Themenschwerpunkt: Rudi Völler wird 60

Reiner Calmund im Interview über Rudi Völlers Frau, sein Lebenswerk und seine Wutanfälle

Reiner Calmund Rudi Völler und Ehefrau Sabrina Fotoshooting in Dresden
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Verstehen sich blendend: Reiner Calmund, Rudi Völler und Ehefrau Sabrina im Jahr 2003 bei einem Fotoshooting.

Sieben Jahre hatte Rudi Völler im Ausland gespielt, als er entschied: Ich will zurück nach Deutschland! Eintracht Frankfurt, der 1. FC Köln und Dynamo Dresden waren interessiert. Den Zuschlag aber erhielt Bayer 04 Leverkusen. Reiner Calmund hatte Rudi Völler von einem Wechsel überzeugt.

Wie der 71-Jährige das schaffte, verrät er ebenso im Interview mit dem HANAUER ANZEIGER wie zahlreiche weitere Anekdoten.

Herr Calmund, was haben Sie damals in Chicago und später in Marseille gesagt, um Rudi Völler von Leverkusen zu überzeugen?

Ich habe mit Rudi bei der WM 1994 in den USA kurz nach dem 3:2-Achtelfinalsieg gegen Belgien persönlich und konkret über einen Wechsel zu Bayer 04 Leverkusen gesprochen. Der damalige Bundestrainer Berti Vogts, der Rudi ja schon seit der U21 förderte, war sogar mit unserem Gespräch im WM-Quartier in Chicago einverstanden. Die Stimmung war gut, Berti war happy, weil sein Team das Viertelfinale erreicht hatte, und Rudi war als Senior unserer Nationalmannschaft rundum zufrieden, weil er zwei Tore erzielt hatte. Wir haben in Chicago vereinbart, dass wir uns nach der WM in Marseille treffen würden.

Wie verliefen die Gespräche in Marseille?

Kurz und knapp, aber erfolgreich. Rudi hatte mir grundsätzlich zugesagt, bis auf ein paar Details, die wir mit ihm und seinem Steuerberater in Deutschland klären mussten. Ich bin mit einem Zickzack-Flug nach Marseille geflogen und nach einem Tag Verhandlungen, inklusive einem leckeren Abendessen, auf dem gleichen Weg zurück. Meine geheime Mission hätte ich mir jedoch schenken können, weil schon am Abend meiner Rückkehr die Sportsender von Rudis bevorstehendem Wechsel zu Bayer 04 berichteten.

Völlers Ehefrau spielt entscheidende Rolle bei Entscheidung für Leverkusen

Nach Rudis Karriere haben Sie es geschafft, ihn als Sportdirektor in Leverkusen zu halten. Welche Rolle spielte Rudis Frau?

Eine große, wenn nicht die größte Rolle. Als Römerin in der neunten Generation wäre es für sie ja nur logisch gewesen, wieder in die Heimat zu gehen. Aber als kluge Frau wusste sie, dass Rudi eine gute Beschäftigung brauchte. Und aus den zwei Jahren in Leverkusen war ihr klar, dass Bayer ihm die beste Ausbildung und Perspektive ermöglichen würde. Deshalb plädierte sie gegen Rom und alle anderen Angebote. Das war sicher nicht einfach – aber es stellte sich als goldrichtige Entscheidung für alle Beteiligten heraus. Rudi hatte ja schon bei seiner Entscheidung, als Spieler nach Leverkusen zu wechseln, seine Frau Sabrina mit einbezogen. Die selbstbewusste Römerin stand schon zu diesem Zeitpunkt mit beiden Füßen auf der Erde und hatte kein Problem damit, dass der Möbelwagen von Marseille nicht in die Weltstädte nach Rom, Lissabon oder Paris fuhr – es gab Angebote genug - sondern nach Leverkusen in den Stadtteil Quettingen.

Es gab vor Rudis Engagement als Sportdirektor bei Bayer 04 im Leverkusener Umfeld hinter der Hand auch die Diskussion „Ist er der Richtige?“, außerdem wollte Rudi nach einer anstrengenden, langjährigen Profi-Laufbahn unbedingt sechs Monate Pause, was Sie nicht akzeptieren wollten.

