Wenn Rollstühle aneinander krachen

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Kampf um den Ball. Sven und Tim Diedrich (links) beim Jugend-Training der Mainhatten Skywheelers in Frankfurt.

Frankfurt - Wenn Familie Diedrich zum Sport fährt, dann benötigt die sechsköpfige Besatzung zwölf Räder. Vier gehören zum Auto - die restlichen acht verteilen sich auf vier Rollstühle. Von Matthias Hoffmann

Denn die Geschwister Pia (10), Anja (19), Sven und Tim (beide 14) spielen Rollstuhlbasketball. Kurios: Keines der Kinder ist gehbehindert. Vater Thomas Diedrich erklärt: „Meine Söhne gehen auf eine Schule, die von Behinderten und Nicht-Behinderten besucht wird. Beim integrativen Sportfest im Jahre 2004 gab es Rollstuhlbasketball zu sehen. Sven und Tim haben es ausprobiert - und von da an waren die Jungs nicht mehr aus dem Rollstuhl herauszukriegen!“ „Es hat uns so gut gefallen, dass wir dabei geblieben sind. Da sind wir gar nicht auf die Idee gekommen, vielleicht auch mal Fußgänger-Basketball auszuprobieren“, sagt Sven Diedrich.

Die Zwillinge spielen bei den Mainhatten Skywheelers im Doppelbetrieb: Mit der zweiten Mannschaft in der 2. Bundesliga, mit den Youngsters - der dritten Mannschaft - in der Oberliga Mitte. Michael Ortmann, Trainer der Youngsters, erklärt: „Das Team besteht aus Kindern und Jugendlichen, aber die Kids sind allesamt sehr ehrgeizig.“ Entsprechend geht es beim Training zur Sache. Rollstühle knallen aneinander, Metall knirscht und die Kinder sausen über das Spielfeld. Tim erkämpft sich den Ball, dribbelt mit einer Hand, nimmt mit der anderen Tempo auf, packt plötzlich an den Greifring am Rad und vollzieht eine blitzartige Drehung.

Mit einem herkömmlichen Rollstuhl wären solche Aktionen gar nicht möglich. „Die Kinder spielen mit Sportrollstühlen“, sagt Ortmann. „Diese sind individuell angepasst, verfügen über ein Stützrad zur Stabilisierung, einen festen Rahmen und schräg stehende Räder, damit die Athleten nicht so schnell umkippen.“ Die Sportler sind zudem im Rollstuhl angeschnallt.

„Es wird nicht gegen den Mann, sondern gegen den Stuhl gespielt“, erklärt Tim Diedrich taktische Hintergründe. Dabei demonstrieren sein Bruder und er, wie wenig Sinn es macht, mit der Hand an den Körper des Gegenspielers zu gehen. Stattdessen ist es entscheidend, mit dem eigenen Rollstuhl den des Gegners zu blockieren. „Denn dann“, erklärt Sven, „kommt der Oberkörper ohnehin nicht vorbei.“

Dass bei solchen Aktionen beweglichere Spieler einen Vorteil haben, liegt auf der Hand. Um die Chancengleichheit im Sport zu wahren, gibt es eine Klassifikation je nach Behinderungsgrad. Nicht-Behinderte erhalten die höchste Punktzahl von 4,5. 1,0 entspricht der niedrigsten Punktzahl und der schwersten Behinderung. Die Bewertung richtet sich nach der Fähigkeit, bestimmte Bewegungen durchzuführen. Für die höchsten Ligen gilt: Die Gesamtpunktzahl aller fünf Spieler eines Teams darf 14,5 Punkte nicht überschreiten. Sven und Tim, die beide auf der Center-Position spielen, haben jeweils eine Punktzahl von 4,5. „Für einen Trainer ist das natürlich schwierig“, sagt Ortmann, „denn sollte ich die Zwillinge zeitgleich einsetzen, dann hätte ich bereits 9,0 der erlaubten 14,5 Punkte aufgestellt.“

„In der 2. Liga weht ein rauerer Wind“, sind sich Tim und Sven einig. Doch auch bei den Youngsters geben sie alles. Schließlich verbringen sie gerne Zeit im Rollstuhl.

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