EM-Serie

Reise durch Europa: Der französische Tennisspieler

Tennis meets Fußball und Deutschland meets Frankreich: Jean-Louis Philippe wurde in Toulouse geboren und lebt in Großkrotzenburg.
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Tennis meets Fußball und Deutschland meets Frankreich: Jean-Louis Philippe wurde in Toulouse geboren und lebt in Großkrotzenburg.

Es gab einige denkwürdige Duelle zwischen Deutschland und Frankreich. 1982 in Sevilla das schlimme Foul des deutschen Torhüters Harald Schumacher an Patrick Battiston. 2014 der deutsche Sieg im Viertelfinale auf dem Weg zum Titel in Rio. Zuletzt gewann die Équipe Tricolore bei der EM 2016 im Halbfinale.

Großkrotzenburg – Eigentlich wollte Jean-Louis Philippe damals nur ein Jahr in Deutschland bleiben. Inzwischen ist der 52-Jährige ein richtiger Großkrotzenburger. 1991 war er als Student im Rahmen eines Erasmus-Programms nach Deutschland gekommen. Zwischenzeitlich lebte er noch mal in Frankreich. In diesen sechs Jahren lernte er seine Frau kennen und die beiden bekamen drei Kinder.

„2002 bin ich von meinem Arbeitgeber in ein französisches Werk meiner Firma geschickt worden“, erzählt er, während er mit dem Schläger in der Hand an den Tennisplätzen in Großkrotzenburg steht. Alleine ging er nach Nordfrankreich. Sechs Jahre später kehrte er zurück: mit seiner Frau und drei Kindern. Seitdem ist Großkrotzenburg die Heimat der französischstämmigen Familie. „Meine Kinder sind alle in Frankreich geboren, sprechen aber besser Deutsch als Französisch.“

Jean-Louis Philippe, der bei Evonik in Wolfgang im Marketing arbeitet, spielt seit seinen Kindheitstagen Tennis. In Toulouse, wo er geboren wurde und aufwuchs, entdeckte er die Liebe zum gelben Filzball. In Vor-Corona-Zeiten besuchte er seine Familie im Südwesten Frankreichs einmal im Jahr. Häufiger finden die Philippes den Weg nach Nordfrankreich. 150 Kilometer nördlich von Paris, wo Evonik ein Werk hat, lebt die Familie seiner Frau. „Bei meiner Schwiegerfamilie sind wir vier- oder fünfmal im Jahr.“

Als Kind hatte Jean-Louis Philippe selbst gekickt

Als Kind hatte es Jean-Louis Philippe auch mal mit Fußball probiert. Nach ein paar Monaten stellt er aber fest: „Das war nicht so mein Ding!“ Sein Sohn schwingt nicht nur ebenfalls den Tennisschläger, sondern hütet in der Jugend des FC Germania Großkrotzenburg das Tor. Jean-Louis Philippe schaut sich aber gerne Fußball an. „Vor allem internationalen Fußball. Die Champions League, wenn sie im Free-TV kommt, und die Nationalmannschaft.“ Sowohl bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft als auch bei denen der Équipe Tricolore sitzt er vor dem Fernseher.

Die Franzosen zählen bei der Europameisterschaft im Sommer als amtierender Weltmeister zu den Topfavoriten. Jean-Louis Philippe ist gespannt: „2018 bei der WM hatte ich nicht gedacht, dass sie so weit kommen. So ist es diesmal auch.“

Les Bleus, wie die Mannschaft in der Heimat genannt wird, spiele nicht so überzeugend. „Wenn es zum Turnier kommt, ist aber anscheinend der Mannschaftsgeist da – und sie schaffen was.“ Kylian Mbappé sieht er als „Motor der Mannschaft“. Und auch auf Antoine Griezmann komme es an. „Wenn die beiden in Topform sind, können sie was erreichen“, meint der Großkrotzenburger, der mit Paris St. Germain, „weil es der einzige Verein ist, der international erfolgreich ist“, sympathisiert. „Olympique Lyon mag ich auch ganz gerne.“ In den 70ern und 80ern waren Alain Giresse und Michel Platini die Lieblinge von Jean-Louis Philippe.

