Experten äußern sich zur Kritik am Handball-Bundestrainer

Lob und Tadel für Christian Prokop

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Erreicht er die Mannschaft noch? Handball-Bundestrainer Christian Prokop (links) bei der Europameisterschaft in Kroatien im Gespräch mit seinen Spielern. 

Offenbach -  Nach dem verpassten Halbfinaleinzug bei der Handball-EM steht DHB-Coach Christian Prokop in der Kritik. Zu Recht? Wir haben Trainer aus der Region nach deren Meinung gefragt.

Bernd Massag (Trainer SG Egelsbach): Ich war ohnehin nicht so euphorisch wie viele andere, da wir beim EM-Gewinn 2016 aus einer anderen Rolle heraus gespielt haben: als Underdog. Diesmal fand der talentierte Kader nicht ins Spiel. Im Rückraum fehlte eine ordnende Hand. Individuell gab es zudem extreme Schwankungen und Enttäuschungen. Vor allem Uwe Gensheimers Leistung ist nicht zu erklären. Zudem sah das Verhältnis zwischen Trainer und Team nicht sehr harmonisch aus, wobei ich Christian Prokop nicht um seine Rolle beneide. Er ist sicher hoch qualifiziert, hatte vorher aber erst eine Trainerstation in der Bundesliga und keine richtig gute Vorbereitung. Aber er hat auch ohne Not Angriffsflächen geboten, vor allem durch die Personalie Finn Lemke. Und vorne hat mir ein System gefehlt.

Sadri Syla (Trainer Kickers Offenbach): Christian Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson hat über die Motivation unglaublich viel erreicht. Das habe ich diesmal vermisst. Prokop hatte nominell einen besseren Kader und ist ein Fachmann, der dem Team in der Auszeit viele Impulse gab. Aber die Emotionalität fehlte. Vor allem auf den Außenpositionen herrschte diesbezüglich eine gewisse Kälte. Die Abwehr hat Prokop definitiv weiterentwickelt, die war super. Vorne hätte ich mir von ihm aber ähnliche Ideen gewünscht. Die Außen waren quasi tot. Es gab keinen klassischen Spielmacher. Und Julius Kühn hat er zu spät vertraut. Insofern verstehe ich die Kritik aus Melsungen. Die Entscheidungen hat Prokop aber sicher nicht alleine getroffen. Da sollten sich alle hinterfragen.

Jan Redmann (Trainer des HSG Rodgau Nieder-Roden): Ich will nicht auf den Zug derer aufspringen, die aus der Distanz Kritik üben. Es gibt im Deutschen Handballbund sicher genug kompetente Leute, da muss ich mich als Drittliga-Trainer nicht auch noch äußern, zumal ich ja überhaupt nicht weiß, wer verletzt war, gut oder schlecht trainiert hat oder wie drauf war. Ich glaube, jeder deutsche Handballfan fand die Leistung nicht zufriedenstellend. Alle hatten andere Erwartungen und sich mehr erhofft. Aber die Beurteilung sollte man dem DHB überlassen. Mir fiel aber auf, dass die Belastung der Spieler so hoch ist, dass die, die in der Bundesliga immer spielen, ganz wenig Ausstrahlung hatten. Da wundert es nicht, dass in Jim Gottfridsson ein Spieler zum MVP gewählt wurde, der seinem Verein wegen einer Verletzung ein halbes Jahr gefehlt hatte und nun frisch wirkte. Was den Spielern abverlangt wird, ist einfach exorbitant hoch. Die sind fast alle 48 Stunden im Einsatz. Und im Handball dauert ein Spiel mit Auszeiten und allem drum und dran inzwischen auch 90 Minuten. Dazu kommt die mentale Vorbereitung. Da muss man sich über die vielen Verletzten nicht wundern.

Oliver Schulz (Trainer der SG Rot-Weiß Babenhausen): Wir haben eine sehr gute Nationalmannschaft und entsprechend hoch war die Erwartungshaltung vor dieser EM. Aber man hat doch gesehen, wie eng die Weltspitze beisammen liegt. Wir haben gegen die Spanier verloren, aber auch die Schweden waren am Sonntagabend im Finale letztlich chancenlos. Die Spanier waren bei dieser EM einfach überragend, das muss man anerkennen. Deshalb würde ich das vorzeitige Aus jetzt auch nicht überbewerten. Klar, der Trainer hat die eine oder andere Entscheidung getroffen, die für mich aus der Entfernung merkwürdig erschien. Dennoch halte ich Christian Prokop für einen sehr guten Trainer, der sich akribisch vorbereitet, der eine Mannschaft voranbringen kann. Für ihn war es das erste Turnier als Bundestrainer, er wird seine Lehren ziehen mit Blick auf die nächsten Aufgaben. 2019 folgt doch schon die Heim-WM mit Dänemark, da kommt wieder Euphorie auf. Das wir garantiert besser als jetzt in Kroatien, ich freue mich darauf.

Louis Rack (Trainer der TSG Bürgel): Das Halbfinale war das Ziel, das hat die deutsche Mannschaft klar verpasst. Und schon die Spiele in der Vorrunde waren nicht wirklich gut – das muss man schon sagen. Obwohl wir tolle Spieler haben, wie wir vor zwei Jahren bei der EM gesehen haben. Die Spanier waren jetzt bei diesem Turnier natürlich top, in jeder Hinsicht. Gegen sie kann man verlieren, aber die Art und Weise war schon bedenklich. Unsere Mannschaft war nicht gut eingestellt, sie kam nicht in ihren Rhythmus. Aber das jetzt alles nur am Trainer festzumachen, ist sicher auch nicht okay. Klar, Christian Prokop hat versucht, eine Vereinsidee auf die Nationalmannschaft zu übertragen. Das hat nicht geklappt. Aber ich finde, er darf zu Beginn seiner Amtszeit Fehler machen. Ihm wird das eine oder andere sicher auch nicht mehr passieren. Ich glaube, die meisten prominenten Kritiker wollen Bob Hanning, dem Vizepräsidenten des DHB, eins auswichen. Er hat dafür gesorgt, dass erfahrene Handball-Experten wie zum Beispiel Heiner Brand, Martin Heuberger, Christian Schwarzer oder Markus Baur keine Rolle mehr spielen. Andere Länder wie Frankreich haben einige ehemalige Spieler als Berater besser eingebaut, sie haben das einfach besser hingekriegt. (cd/app)

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