EM-Serie

Reise durch Europa: Der tschechische Radballer

Ohne Fahrrad geht es nicht: Jan Pospisil ist ein erfolgreicher tschechischer Radballer und seinem Sport treu geblieben.
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Ohne Fahrrad geht es nicht: Jan Pospisil ist ein erfolgreicher tschechischer Radballer und seinem Sport treu geblieben.

Jan Pospisil hat das Radball-Gen in die Wiege gelegt bekommen. Immerhin entstammt der Hochstädter einer der hochdekoriertesten Radball-Familien Tschechiens. Er selbst ist auch ein erfolgreicher Radballer, auch wenn er anfangs gar nicht überzeugt von der Sportart war.

Maintal – „Das hat mich erst mal gar nicht angesprochen, weil die Sportart sehr viel Arbeit bedeutet“, erzählt Jan Pospisil lachend. Da aber sein Vater und Onkel (Jan und Jindrich Pospisil) äußerst erfolgreiche Radballer gewesen sind, übte er mit acht Jahren ebenfalls die Familien-Sportart aus. Insgesamt 20 Weltmeistertitel haben die Gebrüder Pospisil gewonnen. Kein Wunder, dass auch die nächste Generation Erfolge gefeiert hat. Klick gemacht hat es bei Jan Pospisil junior allerdings erst mit 14/15 Jahren, als er tschechischer Schülermeister wurde. „Danach bin ich dran geblieben, weil ich mehr erreichen wollte.“

Jan Pospisil wurde 1986 Radball-Europameister

Und das hat er auch geschafft. 1982 wurde er Radball-Europameister und 1986 tschechischer Meister. Verbunden mit dieser erfolgreichen sportlichen Zeit waren zahlreiche Reisen quer durch Europa, wie sich der 55-Jährige, der seit 1993 in Hochstadt lebt, gern erinnert. Bevor er durch den Radball viel rumgekommen ist, hatte er sich als Jungspund in zahlreichen Sportarten ausprobiert. So stand etwa ein Jahr – zusätzlich zum Radball – Karate auf dem Programm, „zur Körperbeherrschung“. Auch in der Leichtathletik und im Skifahren, besonders im Riesen-Slalom, probierte sich Jan Pospisil aus. Mit dem Experimentieren war aber mit 18 Jahren Schluss, dann galt die volle Konzentration dem Radball. Die war auch nötig, denn es ist eine komplexe Sportart, die einen fitten Körper und Geist voraussetzt.

Beim Radball werden mit speziellen Fahrrädern in Mannschaften (meistens je zwei Spieler pro Team) auf Tore gespielt. Das Besondere ist, dass der Ball mit dem Rad gespielt wird. Körperspannung und -beherrschung, ein Händchen für den etwa 600 Gramm schweren Ball sowie taktisches Denken sind also vonnöten, um erfolgreich zu sein.

„Spitzenmannschaften trainieren fast jeden Tag, wobei immer verschiedene Einheiten anstehen. Es ist wahnsinnig viel Technik nötig, dazu kommen Rad- und Ballbeherrschung“, sagt der 55-Jährige und vergleicht seine eher unbekannte Sportart gerne mit Eishockey. Dabei müssen auch mehrere Eigenschaften vereint werden: Schlittschuhlaufen, Schläger-Handling und Puk-Beherrschung – mal ganz abgesehen von der körperlichen Komponente. Ähnlich anspruchsvoll sei der Radballsport, der überwiegend in der Halle ausgetragen wird.

Auch nach Karriereende ist der Maintaler noch sehr aktiv

Vor acht Jahren hat Jan Pospisil schließlich seine erfolgreiche Karriere beendet, sportlich aktiv ist er dennoch geblieben. „Direkt aufhören und nichts mehr machen geht nicht“, so der sympathische Tscheche. Statt Radballtraining standen Fahrradtouren mit Freunden oder Skifahren mit seiner Frau an.

Vom Sport- und Fortbewegungsmittel Fahrrad ist Jan Pospisil aber nicht losgekommen. Vielmehr hat er sich in seiner Wahlheimat Maintal mit seinem Fahrradladen „RadHaus“ einen Namen gemacht. Von Berufswegen sitzt der 55-Jährige also nach wie vor fest auf dem Sattel, denn als Selbstständiger testet er regelmäßig die verschiedensten Räder und kennt sich mit den neuesten Trends aus.

Selbst fährt Jan Pospisil ein Mountainbike und mag Touren, die ihn von Maintal in Richtung Langenselbold und Ronneburg führen, weil es auf den Strecken „ein bisschen flach und ein bisschen hügelig ist“. Das Fahrrad ist einfach sein Ding, beruflich, sportlich und privat.

Fußball liegt dem Radballer so gar nicht

Das kann der Tscheche allerdings nicht von der Sportart Fußball sagen und erzählt lachend eine Geschichte aus seiner Kindheit. Während der Schulzeit habe er mit seinen Freunden öfter mal Fußball gespielt. Dabei wurde Jan Pospisil prinzipiell ins Tor gestellt, im Feld fanden ihn seine Kumpels offenbar nicht so gut aufgehoben. „Ich glaube, sie haben mich ins Tor gestellt, weil ich durch den Radball abgehärtet war“, war der Radsportler auch eigentlich gar nicht böse darum, nicht auf dem Platz dem Fußball nachjagen zu müssen und stattdessen das Tor zu hüten. Denn im Fußball ist ein komplett anderer Bewegungsablauf gefragt, der Jan Pospisil so gar nicht gelegen hat.

Kapitän der tschechischen Elf: Vladimir Darida spielt für Herta BSC in der Bundesliga.

Kontakt zu den professionellen Fußballern hatte die Familie Pospisil aber trotzdem. Denn durch seinen sportlich überaus erfolgreichen Vater hatte eine Zeit lang reger Kontakt zu anderen heimischen Spitzensportlern bestanden – das war üblich zu der damaligen Zeit. So auch zu den Profi-Fußballern. Zur heutigen Riege besteht allerdings kein Kontakt mehr. Jan Pospisil hat aber genug tschechische Spitzensportler kennengelernt, um sagen zu können, dass diese prinzipiell besonders ehrgeizig seien und immer das beste Resultat für ihr Heimatland erzielen wollen.

Im Fußball liegt der letzte große Titelgewinn lange zurück. 1976 wurde der tschechische Vorgängerstaat, die Tschechoslowakei, im damaligen Jugoslawien Europameister. Vier Jahre später wurde der Vielvölkerstaat, die Spaltung in Tschechien und Slowakei erfolgte 1993 friedlich, bei der EM in Italien Dritter. Kurios: In Finale und Spiel um Platz drei hat die Mannschaft Nerven aus Drahtseil bewiesen, denn beide Male fiel die Entscheidung erst im Elfmeterschießen. Bei der EM 1976 hieß der Gegner Deutschland und der entscheidende Elfmeterschütze Uli Hoeneß. Er trat an, nachdem bereits vier Tschechoslowaken und drei Deutsche getroffen hatten. Hoeneß verschoss und Antonin Panenka schoss die Tschechoslowakei zum EM-Titel. Die Revanche Deutschlands folgte 1996, als die DFB-Elf im EM-Finale per Golden Goal gegen Tschechien den Titel holte.

Das Ticket für die EM 2020/21 haben die Tschechen als Tabellenzweiter ihrer Quali-Gruppe hinter England gebucht. In der Gruppe D treffen die Tschechen bei ihrer siebten EM-Endrunden-Teilnahme auf England, Kroatien und Schottland. Diesmal darf es aber gerne weiter gehen als 2016. In Frankreich schied die Mannschaft nämlich als Tabellenletzter nach der Vorrunde aus.

Während die Fußballer ab Juni nach Ruhm und Ehre streben, kümmert sich Jan Pospisil weiter um seine Berufung – seinen Fahrradladen. Wenn es die Corona-Verordnungen zulassen, wird der Hochstädter auch wieder vermehrt in die tschechische Heimat reisen. „Wir sind zwei- bis dreimal pro Jahr in Tschechien und besuchen meine Eltern und die Eltern meiner Frau“, erzählt Jan Pospisil, der in Brünn – etwa 100 Kilometer von Österreichs Hauptstadt Wien entfernt – geboren wurde. Und dann genießt der 55-Jährige nicht nur die herrliche Landschaft, die von Bergen bis Seen alles bereithält, sondern auch gerne tschechische Spezialitäten. „Bier, böhmische Knödel und Becherovka“, nennt Jan Pospisil wie aus der Pistole geschossen seine kulinarischen Favoriten aus Tschechien, für das der Maintaler schon einige Erfolge im Radball gefeiert hat. (Von Julia Meiss)

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