1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Vorsitzender des Ringerclubs Erlensee: „Wille spielt große Rolle bei Integration“

Erstellt:

Von: Thorsten Jung

Kommentare

Alireza Nadiri und Janina Hartmannsberger engagieren sich beim Ringerclub Erlensee und kümmern sich auch bei Nadiri Sports um Kinder und Jugendliche, die es nicht so einfach haben.
Bieten eine Perspektive: Alireza Nadiri und Janina Hartmannsberger engagieren sich beim Ringerclub Erlensee und kümmern sich auch bei Nadiri Sports um Kinder und Jugendliche, die es nicht so einfach haben. © Thorsten Jung

Alireza Nadiri kam 2012 als Flüchtling in den Main-Kinzig-Kreis. Durch den Ringerclub Erlensee wurde er integriert. Inzwischen ist er Vorsitzender und gibt mit dem Verein sowie seinem Unternehmen Nadiri Sports das zurück, was er vor zehn Jahren bekommen hat. Er trainiert mit Kindern und Jugendlichen.

Erlensee – Ein Jugendlicher sitzt alleine in seinem kleinen Zimmer. Er spricht kein Deutsch. Er kennt niemanden. Hinter ihm liegen schreckliche Tage, Wochen, Monate. Alireza Nadiri weiß, wie sich der junge Mann fühlt. Ihm ging es vor zehn Jahren genauso. 2012 ist er aus dem Iran geflohen, in Deutschland fing er bei null an: Abitur und Bauingenieurstudium wurden nicht anerkannt.

Heute ist Nadiri Bundesliga-Ringer, Vorsitzender des Ringerclubs Erlensee und hat Nadiri Sports gegründet. Aber vor allem bietet er jungen Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingen eine Perspektive, den richtigen Lebensweg zu finden.

Nadiri erzählt von einem jugendlichen Afghanen, der bei ihm täglich trainieren könnte. Doch so einfach ist das nicht. Der Jugendliche ist im Landkreis Gelnhausen untergekommen. Irgendwie muss er zu Nadiri Sports nach Linsengericht kommen, wo er sich an den Fitnessgeräten auspowern oder auf der Ringermatte üben kann. „Nicht einfach mit der deutschen Bürokratie“, sagt Nadiri und nennt beispielsweise die Kosten für die öffentlichen Verkehrsmittel, die zu tragen seien. „Er kann hier jeden Tag trainieren, ist so glücklich. Was will er nur zu Hause machen? Das kenne ich!“ Oft seien Schüler, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, sprachlich nicht begabt, aber sehr sportlich. Nadiri will unterstützen, eben weil er die Probleme der Jungs kennt, sie am eigenen Leib erlebt hat.

Bei seiner Flucht war er 20 Jahre alt und über zwei Monate unterwegs. „Über die Berge in die Türkei, mit dem Bus an die Grenze, zu Fuß drei Tage bis Griechenland.“ Nadiri will zurückgeben. „Der Wille spielt eine große Rolle bei der Integration“, sagt der 29-Jährige. „Der Sport hat mit sehr geholfen.“

Nadiri kam in die Flüchtlingsunterkunft nach Schotten. „Ich habe über Youtube Deutsch gelernt.“ Und er konnte am Judotraining teilnehmen. Kampfsport, das konnte er schon in der Heimat gut. So lernte er Anton Albert vom RC Erlensee kennen. Der nahm ihn mit ins Training nach Erlensee. „Da habe ich im ersten Training gleich den Besten geschlagen“, erinnert er sich lachend. Zweimal die Woche holte Albert den talentierten Ringer fortan aus Schotten zum Training. „Und er hat mir mit der Bescheinigung geholfen, dass ich umziehen konnte.“

Nadiri, der perfekt Deutsch spricht, ist Albert und dem Verein dankbar, bietet schon 2015 zum ersten Mal Kindertraining an, ringt für den RCE in der Landesliga. Angebote aus der Oberliga und der 2. Bundesliga lehnt er aus Verbundenheit lange ab. Doch irgendwann reizt auch der höherklassige Sport. Schaafheim, Niedernberg, Reilingen-Hockenheim - er steigt bis in die Bundesliga auf. Und er lenkt seit 2020 als Vorsitzender den RC Erlensee, ist mitverantwortlich für die steigende Anzahl an Kindern und Jugendlichen.

Wenige Wochen, nachdem er den RCE-Vorsitz übernommen hatte, brach die Corona-Pandemie über Deutschland herein. Ein riesiges Problem für viele Kinder und Jugendliche, die nichts anderes haben als ihren Sport. Noch dazu löste sich die Ringer-Wettkampfgemeinschaft Hanau-Erlensee auf und der RCE stand plötzlich ganz ohne Halle da. Und dann waren da noch die strengen Lockdowns. „Ein Jahr lang lief alles gegen uns“, sagt Nadiri. Doch er ist ein Kämpfer.

