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TSV 1860 Hanau: Mit 81 Jahren ist für das Ehepaar Dürr Schluss

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Von: Gert Bechert

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Verlassen ihr Kiosk auf der Rudi-Völler-Sportanlage: Ursula und Dieter Dürr waren bei den Heimspielen der TSV-Fußballer seit Jahren auch für den Verkauf und die Platzkassierung zuständig. Auch die Trikots wurden stets im Hause Dürr gewaschen.
Verlassen ihr Kiosk auf der Rudi-Völler-Sportanlage: Ursula und Dieter Dürr waren bei den Heimspielen der TSV-Fußballer seit Jahren auch für den Verkauf und die Platzkassierung zuständig. Auch die Trikots wurden stets im Hause Dürr gewaschen. © Scheiber

Bei den Fußballern des TSV 1860 Hanau verabschieden sich mit dem Saisonende zwei Ehrenamtler wie sie im Buche stehen. Ursula und Dieter Dürr, die sich seit Jahren rund um die Heimspiele um alles gekümmert haben, hören auf.

Hanau – Das Kiosk auf dem Fußballplatz der Rudi-Völler-Sportanlage ist ihre zweite Heimat. 15 Jahre waren Dieter und Ursula Dürr die allseits bekannten Gesichter hinter dem Tresen. In diesen Tagen endet diese Ära beim TSV 1860 Hanau. „Die Knie machen nicht mehr mit“, begründet die 81 Jahre alte waschechte Hanauerin den Rückzug. Nicht viel anders sieht es bei Ehemann Dieter aus, der im Herbst das 81. Lebensjahr vollendet.

Als Abteilungsleiter steht er der Fußball-Abteilung des Traditionsvereins schon viele Jahre vor. Ehefrau Ursula kümmert sich nebenbei noch um die Platzkassierung und ist für die Finanzen der Abteilung zuständig. Urlaub ist bei so viel Ehrenamt ein Fremdwort. „Ich bin als Schwerbehinderter mit 60 Jahren in Rente gegangen und hatte doch jeden Tag Urlaub“, vermisst Dieter Dürr keine Reisen. Die tägliche Zusammenarbeit mit jungen Leuten habe Spaß gemacht und beide fit gehalten.

Seit 2007 kümmern sich die Dürrs mit einigen Unterbrechungen um den Kiosk, der vorher vom Verein verpachtet war. Selbstverständlich gehört auch der Einkauf dazu. Bei jedem Heimspiel der Senioren aber auch bei Jugendspielen waren sie vor Ort. „Jetzt geht es beim besten Willen nicht mehr, der Zahn der Zeit nagt an uns beiden“, sagen sie unisono.

Das ehrenamtliche Betätigungsfeld reicht aber noch viel weiter. „Montags ist Waschtag bei den Dürrs“, lacht Ursula. Dann werden die Trikots der ersten Mannschaft wieder fein säuberlich hergerichtet. Früher kamen die Trikots der zweiten Mannschaft noch dazu, in dieser Saison zog der Verein sein B-Team aber zurück.

Nicht nur bei der zweiten Mannschaft spiegelt sich der sportliche Niedergang des Traditionsvereins wider. Die erste Mannschaft schien nach dem Ende der Hinrunde dem Abstieg in die B-Liga widerstandslos entgegenzusteuern, raffte sich aber wieder auf und hat es im morgigen Spiel bei Eintracht Oberissigheim II (13 Uhr) in der eigenen Hand, zumindest den Direktabstieg zu verhindern.

Im Falle eines Sieges könnte sogar noch der Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz geschafft und der Gang in die Abstiegsrelegation verhindert werden. „Das wäre das schönste Geschenk, was uns die Mannschaft zum Abschied bereiten würde“, hofft Dieter Dürr auf ein sportliches Happy End.

Dieter Dürr war lange für den FSV Bischofsheim tätig

Die Dürrs sind Vereinsmenschen durch und durch. „Wenn ich kein Verständnis für das ehrenamtliche Engagement meines Mannes gezeigt hätte, wären wir sicher keine 58 Jahre verheiratet“, sagt die Mutter einer Tochter. Das war ihr schon bei der Trauung am 18. September 1963 im Frankfurter Römer bewusst. „Wir heirateten genau an meinem Geburtstag, so vergesse ich unseren Hochzeitstag nicht“, schmunzelt Dieter Dürr. Er wuchs in Niederrad, wo er in jungen Jahren auch dem Ball nachjagte auf und kannte den Ex-Eintrachtler Wolfgang Solz noch persönlich.

1965 zog das Ehepaar Dürr nach Bischofsheim. Der damalige Vorsitzende des FSV Bischofsheim Valentin Weil wurde auf Dieter Dürr aufmerksam und lotste ihn zu den Fröschen. Nach seinem Eintritt 1968 war Dieter Dürr acht Jahre Jugendleiter und führte anschließend vier Jahre den Spielausschuss der Grün-Weißen.