Ich bin froh, dass wir Rudi mit Sabrinas Unterstützung davon überzeugen konnten, nach einer zweimonatigen Sommerpause sofort zu starten. Direkt nach Rudis Abschieds-Gala ging es für unsere Mannschaft zehn Tage in die USA und nach Mexiko. Im Azteken-Stadion von Mexico City gab es ein Benefizspiel für die Waisenkinder von Queretaro. Der DFB hatte bei der WM 1986 mit Präsident Egidius Braun, Teamchef Franz Beckenbauer, Toni Schumacher, Rudi Völler und Co. diese Stiftung ins Leben gerufen, also musste Rudi, Stress hin oder her, mitkicken. Einige Tage nach dem Match in Mexiko stand noch Kalifornien für unser Team auf dem Programm. Ich erzählte Rudi, dass wir zwei vorher fliegen müssten, weil wir noch einen Termin mit dem langjährigen US-Soccer-Liga-Chef und späteren Präsidenten Sunil Gulati in L.A. hätten. Rudi fand den Flug am nächsten Tag nicht lustig, bis ich ihm erzählte, dass wir nach der Ankunft in L.A. mit Sunil Gulati zwar essen gehen, auf dem Programm stände aber nur seine faire Absage, weil der US-Soccer-Chef ihn unbedingt in seine Liga lotsen wollte. Danach konnte Rudi seine Füße hochlegen und die letzten Tage in Amerika genießen.

Infrastruktur in Leverkusen ist Völlers "Lebenswerk"

Was war mit den Kritikern?

Quatsch, es gab keine ernsthaften Kritiker. Manfred Schneider, unser damaliger Bayer AG Vorstandschef, gratulierte mir zur Verpflichtung von Rudi Völler mit seinem bekannten kratzigen Humor: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Calmund, Sie haben den teuersten Lehrling Europas eingestellt.“ Fakt ist, Schneider und sein Nachfolger Werner Wenning, beide Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsrats-Chefs der Bayer AG, sind mit Rudi hochzufrieden. Zwei kleine Beispiele: Die personelle Besetzung und die Infrastruktur der medizinischen Abteilung sind absolute Spitzenklasse. Wir haben vor gut 20 Jahren bei Bayer 04 als Erster ein Scouting-Programm entwickelt. Was Marcel Daum mit seinem Team dort aktuell leistet, ist gigantisch, selbst ich als erster Befürworter der Computer-Analyse komme dabei aus dem Staunen nicht raus. Die wunderbare Entwicklung der gesamten Infrastruktur hat Rudi in erster Linie mit zu verantworten. Das ist ein Lebenswerk!


Rudi war als Sportdirektor Ihr Zögling. Was hat er von Ihnen gelernt?

Zunächst war wichtig, dass er keine Kopie von mir werden sollte. Das wäre schiefgegangen. Rudis ruhige und moderate Art musste ebenso eingebracht werden wie die unglaubliche Sympathie, die er weltweit genoss.

Völler als Zugpferd für Wechsel nach Leverkusen

Es gibt die Legende vom „Good guy, bad guy“ bei Verhandlungen mit Spielern. Rudi war der gute Junge, oder? Wie lief das ab?

Alles halb so wild. Rudis Rolle war damals weniger, die Gehälter zu deckeln oder Transfersummen runterzuhandeln. Es ging darum, mit ihm als international bekanntem Zugpferd die Jungs zu einem Wechsel nach Leverkusen zu überzeugen. Da war er als Vorbild, Weltmeister und Champions-League-Sieger Gold wert.

Wie waren die Diskussionen nach der katastrophalen EM 2000, als es um den neuen Bundestrainer ging?

In einer Gesprächsrunde mit Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, Generalsekretär Horst R. Schmidt und Pressesprecher Wolfgang Niersbach vom DFB, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge von Bayern München sowie Christoph Daum, Rudi Völler und mir ging es um den neuen Bundestrainer. Der DFB wollte Daum mit sofortiger Wirkung als neuen Bundestrainer verpflichten, Rudi und ich konnten aufgrund der unmittelbar bevorstehenden Saison unserem Trainer keine sofortige Freigabe erteilen.

Wie war der Moment, als die Entscheidung für Rudi Völler fiel? Sie waren doch live dabei. Das kam sehr überraschend.

