Über Heusenstamm nach Pyeongchang 

Einst TSV-Turnerin, jetzt Junioren-Weltmeisterin im Skeleton: Anna Fernstädt

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„Was tue ich mir da eigentlich an?“ Die 21-jährige Anna Fernstädt bei einer ihrer rasanten Fahrten durch den Eiskanal.  

Offenbach -  Als Turnerin der TSV Heusenstamm wurde sie Hessenmeisterin. Inzwischen flitzt Anna Fernstädt als Skeleton-Pilotin durch die Eisrinne. Und das richtig erfolgreich. Von Jörn Polzin 

Gestern gewann die 21-Jährige, die viele Jahre in Groß-Umstadt gelebt hat, die Junioren-Weltmeisterschaft in St. Moritz. Und mit dem Ticket für die Olympischen Winterspiele (9. bis 25. Februar) in Pyeongchang hat sich Anna Fernstädt einen Traum erfüllt. Im Interview spricht die mittlerweile in Berchtesgaden lebende Polizistin über unerwartete Erfolge, Fliehkräfte und worauf sie sich in Südkorea so freut.

Frau Fernstädt, nur noch wenige Wochen sind es bis zum Start in Pyeongchang. Wie groß ist das Kribbbeln?

Sehr groß. Die Saison hat schlecht angefangen, ich habe mich nicht einmal für das Weltcup-Team qualifiziert. Das hat sich alles noch zum Guten gewendet und ich habe es gerade so geschafft. Deswegen ist die Freude umso größer.

Wie sieht die Vorbereitung in den letzten Tagen vor den Winterspielen aus?

Zuletzt stand der Weltcup in Königssee an. Dass ich jetzt in St. Moritz bei der Junioren-Weltmeisterschaft den Titel geholt habe, ist eine extra Motivation. Das tut richtig gut. Am 2. Februar fliegen wir dann nach Südkorea.

Was erwarten Sie sich von den Wettkämpfen am 16. und 17. Februar?

Da ich am Anfang der Saison Olympia schon abgeschrieben hatte, freue ich mich erst mal riesig, dass ich jetzt überhaupt in Pyeongchang dabei sein und starten darf. Mein Ziel sind vier nahezu perfekte, konstante Fahrten und gute Starts. Ich will einfach alles genießen. Eines steht aber fest: Ich werde sicher extrem nervös sein.

Worauf freuen Sie sich abseits der Läufe am meisten?

Ins olympische Dorf einzuziehen. Das wird sicher ein absoluter Höhepunkt. Und natürlich das gute Sushi. (lacht)

Welche anderen Sportarten wollen Sie sich anschauen?

Unbedingt Eiskunstlauf, Eishockey und Bob. Eiskunstlauf reißt einen mit, das ist fast wie beim Turnen. Beim Eishockey und Bob ist die Stimmung der Wahnsinn. Außerdem kenne ich viele Bob-Piloten. Einige aus meinem Abiturjahrgang sind dabei, die würde ich gerne anfeuern.

Ein viel diskutiertes Thema vor den Winterspielen ist der Korea-Konflikt. Spüren Sie eine gewisse Unsicherheit?

Niemand wird gezwungen, zu den Spielen zu fahren. Aber der Deutsche Olympische Sportbund hat uns darüber informiert, dass sich die Lage gebessert und für unsere Sicherheit alles getan wird. Mich persönlich beruhigt es am meisten, dass auch Athleten aus Nordkorea an den Spielen teilnehmen.

Podestplätze für deutsche Skeletonpiloten in Winterberg

Skeleton ist seit 2002 wieder olympisch, ist aber in der öffentlichen Wahrnehmung eher außen vor. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Die Entwicklung ist enorm. Wir sind auf Platz drei bei den Einschaltquoten aller Wintersportarten. Klar sind Bob, Skeleton und Rodeln eher unbekannt, aber die Weltmeistertitel der vergangenen beiden Jahre haben für einen großen Schub gesorgt. Und bei Olympia liegt es an uns, das voranzutreiben.

Sie stürzen sich in Bauchlage mit dem Kopf voran auf einem Schlitten die Eisrinne herunter. Muss man da nicht etwas verrückt sein?

Natürlich ist es verrückt. Aber das macht es auch aus. Die Kombination aus Geschwindigkeit und Präzision ist einzigartig und macht großen Spaß. Manchmal denkt man sich auch: Was tue ich mir eigentlich nur an? Das ist doch alles gestört. (lacht)

Anna Fernstädt (hinten links) zu Besuch bei den Turnerinnen der TSV Heusenstamm.

Die Turnabteilung der TSV Heusenstamm drückt Ihnen die Daumen. Abteilungsleiterin Silvia Lampert sieht sogar Ihre turnerische Ausbildung als Grundlage für den jetzigen Erfolg. Lassen sich die Sportarten vergleichen?

Direkt vergleichen kann man es eher weniger, aber es kommt in beiden Sportarten extrem auf das Körpergefühl an. Im Turnen geht es um präzise, perfekte Bewegungen. Im Skeleton kommen noch Fliehkräfte, Druck und Geschwindigkeit hinzu. Insgesamt würde ich schon sagen, dass mir die Turnerfahrungen sehr helfen.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Zeit in Heusenstamm?

Ich war von 2004 bis 2010 bei der TSV, bin immer noch passives Mitglied. Da bleibt einiges hängen. Mein größter Erfolg war 2010 der Hessenmeistertitel. Das war überraschend und irgendwie auch witzig.

Inwiefern?

Ich weiß noch, wie meine Trainerin und meine Eltern auf der Tribüne saßen und bei der Siegerehrung Kuchen gegessen haben. Erst wurden die vorderen Plätze aufgerufen. Das dauert, bis ich drankomme, dachten sie. Dann wurde ich als Erste aufgerufen und der Kuchen lag am Boden. Eine schöne Erinnerung, auch wenn es nur eine Hessenmeisterschaft war.

Besteht heute noch Kontakt?

Auf jeden Fall. Ich habe noch Kontakt zu meiner Trainerin Anne Böhme und ihrer Familie sowie zu einigen Turnerinnen. Marlene Hühn und ihre Familie waren im vergangenen Jahr hier im Urlaub. 2016 war ich für eine Woche in Heusenstamm und habe ein bisschen mitmachen können. Ist ja fast wie Fahrrad fahren (lacht).

Wie kam der Wechsel zum Skeleton?

2010 bin ich mit meiner Familie aus Groß-Umstadt, wo ich gewohnt habe, nach Berchtesgaden gezogen. Hier gibt es keinen guten Turnverein wie in Heusenstamm. Deswegen habe ich mich im Wintersport umgesehen und bin beim Skeleton gelandet. Mit Turnen aufgehört habe ich 2013, als ich mich im Skeleton für die Junioren-Auswahl qualifiziert habe.

Wie lassen sich Sport und Beruf in Einklang bringen?

Das klappt prima. Ich bin in der Spitzensportförderung der Polizei. Wir haben vier Monate Ausbildung und acht Monate Zeit für unseren Sport. Ich fange Ende März mit meinem dritten von fünf Ausbildungsjahren an.

Und was für Ziele stecken Sie sich in naher Zukunft?

Darüber habe ich noch nicht konkret nachgedacht. Der Fokus liegt einfach zu stark auf dieser Olympia-Saison. Auf die Läufe bezogen, wissen wir, dass wir viel Arbeit in unsere Startzeit stecken müssen. Bei Olympia und natürlich auch danach.

 

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