Französische Essgewohnheiten beibehalten

Mit nach Großkrotzenburg haben er und seine Familie vor allem die französischen Essgewohnheiten gebracht. „Wir legen wert darauf, dass es feste Essenszeiten gibt und die Familie mittags und abends zusammenkommt.“ Auf den Tisch kommen häufig traditionelle französische Gerichte. „Zum Beispiel essen wir mehr Rindfleisch als die Deutschen. Oder spezielle Eintöpfe. Natürlich essen wir auch relativ viel Käse. Und trinken Wein“, sagt der 52-Jährige lachend.

Auch beim Tennisverein Großkrotzenburg profitiert man von der kulinarischen Tradition seiner französischen Mitglieder. „Wir machen einmal im Jahr Crêpes“, erzählt er vom Beitrag der Philippes bei den Vereinsfesten. Für die Großkrotzenburger bestreitet Jean-Louis Philippe Medenspiele in seiner Altersklasse. „Ich habe es aber nie richtig gelernt, sondern mir selbst angeeignet.“

Froh ist er, dass die Freiluftsaison begonnen hat. Und da Tennis auch während der Corona-Pandemie gespielt werden darf, steht der Großkrotzenburger Franzose ein- oder zweimal in der Woche auf den Aschenplätzen am Mainufer. Bei diesen Duellen wird es nicht ganz so ernst zur Sache gehen wie im Juni in München und Budapest, wo Frankreichs Fußballer auf Deutschland, Portugal und Ungarn treffen.

Superstar Kylian Mbappé bejubelt mit Teamkollege Lucas Hernandez (links) seinen Treffer im WM-Finale 2018.

„Es ist ein Vorteil, dass ich zwei Mannschaften habe, die ich unterstütze“, sagt Jean-Louis Philippe, der sich daher vor allem auf das Duell zwischen Frankreich und Deutschland freut. Wenn die Corona-Pandemie es zulässt, kann er schon mal eine gute Flasche Wein bereitstellen, denn „dann laden wir gerne Freunde aus dem Ort ein und schauen zusammen. Und am Ende freut sich wenigstens immer einer“, denkt der Großkrotzenburger gerne an vergangene Fußballabende zurück.

Grinsend ergänzt er aber, dass er sich für beide freuen kann. Also wird zumindest Jean-Louis Philippe nach dem Prestigeduell am 15. Juni 2021 nicht als Verlierer da stehen.

Packende Duelle zwischen Deutschland und Frankreich

Traurige Verlierer gab es nach den großen Duellen in der deutsch-französischen Länderspielgeschichte. Bei der Euro 2016 forderte die deutsche Mannschaft den Gastgeber im Halbfinale und unterlag unter anderem, weil Bastian Schweinsteiger einen Handelfmeter verursacht hatte mit 0:2. Frankreich musste sich später im Finale Portugal mit 0:1 nach Verlängerung geschlagen geben.

Zwei Jahre zuvor hatte Deutschland das WM-Viertelfinale in Rio de Janeiro dank eines Kopfballtreffers von Mats Hummels mit 1:0 gewonnen und schließlich den Titel geholt. Auch bei der WM 1986 in Mexiko hatte sich die deutsche Mannschaft durchgesetzt. Beim 2:0-Erfolg im Halbfinale hatte auch der Hanauer Rudi Völler getroffen.

Die Mutter aller Deutschland-Frankreich-Spiele ist jedoch ohne jeglichen Zweifel das WM-Halbfinale 1982 in Sevilla. Die Begegnung wurde vom brutalen Einsteigen des deutschen Torhüters Harald Schumacher gegen Patrick Battiston überschattet. Im Elfmeterschießen siegte Deutschland. (Von Thorsten Jung)

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