Wir suchten nach einem guten Interims-Kandidaten für die nächsten elf Monate. Plötzlich schauten alle Rudi an – und der konnte nicht „Nein“ sagen. Witzig war in diesem Moment, als seine Frau anrief und die Frage stellte, wann sie mit ihm rechnen könne an diesem Abend, sie hätten ja Besuch und er antwortete: „Das kann noch ein bisschen dauern. Es kann sein, dass ich Bundestrainer werde.“ Sie dachte, er mache einen seiner üblichen Scherze. Sabrina sah die Nachricht kurze Zeit später in der Sportschau und wusste, dass ihr Mann keinen Witz gemacht hatte.

Völlers Wutanfälle machen ihn authentisch

Was schätzen Sie an Rudi am meisten?

Er ist längst ein guter und verlässlicher Freund geworden. Wir telefonieren häufig und sprechen über Gott und die Welt. Rudi ist ein gestandener Mann von knapp 60 Jahren, hat tolle Kinder großgezogen und viel Lebenserfahrung gesammelt. Er ist nicht mehr zu vergleichen mit dem Mittdreißiger, der als Manager-Lehrling bei uns anfing. Rudi ist längst das strahlende Gesicht von Bayer geworden. Daran ändert auch nichts, dass er mitunter seine Wutanfälle kriegt. Meine Güte, warum nicht? Rudi ist so, das ist authentisch und nicht kalkuliert. Und er ist immer bereit zur Versöhnung.

Was sind Ihre Erinnerungen an die vielen Besuche im Hause Völler?

Man ist immer willkommen. Und man wird von Sabrina immer herrlich bekocht. Rudis Frau hat Fähigkeiten in der Küche, von denen man begeistert sein muss. Selbst wenn sie mir Diät verordnete, schmeckte es vorzüglich.

Sie waren mit Rudi in seiner Heimatstadt…

Ja, er war sehr stolz darauf, als er 2002 Ehrenbürger von Hanau wurde. Seine Bindung zur Heimat ist sehr groß, da ist er auf jeden Fall der Rudi von früher, völlig normal und bodenständig. Bei den Feierlichkeiten hatte ich das Gefühl, dass ihn jeder Hanauer umarmen wollte. Umso mehr hat ihn der furchtbare Terrorakt vom Februar geschockt, wo Rudi Völler sofort Flagge gezeigt hat für „sein“ Hanau, das offene, tolerante und multi-kulturelle Hanau.

Klassenerhalt mit Bayer für Callmund die prägendste Erfahrung

Was ist Ihre prägendste Erinnerung an Rudi in sportlicher Hinsicht?

Als wir mit Bayer 04 in seiner letzten Saison 1995/96 in arge Abstiegsnöte gerieten, da zeigte Rudi jeden Tag – nicht nur auf dem Rasen –, was ihm der Verein bedeutet, was es heißt, eine Mannschaft zu führen. Er war ein Vorbild in schlimmsten Zeiten, kannte keine Kompromisse, dem Klassenerhalt wurde alles untergeordnet. Dass es letztlich klappte, hatten wir ihm zu einem großen Teil zu verdanken. Dabei stand für Rudi so viel auf dem Spiel: Beim letzten Saison-Krimi gegen Kaiserslautern ging es um alles oder nichts, es war auch sein letztes Spiel als Profi. Markus Münch erlöste Bayer 04 und sicher auch Rudi Völler mit seinem Tor zum 1:1 in der 82.Minute, damit blieben wir in der Bundesliga und Lautern musste absteigen. Für Montag war alles für sein Abschiedsspiel vorbereitet. Nicht auszudenken, wenn wir abgestiegen wären. Ich war erleichtert wie nie. Und das Bild, wie Rudi den weinenden Andy Brehme tröstet, hat sich fest in meinem Kopf eingebrannt, zumal 48 Stunden später beide bei Rudis Abschieds-Party freundschaftlich und innig feierten.

Und nicht nur in Hanau und Leverkusen wurde Rudi gefeiert…

Ein besonderes Erlebnis konnte ich und sicher auch Rudi 1990 nach unserem 1:0-WM-Sieg gegen Argentinien in seiner Wahlheimat Rom erleben. Die ganze Nacht skandierten die italienischen Fußball-Fans „Toto Schillaci“, der kleine Italiener wurde damals Torschützenkönig der WM. Aber ebenso laut feierten sie in der Hauptstadt „Rudi Woller“. Das war eine Auszeichnung, fast so wichtig wie der WM-Titel selbst.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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