1988 erfolgte der Umzug ins elterliche Haus von Ursula nach Hanau. Anfangs war Dieter Dürr noch für den FSV aktiv. „Die ständige Hin- und Herfahrerei wurde mir dann zu viel“, begründet er den Vereinswechsel 1996 vom FSV Bischofsheim zum TSV 1860 Hanau.

Anfangs arbeitete der gelernte Bauschlosser und spätere Heizungsmonteur im Spielausschuss mit und bekleidete auch das Amt des Jugendleiters, bevor er zum Abteilungsleiter gewählt wurde. Zwischendrin tankte er während einer Erholungsphase bei der Wanderabteilung den Akku wieder auf.

Was bleibt nach so vielen Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit? „Viele schöne Erinnerungen, auch über das rein Sportliche hinaus“, denkt Ursula Dürr besonders an das Lamboyfest, das sie jahrelang federführend in der Altstadt geprägt haben. „Das war wunderbar, damals haben noch viele Leute mitgeholfen.“ 2013 war Schluss, „die Erlöse haben nicht mehr die Kosten gedeckt, aber auch die Bereitschaft mitzuhelfen, ließ immer mehr nach“, nennt Ursula Dürr Grüne.

Auch an ein Punktspiel denken beide gerne zurück. Am Ostermontag 2007 standen sich die Sechziger und Hanau 93 in einem Punktspiel der Kreisoberliga auf der Rudi-Völler-Sportanlage gegenüber. Es ging um den Aufstieg in die Gruppenliga, entsprechend groß war der Zuschauerandrang. Der HA berichtete von 1000 Besuchern, Dieter Dürr spricht augenzwinkernd von einigen mehr. „Die Schlangen reichten bis zur August-Schärttner-Straße, wir mussten Fassbier nachordern.“ Das 1:1 spielte einem Dritten in die Karten, am Ende stieg der FC Hochstadt auf, die beiden Hanauer Klubs schauten in die Röhre. Heute ist die Zuschauerzahl wie bei vielen anderen Vereinen in den Keller gerauscht. „Wir sind froh, wenn die Platzeinnahmen wenigstens die Schiedsrichterkosten decken“, sagt Ursula Dürr.

Klassenerhalt wäre das schönste Abschiedsgeschenk

Das Sechziger-Schiff bewahrte in den letzten Jahren neben dem Ehepaar Dürr vornehmlich Jens Marso vor dem Kentern. Entsprechend großes Lob zollen die Beiden dem 55 Jahre alten Sportlichen Leiter der Fußballabteilung des TSV 1860. „Ohne ihn wäre es hier nicht weitergegangen.“

Marso gibt das Lob gerne zurück: „Das Ehepaar Dürr hat für den Verein gelebt, beide hatten immer ein Ohr für andere und scheuten keine Mühe, gerade Kindern eine Freude zu bereiten.“ Dies war zuletzt nicht mehr möglich, da die Sechziger keinen Jugendspielbetrieb mehr betrieben, was sich in der kommenden Saison ändern soll. „Wir werden wieder zwei Jugendmannschaften melden und auch mit der zweiten Mannschaft in der C-Liga in den Spielbetrieb zurückkehren“, blickt Marso hoffnungsvoll nach vorne.

Zuvor soll das Ehepaar Dürr, deren Amtszeit offiziell am 30. Juni 2022 endet, würdevoll verabschiedet werden. Vielleicht kommt dann eine weitere Ehrung zu den bereits verliehenen dazu. Dieter wurde 2015 mit der Goldenen Verdienstnadel der Sechziger ausgezeichnet, seine Frau erhielt die Silberne drei Jahre zuvor. Vom Hessischen Fußball-Verband wurde Dieter Dürr im Jahr 2019 mit der Ehrennadel in Bronze geehrt, womit seine langjährige Mitarbeit im Kreisjugendausschuss nachträglich gewürdigt wurde.

Besonders stolz ist Ursula Dürr auf den ihr 2015 verliehenen DFB-Ehrenamtspreis. Wichtiger ist für beide aber der Verbleib der ersten Mannschaft in der Kreisliga A und ihre Nachfolgeregelung. Diese scheint, wie Marso mitteilte, ohne näher darauf einzugehen, mittlerweile in trockenen Tüchern zu sein. Ob das Ehepaar Dürr die neu gewonnene Freizeit jetzt zu mehr Urlaubsreisen nutzt, bleibt abzuwarten. Dieter Dürr deutete bereits an, sich wieder vermehrt auf anderen Sportplätzen blicken zu lassen, wie in Bischofsheim oder Hochstadt, wo er noch viele alte Bekannte hat.

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