Trainerin muss bei LG Langen viel improvisieren

Sandra Ellinghausen  im Interview: „Leichtathleten brauchen zweiten Sportplatz“

Erfolgreiches Duo: Trainerin Sandra Ellinghausen mit dem 17 Jahre alten Daniel Regenfuß, der zu den besten Sprintern seiner Altersklasse in Europa zählt. Foto: p

Langen - Nicht nur für ihren Schützling Daniel Regenfuß war 2018 ein überragendes Jahr. Auch Sandra Ellinghausen, Erfolgstrainerin der LG Langen und frisch gebackene hessische Nachwuchstrainerin des Jahres, blickt auf viele schöne Momente zurück. Von Jörn Polzin 

Im Interview schlägt sie aber auch kritische Töne an, spricht offen über die Mängel in der Trainingsarbeit und warum es schwer wird, Top-Athleten in Langen zu halten.

Frau Ellinghausen, hessische Nachwuchstrainerin des Jahres. Wie kommen Sie denn zu dieser Ehre?

Ganz ehrlich, damit habe ich nicht gerechnet. Ich wusste bis kurz vor der Ehrung nicht mal, dass der HLV einen Nachwuchstrainer auszeichnet. Die Wettkampfsaison war sehr anstrengend und ich war gedanklich dabei, die nächste Saison zu planen.

Was meinen Sie hat die Jury veranlasst, Sie zu wählen?

Der Hauptbeweggrund werden Daniels Erfolge in dieser Saison gewesen sein. Zudem waren meine anderen Athleten auch erfolgreich und konnten Titel auf Kreis- und Regionalebene gewinnen. Neben meiner Trainertätigkeit bin ich noch Kampfrichterin und unterstütze den HLV bei seinen Meisterschaften, indem ich mit meinem Partner die Bedienung der Zeitmessanlage übernehme.

Mit Sprinter Daniel Regenfuß bilden Sie ein Erfolgsgespann. Was zeichnet die Zusammenarbeit aus?

Vor allem eine gute zwischenmenschliche Beziehung. Durch eine gute Vertrauensbasis kann er bei Problemen jederzeit zu mir kommen. Wir vom Trainerteam unterstützen ihn, wo auch immer wir es können.

Bei soviel Trainingsarbeit und vielen Wettkämpfen: Geht man sich da nicht auch mal auf die Nerven?

Das ist noch nie passiert. Auch wenn wir schon in langen Staus gesteckt haben, Streit gab es noch nie.

Was waren denn die schönsten Momente in der Saison?

Für mich gab es zwei sehr bewegende Momente. Zum einen die deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften, bei denen Daniel die deutsche U18-Bestleistung über 200 Meter gelaufen ist. Das war die Krönung einer unglaublichen Hallensaison. Der zweite Moment war die U18-EM. Wir haben zuhause mit einigen Freunden vom Fernseher aus mitgefiebert.

Daniel hat in seiner Altersklasse national so gut wie alles gewonnen, einige Rekorde aufgestellt. Hinzu kommt der Vizeeuropameistertitel über 200 Meter. Lässt sich das überhaupt noch toppen?

Die Wettkampfsaison war schon sehr erfolgreich. Nächstes Jahr muss sich Daniel in einer älteren Altersklasse durchsetzen und die Konkurrenz schläft nicht. In der U20 steht die EM an. Da möchte Daniel gerne teilnehmen. Das wichtigste aber ist, dass er verletzungsfrei bleibt.

Wie schwer ist es für einen kleineren Verein wie die LG Langen, einen Top-Athleten wie Daniel zu halten?

Das ist sehr schwer und ohne die Trainingsmöglichkeiten, die Daniel durch den HLV in Frankfurt geboten werden, wäre es sogar unmöglich. Auch finanziell ist das Ganze eine sehr hohe Belastung. Großvereine haben ganz andere Möglichkeiten, die Athleten zu unterstützen. Deswegen ist auch der Großteil von Daniels Trainingsgruppe in Frankfurt in größeren Vereinen, wie zum Beispiel dem Sprintteam Wetzlar.

Sie haben die Trainingsbedingungen angesprochen. Wie muss man sich die in Langen vorstellen?

Im Winter trainieren wir in sieben verschiedenen Hallen. Das macht die Logistik sehr kompliziert. Wir brauchen in allen Hallen eigene Trainingsmaterialien, die wir hin und her transportieren müssen. Trotzdem muss ich häufig Materialien selbst mitbringen. Um Disziplinen in der Halle trainieren zu können, müssen wir improvisieren.

Zum Beispiel?

Ich selbst gebe in drei verschiedenen Hallen Training. Nirgendwo stehen Hochsprungständer und eine Latte zur Verfügung. Das macht ein Hochsprungtraining für Fortgeschrittene unmöglich.

Und im Sommer?

Da trainiert meine Gruppe auf dem SSG-Sportplatz. Dort haben wir bessere Trainingsmöglichkeiten als in den Hallen. Glücklicherweise wurde die Bahn mit den Löchern geflickt. Die größte Baustelle ist auch hier der Hochsprung. Wir benötigen dringend eine neue Abdeckung für die Hochsprungmatte, weil sie nicht mehr regendicht ist und die Räder nicht mehr richtig drehen, wodurch der Tartan drunter leidet.

Sicher eine Kostenfrage?

Eine neue Abdeckung kostet um die 10.000 Euro, das können die Leichtathletikabteilungen nicht einfach so aufbringen. Um den Stabhochsprung trainieren zu können, hätten wir gerne eine neue Stabhochsprunganlage, aber das ist eher ein Wunschdenken. Beim Trainingsbetrieb stoßen wir aber noch auf andere Schwierigkeiten.

Welche?

Gegen Ende der Sommersaison wird es schon während der Trainingszeit dunkel. Da nur die Nebenplätze mit Flutlicht ausgestattet sind, bekommen wir da erhebliche Probleme. Dieses Jahr haben wir mit einem Baustrahler gearbeitet, was aber auch eine provisorische Lösung ist. Generell trainieren viele Trainingsgruppen auf dem Sportplatz, insbesondere auf dem Hauptfeld vom Rasen. Dadurch ist das Speerwurftraining davon abhängig, ob der Rasen frei ist.

Klingt nach vielen Baustellen. Was müsste sich vor allem ändern?

Meiner Meinung nach gehört ein zweiter Sportplatz für die Leichtathleten nach Langen. Bereits jetzt ist der SSG-Sportplatz sehr stark ausgelastet. Wenn man bedenkt, wie viel aktuell in Langen gebaut wird, frage ich mich, wo die Zuziehenden Sport machen sollen. Für die Leichtathleten wäre es ideal, wenn der TV-Sportplatz an der Sehringhalle eine Tartanbahn bekäme.

Archivbilder

Leichtathleten feiern "Sommermärchen" in Berlin

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Leichtathletik?

National glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Durch Daniel habe ich Einblicke in die Arbeit des DLV im Sprintbereich bekommen. Hier sind sehr viele engagierte Bundestrainer. Ich bin mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die Männer im Sprint wieder erfolgreicher werden. Durch die EM in Berlin hat die Leichtathletik wieder einen kleinen Aufschwung bekommen.

Und regional?

Da kämpfen wir mit größeren Problemen. In der Region Süd gibt es nur noch vereinzelte Sportplätze, auf denen hessische Meisterschafen ausgetragen werden können. An höherwertige Meisterschaften braucht man nicht zu denken. Dabei bedarf es gar nicht viel mehr, als die Grundausstattung eines ordentlichen Sportplatzes.

Was muss ein Athlet denn heute alles mitbringen, um richtig durchzustarten?

Der wichtigste Faktor ist der Kopf. Wenn die richtige Einstellung da ist, lässt sich viel erreichen. Ein Athlet kann von seinen körperlichen Voraussetzungen her sehr talentiert sein. Wenn er nicht bereit ist, an sich zu arbeiten oder mit Misserfolgen klar zu kommen, dann wird er es nicht weit schaffen. Natürlich hat auch einiges mit den körperlichen Voraussetzungen zu tun, aber das wichtigste bleibt meiner Meinung nach die Psyche.

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