Handball

Vor 50 Jahren: SG Dietzenbach steigt in die Bundesliga auf

Fünffacher Torschütze im entscheidenden Spiel der SG Dietzenbach um den Aufstieg in die Hallenhandball-Bundesliga: Klaus Rettig (links) setzt an zum Wurf. Rettig feierte im Dezember seinen 80. Geburtstag.
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Fünffacher Torschütze im entscheidenden Spiel der SG Dietzenbach um den Aufstieg in die Hallenhandball-Bundesliga: Klaus Rettig (links) setzt an zum Wurf. Rettig feierte im Dezember seinen 80. Geburtstag.

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass der SG Dietzenbach durch einen 16:15-Erfolg gegen Birkenau der Aufstieg in die Hallenhandball-Bundesliga gelang. Wir blicken zurück.

Offenbach – Der Artikel in unserer Zeitung, vor genau 50 Jahren von Norbert Hertlein geschrieben, liest sich noch heute wie ein Handball-Krimi. Mit gutem Ausgang für die SG Dietzenbach, die am 6. März 1971 nach dem 16:15-Erfolg gegen den TSV Birkenau erstmals in die Hallenhandball-Bundesliga aufstieg. Dietzenbach, Meister der Regionalliga Südwest, freute sich im Oberhaus auf Clubs aus renommierten Handball-Städten oder Dörfern wie Großwallstadt, Göppingen und Leutershausen.

Im Hinspiel am 27. Februar 1971 hatten die Dietzenbacher ein 15:15 erkämpft. Im Rückspiel vor rund 1500 Zuschauern in der proppenvollen Halle der Ernst-Reuter-Schule lagen sie zur Pause 8:4 in Führung – dann begann das große Zittern. „Unsere Mannschaft war noch nicht so erfahren, das hat man in den kritischen Phasen deutlich gemerkt. Da hat die Ruhe in den Aktionen gefehlt. Ich hatte zwischenzeitlich schon meine Bedenken“, erinnert sich der 83 Jahre alte Friedel Deller, damals Abteilungsleiter der SG-Handballer. Redakteur Hertlein verwies im Vorspann seines Artikels sogar auf „Glücksgöttin Fortuna, die offenbar ihre Hände im Spiel hatte“.

Hertlein lobte den fünffachen Torschützen Klaus Rettig, den laufstarken Reinhold Jerwan (4), den sachlichen Werner Conrad sowie die Torhüter Dieter Liebherr und Theo Kaus, der in den letzten Spielminuten mit der einen oder anderen guten Parade den Sieg und den Aufstieg sicherte. Herbert Wehnert (3) und Heinrich Baum (3) kamen nicht an ihre Top-Leistungen heran. Für Peter Eckert sei der erste Einsatz nach seiner Verletzung zu früh gekommen, Peter Fenn habe sein Formtief nicht überwunden, Günther Rebel sei nicht sonderlich in Erscheinung getreten, berichtete Hertlein.

Rettig und Jerwan die besten Schützen

Dabei hatte Rebel die SG schon in der ersten Minute in Führung gebracht. Die Dietzenbacher hatten zunächst gegen den Meister der Regionalliga Süd alles im Griff, die Fans machten bei jedem Angriff der Birkenauer Lärm ohne Ende, pfiffen und buhten den Gegner aus, der seine Spielzüge lieber schnell abschloss, am Tor vorbeiwarf oder oft an Torwart Liebherr scheiterte.

Nach der Pause folgte laut Hertlein die „obligatorische Schwächephase“. Birkenau ließ sich nicht mehr beeindrucken, glich zum 13:13 aus. Rettig musste auf die Strafbank. SGD-Trainer Josef Hury wechselt in der 48 Minute den Torwart. Jerwan traf zum 14:13, die Gäste glichen aus. Wehnert und Rettig, „unsere Raketen im Rückraum“ (Deller) stockten auf – 16:14. Die Gäste verkürzten erneut. Und jubelten noch einmal. Doch die Schiedsrichter hatten zuvor die Partie unterbrochen, das Tor zählte nicht. Das brachte Birkenaus Anhang auf die Palme. Sie wollten dem Leverkusener Schiedsrichtergespann Falkenstein/Schmidt nach dem Abpfiff an den Kragen. Die Ordner waren im Einsatz, während sich Dietzenbachs Spieler in den Armen lagen, die SGD-Fans in der Halle tobten. „Länger hätte sich die SGD auch kaum noch halten können. Die Partie hat viel Kraft gekostet. doch den Kraftakt musste man sich selbst zuschreiben, weil man einfach von der spielerischen Linie der ersten Halbzeit abgekommen war“, berichtete Hertlein.

Der heute 74 Jahre alte Werner Conrad verweist auf die „Nervosität, die am Ende mit dem großen Ziel vor Augen aufgekommen war, da wir bereits im Jahr zuvor knapp den Aufstieg verpasst hatten“. 1970 war die SGD als Meister des Südwestens noch in den Aufstiegsspielen am Münchner Stadtteilverein TSV Milbertshofen gescheitert (15:13, 13:18).

Friedel Deller sprach damals vom „wertvollsten Sieg der vergangenen Jahre“. Heute erklärt er: „Bei uns in Dietzenbach war Feldhandball lange Zeit richtig angesagt. Das ist dann irgendwann abgeflaut. Mit dem Bundesliga-Aufstieg in der Halle haben wir die Tür wieder aufgestoßen, haben die Handball-Tradition in Dietzenbach wieder hochgezogen. Wir waren wieder interessant.“

„Haben die Tradition wieder hochgezogen“

Der 73-jährige Herbert Wehnert stimmt zu: „Im Feldhandball war Dietzenbach bereits Bundesliga. Aber er war am Aussterben, international kein Thema mehr. Das war so wichtig, dass wir dann den Aufstieg in der Halle geschafft haben. Auch für mich persönlich. Ich war froh und erleichtert. Denn ich musste die Bundesliga erreichen, um in den Olympiakader zu kommen. Ich war heilfroh, dass ich nicht den Verein wechseln musste, um dieses Ziel zu erreichen. Denn dieses Mannschaft war einfach klasse, eine geschlossene Einheit.“ Der aus Wiesbaden stammende Wehnert kam letztlich sogar auf 85 Spiele in der deutschen Nationalmannschaft. Er erzielte bei den Olympischen Spielen 1972 in München in fünf Partien 12 Tore.

Von der Feier in der SGD-Turnhalle nach dem Aufstieg kann er nicht mehr viel erzählen, er wohnte noch in Wiesbaden, musste heimfahren. Conrad und Deller erinnern sich gern zurück. „Das war schon eine lange Nacht. Bis man da mit jedem einen getrunken hatte...“, erzählt Conrad lachend. Und Deller berichtet: „Wir haben damals eigentlich immer gut gefeiert. Bei Niederlagen haben wir halt eine Stunde später mit dem Singen angefangen, beim Aufstieg ein bisschen früher. Das war ein tolles Team, ein eingeschworener Haufen, der zusammengehalten und auch Gegner mit stärkeren Einzelspielern bezwungen hat.“ Friedel Deller wagt sogar den Vergleich mit den aktuell so erfolgreichen Fußballprofis der Frankfurter Eintracht, zuletzt 2:1-Sieger gegen die Bayern.

Conrad sagt über das damalige Team: „Wir haben wunderbar zusammengepasst. Das Fundament bestand aus Dietzenbacher Jungs. Dazu kam in Herbert Wehnert ein klasse Linkshänder von außerhalb, der mit Klaus Rettig prima harmonierte. Da hat vom Gegner nie ein einziger Akteur gereicht, um dagegen zu bestehen.“

Redakteur Hertlein richtete zum Abschluss seines Aufstiegsartikels den Blick auf die Premiere in der Bundesliga. „Es werden schwere Zeiten auf die Dietzenbacher zukommen“, prophezeite er. Wehnert stimmte damals zu: „Das muss erst einmal alles verdaut werden. Für die Bundesliga müssen wir uns etwas einfallen lassen.“

Das taten sie offenbar auch. 1971/72 sicherten sich die Dietzenbacher als Tabellenfünfter der Bundesliga Süd den Klassenerhalt, 1972/73 waren sie sogar Tabellendritter. 1974 stiegen sie wieder ab – und kehrten 1975 zurück. Auf zwei Jahre in der Bundesliga Süd folgten fünf weitere Spielzeiten im dann eingleisigen Oberhaus.

SG Dietzenbach: Dieter Liebherr (48. Theo Kaus); Klaus Rettig (5), Werner Conrad, Heinrich Baum (3), Herbert Wehnert (3), Reinhold Jerwan (4), Peter Eckert, Peter Fenn, Günter Rebel (1), Carlo Krämer, Manfred Merk. Außerdem zählten zur Meistermannschaft: Gerd Würz, Werner Kiefer und Norbert Kern. (Von Holger Appel)

Theo Kaus sichert in der Endphase Sieg und Aufstieg für die SGD.
Heinrich Baum versucht sein Glück von der rechten Seite.
Herbert Wehnert, Nationalspieler der SG Dietzenbach.

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