EM-Serie

Reise durch Europa: Der ukrainische Offensivfußballer

Fühlt sich mit dem Ball am Fuß wohl: Der Ukrainer Andrej Kolchak schwärmt von seinem Ex-Coach Jürgen Baier.
+
Fühlt sich mit dem Ball am Fuß wohl: Der Ukrainer Andrej Kolchak schwärmt von seinem Ex-Coach Jürgen Baier.

Zum dritten Mal hat sich die Ukraine für eine Europameisterschaft im Fußball qualifiziert und hat mit den Ergebnissen in der Qualifikation für Aufsehen gesorgt – zur Freude von Andrej Kolchak.

Mainhausen – In der Qualifikationsgruppe B hat die Ukraine für eine kleine Sensation gesorgt. Denn nicht der haushohe Favorit und amtierende Europameister Portugal hat die Gruppe gewonnen, sondern der osteuropäische Staat an der Schwarzmeerküste. „Die Ukraine hat sich in der Qualifikation überraschend gut verkauft – immerhin hat sie gegen Portugal gewonnen“, blickt Andrej Kolchak, ehemaliger Offensivspieler des Gruppenligisten SV Germania Steinheim, zufrieden auf eine erfolgreiche Qualifikation seiner Elf zurück.

Mit sechs Siegen, zwei Unentschieden und keiner Niederlage hat sich das Heimatland von Andrej Kolchak 2019 für die dritte EM in Folge qualifiziert – und dabei nicht nur in der Statistik überzeugt: „Die Art und Weise, wie wir gespielt haben, war einfach gut.“ Dabei sind die Ukrainer direkt am ersten Spieltag im März 2019 mit einem 0:0 gegen Portugal gut in die Qualifikation gestartet und haben den amtierenden Europameister im Rückspiel sogar beim 2:1-Sieg in die Knie gezwungen.

Besonders angetan ist der 28-jährige Andrej Kolchak von dem Weg, den der ukrainische Trainer Andrij Schewtschenko eingeschlagen hat. „Er lässt einen anderen Fußball spielen als seine Vorgänger. Jetzt wird vertikal und schnell nach vorne gespielt, anstatt den Ball nur zu halten.“ Das ist für den Lehramtsstudenten attraktiver Fußball, ist er doch selbst auf dem Platz eine Offensivkraft, die den Gegner gerne mit schnellen Angriffen unter Druck setzt. „Ich habe vorne eigentlich schon alles gespielt“, erzählt der Mainhausener lachend und hebt besonders seine Zeit beim SV Germania Steinheim in der Gruppenliga Frankfurt Ost hervor: „Jürgen Baier war der beste Trainer, den ich je hatte. Er hat richtigen Männerfußball spielen lassen, also schnell nach vorne.“

Kolchak hofft auf Weiterkommen der Ukraine

Das will der gebürtige Ukrainer, der aus der Stadt Odessa stammt, auch bei der EM von den „Schowto-blakytni“, den Gelb-Blauen, sehen. In Gruppe C trifft die Ukraine auf die Niederlande, Österreich und Nordmazedonien. „Die Niederlande ist der Favorit in der Gruppe, aber Österreich und Nordmazedonien sollte man schlagen können“, wirft er einen Blick in den Sommer und legt sich fest: „Da sollte die Ukraine als Gruppenzweiter weiterkommen.“ Und wer weiß, vielleicht zwingen die Gelb-Blauen in der Gruppenphase der Endrunde den nächsten Favoriten in die Knie.

Wie weit es für das krisengebeutelte Land bei der EM gehen kann, wagt der Lehramtsstudent aus Mainhausen nicht zu beurteilen. Denn Fußball ist zwar Volkssport Nummer eins, allerdings fehlen die professionellen Strukturen und die Premjer-Liha, die höchste Spielklasse im ukrainischen Fußball, verliert zusehends an Niveau.

„Die Qualität in der ersten Liga leidet auch unter den politischen Unruhen. Es gibt mit Dynamo Kiew und Schachtar Donezk eigentlich nur noch zwei gute Vereine, der Rest ist eher auf Oberliga- oder Regionalliga-Niveau“, zieht er einen ernüchternden Vergleich zu Deutschland.

