Boxclub Nordend

Wie ein Sechser im Lotto

SG Dietzenbach
+
Training in der demnächst abgerissenen Halle am Nordring. Bernd Hackfort übt mit Chaymae El Baghdadi, die bei ihrem Heimatclub SG Dietzenbach selbst noch eine Kindergruppe betreut.

Der Boxring steht nicht mehr in der Halle am Offenbacher Nordring. Nur Einzelteile liegen herum. Die Athleten des Boxclubs Nordend trainieren zwar auf den Matten, freuen sich aber vor allem auf die Zeit nach dem weiteren Umbau am Hafen und der Corona-Pandemie.

Offenbach – Bernd Hackfort, Trainer und Geschäftsführer des BC Nordend, ist nach der langen Pause aufgrund der Pandemie voller Tatendrang. Seine Athleten kommen wieder regelmäßig in kleinen Gruppen in die Halle, der 55-Jährige freut sich, sie wieder intensiv trainieren zu dürfen. Doch so langsam heißt es Abschied nehmen vom gewohnten Terrain.

Bernd Hackfort, die Boxhalle ist nicht wiederzuerkennen, gleicht schon einer Baustelle. Wie wird das hier weitergehen?

Die Halle wird demnächst abgerissen, wir werden dann ein Jahr in einem Leichtbauzelt trainieren. Der Vertrag ist zwar noch nicht unterschrieben, aber es steht fest, dass wir als Sportclub mit sozialem Projekt hier am Hafen bleiben dürfen.

Das bedeutet konkret?

Der Investor hat uns hier in seinem künftig fünfstöckigen Haus als Mieter im Parterre eingeplant. Die Halle wird 50 Quadratmeter größer sein als bisher, wir haben also noch mehr Raum, können Sportlern auch weiterhin Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Wir ziehen dank der Unterstützung der Offenbacher Politik und der Projektentwicklungsgesellschaft um Daniela Martha für die Zukunft einen Sechser im Lotto. Das muss man klar so sagen.

Was erhoffen Sie sich?

Wir haben große Pläne, Platz für 200 Zuschauer am Ring und nach der Pandemie wieder die Chance, hier internationale Boxveranstaltungen zu organisieren. Das war die vergangenen fünf Jahre aufgrund des Hafenumbaus an unserem angestammten Platz nicht möglich. Wir können im neuen Ambiente sicher Geld verdienen, das wir dann wieder in die Ausbildung unsere Athleten investieren.

Boxevents am Hafen – wir reden hier vermutlich vom Jahr 2022 oder noch später. Wie sieht es aktuell mit Blick auf Wettkämpfe aus?

Der Deutsche Boxverband hat bis Ende Oktober alle Wettkämpfe gestrichen. Ich rechne nicht damit, dass wir in diesem Jahr noch welche bestreiten, obwohl wir für September wieder eine Einladung zu einem internationalen Turnier nach Polen haben.

Die Sie und Ihr Team offenbar nicht annehmen werden?

Wir fahren nicht hin, haben eine Verantwortung für die Sportler. Vor allem die Mädels aus der Leistungsgruppe sind zwar total euphorisch, aber sie müssen sich gedulden. Das hat alles noch Zeit. Die Gesundheit geht vor.

Wie haben Sie Ihr Team denn die ganze Zeit bei Laune gehalten.

Die Mädels haben auch während des Lockdowns täglich trainiert. Sie hatten von mir per Mail ein Ganzkörperfitnessprogramm bekommen, haben zuhause oder auch mal alleine hier in der Halle geübt. Technik, Ausdauer und Kraft haben sicher nicht gelitten.

Aber?

An der Taktik kann man nicht alleine arbeiten. Das geht nur mit Partnerübungen vor dem Trainer, die wir ja zum Glück in Kleingruppen wieder machen dürfen. Generell ist das schon gut, dass ich das Training wieder besser kontrollieren kann. Man muss auch bei der Technik schauen, dass sich keine Fehler einschleichen.

Aber wie motivieren Sie denn jetzt Ihre Schützlinge in diesen Zeiten ohne Wettkämpfe?

Das muss ich nicht mehr, sie sind motiviert.

Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich habe meinen Sportlern gesagt, dass es gilt, während der Corona-Pandemie dranzubleiben. Alles andere wäre für mich als Trainer inakzeptabel. Es werden einige Athleten in anderen Vereinen aufhören, weil sie ohne Wettkämpfe vor Augen nicht motiviert, diszipliniert und zielstrebig sind. Das sind meine Boxer mit meiner Hilfe sicher nicht. Sie werden stärker aus dieser Krise herauskommen, weil sie gut sind und aufgrund der weniger werdenden Konkurrenz. Sie werden in Deutschland weiter nach vorn rücken und international noch besser mithalten können. Da bin ich mir ganz sicher.

Fehlende Disziplin, fehlendes Durchhaltevermögen - so etwas nervt Sie offenbar gewaltig.

Allerdings. Ich will den Mädels doch nicht nur Boxen beibringen, sondern will ihnen auch Werte vermitteln, die sie im Leben benötigen. Das ist mir sehr wichtig. Allerdings hadere ich mal wieder mit dem Leistungssportgedanken im Breitensport, obwohl ich weiß, dass ich da sogar gegen meine eigene Arbeit spreche.

Das müssen Sie genauer erklären.

Der Leistungssportgedanke im Breitensport findet einfach zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig Resonanz. Man gibt sich hierzulande zufrieden, den Breitensport noch breiter aufzustellen. Klar, das ist für die Gesellschaft wichtig. Vor allem, dass die Trainer auch mal bei den Hausaufgaben von der Schule schauen. Aber echten Leistungssport gibt es deshalb nur noch bei den Profis oder in den Stützpunkten. Das ist für mich sportpolitisch die falsche Richtung.

Was missfällt Ihnen?

Wir sind in unseren Vereinen zufrieden, wenn wir viele Jugendliche haben, aber es ist nicht so schlimm, wenn keine richtige Rakete darunter ist. Motto: Die ist dann sowieso gleich wieder weg. Und das ist ja auch so.

Sie haben doch Topathleten wie Maria Elena Avram oder Georgina Podaru?

Aber ich will sie doch nicht an einen Stützpunkt abgeben müssen, damit sie Chancen auf die Nationalmannschaft bekommen. Da müssen sie auch so hinkommen dürfen, wenn sie stark genug dafür sind. Ich darf sie nur gut machen, mehr aber auch nicht. Das nervt. Ich will doch die Früchte meiner Arbeit hier in Offenbach ernten. Das lässt unser sportpolitisches System nicht zu – und das finde ich einfach falsch. Das Gespräch führte Holger Appel

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare