj, Kapitän Nummer drei der Kleeblatt-Profis.

Zweikampfstarker Anführer

Vom ersten Spiel seit seiner Rückkehr aus Ingolstadt an den Ronhof im vergangenen Sommer ist klar, dass die Spielvereinigung mit dem Innenverteidiger einen Anführer geholt hat, einen gleichsam zweikampf- wie meinungsstarken Krieger.

Mavraj darf im Training ungeschoren Witze über die Gefängnis-Vergangenheit von Stürmer Daniel Keita-Ruel reißen, er weist im Testspiel gegen die Bayern-Amateure Ersatzkeeper Marius Funk zurecht, als der nach Mavrajs Dafürhalten falsche Kommandos gibt, er fährt dem Gegner in der Hinrunde regelmäßig in die Parade, wenn die Partie zu kippen droht.

Im Interview an der Hotelbar auf ein Glas türkischen Chai verkörpert er wohl genau den Typ des mündigen Profis, den viele Beobachter der Fußballbranche vom Aussterben bedroht sehen.

Mavraj hat noch lange nicht genug

Das Feuer brennt noch in ihm, das sah man in dieser Hinrunde – und das spürt man im Gespräch. Jeder zweite seiner Sätze könnte eine Überschrift über diesen Text sein. Mergim Mavraj, geboren als Sohn kosovarischer Eltern in Hanau, aufgewachsen in Seligenstadt, ist jetzt 33 Jahre alt und hat viel gesehen in seinem Fußballerleben.

Mit Bochum einst im Uefa-Cup, Bundesligaauf- und -abstieg mit Fürth, EM-Teilnehmer mit Albanien, Bundesliga mit Köln, Abstieg mit dem HSV und Ingolstadt – der Innenverteidiger muss niemandem mehr etwas beweisen.Und doch sagte er bei seiner Rückkehr nach Fürth im vergangenen Sommer: „Ich bin nicht hierhergekommen, um die Karriere ausklingen zu lassen.“

Sein Vertrag läuft noch eineinhalb Jahre. Auf die Frage, wie sich diese Zeitspanne anfühlt, antwortet er an der Hotelbar in Belek mit einem verlegenen Lachen: „zu wenig.“ Und Mergim Mavraj ist selten verlegen.

Meinungsstark: Mavraj eckt an

Vielleicht weil er weiß, dass er hier kein Publikumsliebling ist – als Kapitän der Erstligamannschaft 2012/13 hatte er sich mit einigen Fans angelegt. Doch er hat das Prinzip durchschaut: „Du wirst nur geliebt, wenn du Leistung bringst.“ Dieser Satz ist so etwas wie eine Überschrift über seine Karriere geworden.

Die erste Erfahrung in dieser Hinsicht machte er bei einem Tauziehen um seine Person: Ausgestattet mit einem Pass der Uno, bemühte sich das Land Albanien um das Talent, das beim SV Darmstadt gerade seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte, um ihn für die Landesauswahl zu gewinnen.

Kaum war das Dokument ausgestellt, holte ihn Trainer Dieter Eilts zur deutschen U21. „Die Albaner waren sauer, dass ich für Deutschland gespielt habe. Ich sollte den deutschen Behörden den albanischen Pass zurückgeben, doch die wollten ihn nicht annehmen.“

Liebe der Fans kommt mit dem Erfolg

Nach Jahren im Rechtsstreit mit dem Land seiner Eltern, ist er nun sogar Kapitän der albanischen Nationalmannschaft. Ist also alles verziehen? „Ja, wenn die Leistung stimmt, ist alles andere eine Randerscheinung. Das ist auf der einen Seite gut“, als Spieler habe er sich irgendwann daran gewöhnt. „Für mich persönlich aber ist es sehr traurig. Denn wenn du gut spielst, bringen dir die Leute sehr viel Liebe entgegen. Dabei merken sie gar nicht, dass das eine bedingte Liebe ist. Es ist eine Win-win-Situation, nicht mehr.“

Man habe im Leben viele Anker: Geburtsort, Nationalität, Fußballverein. „Das sind Sachen, mit denen du dich identifizierbar machst. Aber das bist nicht du. Für mich ist Paolo Maldini nicht AC Mailand, nur weil er da jetzt sein ganzes Leben gespielt hat.“ Für ihn sei Maldini ein Vorbild aufgrund seines Verhaltens auf und neben dem Platz.

Dasselbe gelte auch für ihn: „Ich bin auch nicht der, der lange bei der Spielvereinigung gespielt hat. Ich definiere mich nicht über solche Sachen. Ich bin der Seligenstädter Heimscheißer, der seine Mama sehen will.“

"Ich weiß nicht, was Heimat ist"

Ist seine Liste an Vereinen deshalb so lang? Weil nicht das Wappen auf dem Trikot zählt, sondern was man darin macht? Viele dachten, er sei zurückgekommen in die alte Heimat Fürth, wie in jüngerer Vergangenheit Marco Caligiuri, Timothy Tillman und Benno Möhlmann. „Heimkommen definiert sich über Menschen“, findet Mavraj, über Fürth sagt er: „Der Verein drumherum hat sich verändert, eine neue Fangeneration ist herangewachsen... ich weiß nicht, was Heimat ist. Ist es Seligenstadt, der Kosovo oder ist es Mekka wegen meiner Religion?“

Trotz seines emotionalen Abstands sei es nie der Plan gewesen, dass die Liste seiner Profivereine so lang geworden ist: Sieben verschiedene sind es, von Darmstadt über Bochum, Fürth, Köln, HSV, Aris Saloniki, Ingolstadt und wieder Fürth. „Ab dem Wechsel von Köln nach Hamburg brauchte jeder Verein, der mich geholt hat, einen Anführer. Ich bin Terminal eins, sage ich immer dazu. Immer auf Abruf: Gate eins, Gate zwei, Gate 13...“

Glaube spielt wichtige Rolle

Doch der Reisende will nicht mehr ständig Koffer packen. Außer, es geht nach Mekka. Der streng gläubige Moslem war bereits drei Mal dort, „und ich möchte noch hundert Mal dorthin, denn ich habe den Inhalt dieser Sache immer noch nicht ganz verstanden. Verstehen kriegt nur den Trostpreis, man muss die Sache erlebt haben.“ Wieder so eine Überschrift über das Leben des Mergim Mavraj, der in Hanau geboren wurde.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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