Den anderen Vereinen fehle schlichtweg das Geld, was sich dann natürlich auf die Ausbildung der Spieler auswirke: „Die Nationalmannschaft hat zwar einen guten Weg eingeschlagen, aber es gibt keine Spieler auf Weltklasseniveau. Außerdem ist eine Jugendförderung fast nicht mehr vorhanden“, sagt der Ukrainer. Grund für die anhaltenden Unruhen ist ein bewaffneter Konflikt zwischen prorussischen Separatisten und dem ukrainischen Militär, der 2014 in der Ostukraine ausbrach und bis heute anhält. Umstritten ist nach wie vor die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, was weder die Europäische Union noch die USA anerkannt haben.

Bewaffnete Unruhen in der Ukraine legen auch den Sport lahm

Zwar wurde im September 2014 ein Waffenstillstand ausgerufen, der aber von beiden Seiten immer wieder durchbrochen wurde. Aufgrund der teils tödlichen Ausschreitungen mussten auch immer wieder Fußballspiele aus Sicherheitsgründen ins Ausland verlegt werden. So musste Dynamo Kiew schon einige Heimspiele der Europa League fernab des heimischen Stadions bestreiten. Keine Frage, dass in solch einer Situation an strukturierten und leistungsorientierten Vereinssport nur schwer zu denken ist. „Es gibt in der Ukraine nur noch zwei oder zweieinhalb Profivereine – das reicht einfach nicht“, ist Andrej Kolchak betrübt über die Lage in seinem Heimatland.

Der Offensivfußballer ist in der Millionenstadt Odessa geboren und verbrachte dort die ersten Jahre. Vor 22 Jahren beschloss seine Familie, die Hafenstadt am Schwarzen Meer im Süden der Ukraine zu verlassen und die Zelte in Deutschland aufzuschlagen. „Wegen der höheren Lebensqualität“, sagt der 28-Jährige, der seine Heimatstadt als „wunderschön“ beschreibt. Auch die Ukrainer bezeichnet Andrej Kolchak als nette und offene Leute, sieht aber auch die gesellschaftlichen Probleme in dem osteuropäischen Land: „Es gibt eigentlich nur reiche und arme Menschen und keinen Mittelstand. Dabei bestimmt der Mittelstand eigentlich die Gesellschaft.“

Grund zum Jubeln haben die Ukrainer Roman Yaremchuk (rechts) und Malos (Mitte) nach der starken EM-Qualifikation.

Daher entschied sich die Familie von Andrej Kolchak für einen Neustart in Deutschland. Mitgenommen in die neue Heimat hat der 28-Jährige seine Leidenschaft für den Fußball. „Ich spiele Fußball, seitdem ich gehen kann. Mit sieben Jahren habe ich dann in Mainflingen begonnen“, erzählt der leidenschaftliche Amateurkicker, der zuletzt für die SG Langstadt-Babenhausen gespielt hat.

Zwar ist in der Ukraine Fußball die populärste Sportart, aber für internationales Aufsehen sorgen die Ukrainer regelmäßig in einer anderen, knallharten, Branche – im Boxen. Allen voran sind die Klitschko-Brüder Vitali und Wladimir zu nennen, die mehrfache Europa- und Weltmeister im Schwergewicht in verschiedenen Verbänden sind und dabei nie gegeneinander geboxt haben. Vitali ist außerdem seit 2014 Bürgermeister der krisengebeutelten Hauptstadt Kiew. „Wir haben auch in anderen Gewichtsklassen gute Boxer“, hat Andrej Kolchak den Sport in seiner Heimat im Blick. Und das gilt ganz besonders für die ab 11. Juni geplante Europameisterschaft. Nachdem Kolchak fast alle Qualifikationsspiele der Ukraine gesehen hat, wird er natürlich auch den dritten EM-Auftritt des osteuropäischen Landes live verfolgen. (Von Julia Meiss)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare