INTERVIEW Gesa Krause trainiert in den USA / „Es ist auch ganz gut, so ein bisschen innerlich zur Ruhe zu kommen“

„Im Sport geht es ja immer weiter“

Gesa Krause hofft noch, dass man die Corona-Krise „bis Olympia hinkriegt.“ Foto: dpa

Frankfurt – Hindernis-Europameisterin Gesa Krause trainiert mitten in der Corona-Pandemie weit er in Boulder/USA. „Es ist schon unheimlich, wenn man sieht, dass ganz Deutschland lahmgelegt ist. Und hier ist es genauso“, sagte die 27 Jahre alte Leichtathletin aus Frankfurt.

Gesa Felicitas Krause gehört zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Leichtathletik. Bei der WM in Doha gewann sie Bronze über ihre Spezialdisziplin 3000 Meter Hindernis. Sie ist zweifache Europameisterin und seit 2005 ungeschlagene deutsche Meisterin.

Frau Krause, Sie sind gerade in den USA in Boulder. Sie haben sich in Zeiten der Corona-Krise dafür entschieden, dort zu bleiben. Warum?

Geplant war eigentlich, nur bis zum 31. März zu bleiben, und dann nach Potchefstroom nach Südafrika zu fliegen. Aber das wurde komplett gecancelt, deswegen bleibe ich jetzt erstmal hier.

Wie gehen Sie mit der Situation um?

Es ist ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, dass ganz Deutschland lahmgelegt ist. Und hier ist es genauso. Wir sind eine Gesellschaft, in der man immer alles hat, in der man immer alles machen kann, in der man auch arbeiten muss. Die meisten Menschen sind nun dazu gezwungen, zu entschleunigen. Ich sehe das immer unter einem positiven Aspekt. Was bleibt uns anderes übrig? Wir können es ja nicht ändern.

Was heißt das für Sie?

Bei mir heißt das, ich kann einfach mein Training machen. Laufen ist meine Leidenschaft und das, was mich ausmacht. Wenn ich sagen würde, das macht jetzt alles keinen Sinn mehr, dann ist die Frage: was mach ich denn dann? Dann habe ich ja auch nichts zu tun. Mir ist in den vergangenen Tagen die Entrüstung darüber aufgefallen, dass keine Fitnessstudios mehr offen sind. Durch die aktuelle Lage wird man daran erinnert, dass man Sport in der Natur oder zu Hause machen kann. Zum Beispiel mit einem Hantelersatz wie zwei Packungen Milch. Man muss eben wieder kreativ werden.

Wie kreativ müssen Sie werden? Oder haben Ihre Pläne noch Bestand?

Ich hatte auch andere Pläne. Ich hatte das Olympia-Jahr komplett perfekt durchgeplant. Bis zu meiner Reise in die USA ist die Vorbereitung so gelaufen, wie ich es mir gedacht habe.

Um aus Ihrem Trainingslager in Kenia in die USA zu kommen, hatten Sie eine kleine Odyssee hinter sich.

Ja, ich wollte von Nairobi über Ägypten nach New York fliegen, aber mein Flug wurde um 22 Stunden nach hinten verschoben, weil ich auf eine andere Airline umgebucht wurde. Das hatte man mir aber erst morgens um drei Uhr am Flughafen mitgeteilt. Dann war ich einen Tag im Flughafenhotel, konnte da aber zweimal trainieren, was an dem Tag nicht geplant war, und ein bisschen am Pool entspannen. Es hat immer alles seine Vor- und Nachteile.

Wie ist die Situation jetzt in den USA?

Ich bin nach Boulder geflogen, um mich auf einen Wettkampf vorzubereiten. Der wurde aber genauso abgesagt wie meine Reise nach Südafrika. In Boulder habe ich eine gute Höhenlage und ein gutes Umfeld, um mein Training weiter voranzutreiben. Auch wenn es gerade geschneit hat, die Bedingungen sind gut. Ich wohne zwar alleine, aber ich muss nicht alleine laufen, da ich hier so viele Leute kenne, die gut laufen können. Ich habe definitiv mehr Leute zum Training als zu Hause. Ich weiß trotzdem nicht so genau, wie es weitergeht. Die ersten drei Diamond-League-Wettbewerbe wurden abgesagt. Das wird sich jetzt auch so weiter ziehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das bis Mai wieder im Griff hat, um solche Wettkämpfe zu veranstalten. Ich hoffe, dass man es bis Olympia hinkriegt.

Glauben Sie an eine Ausrichtung der Olympischen Spiele?

Ich habe auch meine Zweifel, aber es bringt ja nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue. Was soll ich jetzt anderes sagen? Natürlich würde ich mir wünschen, dass Olympia stattfindet, aber die Situation ist so, wie sie ist. Im Sport geht es ja immer weiter. Wenn im Juli keine Wettkämpfe stattfinden, dann irgendwann anders. Ich mache den Sport nicht nur aus Lust und Laune, es ist mein Beruf. Es hängen viele Dinge dran, die sich leider nicht so erfüllen, wie ich mir das wünsche.

Zum Beispiel?

Es ist natürlich monetär schlecht, weil ich keine Wettkämpfe laufen kann. Ich kriege keine Antritts- und Preisgelder. Die Sponsoren werden nicht so bedient, wie sie das geplant haben.

Wäre es schwierig für Sie, ohne das Ziel Olympia zu trainieren?

Ohne Ziel ist es ja nie. Ich höre ja mit dem Sport nicht auf. Olympia ist ja nicht das letzte Event, wofür ich trainiere. Es wird sich irgendwann auszahlen – wann auch immer das sein wird.

Wie sieht ihr Trainingsalltag aus?

Daran hat sich nicht viel geändert. Ich trainiere im Schnitt zweimal am Tag. Zwischendrin gehört Vor- und Nachbereitung dazu und natürlich gute Ernährung. Ich habe auch Zeit für mich, um zu lesen. Soziale Kontakte sind im Moment ein bisschen gering, weil ich alleine bin und sich die meisten Leute distanzieren. Aber es stört mich nicht. Ich war zuletzt viel mit Leuten unterwegs. Es ist auch ganz gut, so ein bisschen innerlich zur Ruhe zu kommen. Wir sind alle im Grunde immer sehr gestresst. Ich versuche, viel draußen zu sein und das Leben zu genießen.

Wie oft denken Sie dabei noch an Ihre Bronzemedaille bei der WM in Katar zurück?

In Doha kam alles zusammen. Das hat mich schon sehr erfüllt und macht mich jetzt auch noch sehr glücklich. Ich bin mir sicher, dass ich auf dieses Niveau zurückkommen kann. Dafür braucht es sicher Zeit, Geduld und auch ein bisschen Glück. Das sind die Momente, für die man es macht. Davon muss man zehren. Das Gespräch führte Timur Tinc

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