Nadiri erzählt von Müttern, die ihn während des Lockdowns weinend angerufen hätten, weil ihre Kinder auf die schiefe Bahn geraten seien. Er spricht von Drogen, Übergewicht, Mobbing. „Als Kinder wieder im Freien trainieren durften, haben wir Outdoortraining angeboten“, erzählt Nadiri. „Viele Mitglieder haben wir erst verloren, dann haben wir einige Jungs zu Trainern ausbilden lassen.“ Doch sein Verein musste einen Rückschlag hinnehmen: „Vor einem Jahr standen wir Ringer auf einmal auf der Straße, weil die Fallbachhalle einsturzgefährdet ist.“ Überlegungen, in eine andere Stadt zu gehen, habe man schnell verworfen. „Ich wollte nicht, dass der RC 88 in meiner Zeit Erlensee verlässt“, sagt Nadiri, „und dann hat uns der Bürgermeister unterstützt.“ Die TSG Erlensee gab den Ringern Zeiten in der Erlenhalle ab. Zufriedenstellend ist die Situation aber nicht. „Ziel ist es, in Erlensee wieder Wettkämpfe zu machen.“ In der vergangenen Saison, in der der RCE nach dem Ende der RWG mit einem eigenständigen Team in der Verbandsliga antrat, wurden alle Kämpfe auswärts ausgetragen. Dennoch wurde die Mannschaft souverän Meister.

Im Team seien viele Geflüchtete, die teilweise auch aus anderen Sportarten kämen. Der Erfolg macht begehrt. „Viele haben Angebote bekommen und bleiben doch bei uns. Wir wollen ihnen eine Perspektive anbieten, schielen auf die Hessenliga und werden auch kommende Saison sehr stark dastehen“, lautet Nadiris Kampfansage an die Landesliga-Konkurrenz. Einen konnten sie aber nicht halten. Toptalent Abusalam Katsumata (16) wechselte zum Bundesligisten SC Siegfried Kleinostheim.

Nadiri erzählt von 30 Kindern im Verein. Dazu 25 bis 30 Kinder, die zu Nadiri Sports nach Linsengericht kommen - manche auch, um zu turnen. 60 Kinder werden in einer AG an der Erlenseer Georg-Büchner-Schule betreut. Die Kinder und Jugendlichen stammen aus Kasachstan, Afghanistan, Indien, Moldawien, Aserbaidschan, Russland, der Ukraine, USA, dem Iran oder der Türkei. „Es macht Spaß zu sehen, was einem der Sport gibt“, sagt Nadiri, der durchweg ein Lächeln im Gesicht hat.

Unterstützung erhält er von Janina Hartmannsberger. Nadiris Partnerin im geschäftlichen wie im privaten ist inzwischen die erste Ringerin in der fast 35-jährigen Geschichte des RC Erlensee (siehe Infobox). Die 28-Jährige studiert Sport und angewandte Trainingswissenschaften und bringt daher sowie durch ihre Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau noch einige anderen Komponenten ein. „Wir geben beim RCE und bei Nadiri Sports auch Tipps in Sachen Ernährung und für die Psyche.“

Nadiri ist froh über die weibliche Unterstützung: „Manche Kinder fühlen sich jetzt wohler, weil auch eine Frau als Vorbild dabei ist. Es sind auch mehr Mädchen und Frauen dazugekommen, weil keiner mehr alleine ist - auch welche mit Kopftuch.“

Nadiri ist längst in Deutschland integriert, steht kurz vor dem Abschluss seines Bauingenieurstudiums. Aus dem Flüchtling wurde ein Vereinsvorsitzender. Seine Lebensgeschichte hat ihn geprägt. „Ich verdanke dem Sport alles und will das zurückgeben.“

Janina Hartmannsberger erst schwer gebeutelt, nun erste RCE-Ringerin

Janina Hartmannsberger war Jiu-Jitsu-Kämpferin. Bei einem Turnier in Holland kugelte sie sich vor sieben Jahren im Finalkampf den Arm aus. „Der Unterarm war aus dem Gelenk gesprungen. Vor Ort wurde es nicht richtig behandelt. Zurück in Deutschland musste sie in die Notaufnahme. „Ein Arzt meinte damals, wenn ich je wieder auch nur eine Liegestütze machen kann, könne ich glücklich sein“, erinnert sich Hartmannsberger. Nach mehreren Operationen lacht die 28-Jährige darüber.

Durch Nadiri kam sie zum Ringen und hat kaum Probleme. „Ich merke es in manchen Situationen. Es ist aber nicht dramatisch.“ Als erste Erlenseer Ringerin hat sie ihren Platz in der Vereinsgeschichte des RCE sicher. tj

Auch interessant

Kommentare