Ringen

Zäsur beim KSV Neu-Isenburg

Nikolay Baboglo (blau) war einer der letzten verbliebenen Ringer des KSV Neu-Isenburg, die auch im Corona-Jahr 2020 regelmäßig trainierten und für die Hessenliga zur Verfügung gestanden hätten.
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Nikolay Baboglo (blau) war einer der letzten verbliebenen Ringer des KSV Neu-Isenburg, die auch im Corona-Jahr 2020 regelmäßig trainierten und für die Hessenliga zur Verfügung gestanden hätten.

Paukenschlag beim KSV Neu-Isenburg: Der Verein zieht sein Team aus der Ringer-Hessenliga zurück. Der Fokus liegt künftig auf der Jugend.

Neu-Isenburg – Eines vorweg: Die 123-jährige Geschichte des Kraftsportvereins (KSV) Neu-Isenburg ist noch nicht zu Ende. 2021 wird dennoch als Jahr der Zäsur in die Klubhistorie eingehen: Der 150 Mitglieder zählende Ringerverein hat sein Team abgemeldet, das nach dem Oberliga-Rückzug in der (abgesagten) Saison 2020 in der Hessenliga hätte kämpfen sollen.

Dies war zunächst auch der Plan für dieses Jahr, wenn es im Herbst wieder mit einem Ligabetrieb auf Landesebene klappen dürfte. Doch nun gehen die Hugenottenstädter zurück auf Los und stellen zumindest das Männerringen für längere Zeit ein.

„Wir werden für die Saison 2021 keine Mannschaft melden“, bestätigt KSV-Sportdirektor Mario Brüggemann. Auch dem Hessischen Ringer-Verband will der Verein in Kürze offiziell mitteilen, worauf er sich intern verständigt hat: dass es nicht nur nichts mit einer Mannschaft in der Hessenliga wird, sondern man auf absehbare Zeit gar kein Team mehr stellen wird. Dies, obwohl es die Chance gegeben hätte, sich freiwillig bis in die unterste hessische Klasse (Verbandsliga) zurückzuziehen, wo das Niveau deutlich schwächer ist und zudem mit nur acht Gewichtsklassen (statt neun in der Hessenliga) gerungen wird. Doch auch dagegen haben sich die Neu-Isenburger entschieden.

Zum vorläufigen Aus des Ringens in der Hugenottenstadt führten mehrere Entwicklungen. So trennte sich der KSV 2019 vom langjährigen Trainer Najib Hamayan, der 2010 zum Verein gekommen war und damals auch viele Ringer mitgebracht hatte. 2008 hatten sich die Neu-Isenburger schon einmal aus dem Ligabetrieb zurückgezogen; unter Hamayan folgte die sukzessive Wiederbelebung. Krönung war der Aufstieg in die Oberliga, der aktuell zweithöchsten deutschen Ebene, direkt unter der Bundesliga.

KSV-Trainer Burkhard Meidhof.

Die Neu-Isenburger stellten in ihrem Oberliga-Jahr 2019 zwar fest, dass sie gegen die mächtige Konkurrenz aus dem Raum Aschaffenburg und dem Odenwald chancenlos waren, und beendeten die Runde ohne Mannschaftssieg. Dann musste Coach Hamayan gehen, und die neuen Trainer Burkhard Meidhof (Freistil) und Zeljko Milosev (Griechisch-römisch) übernahmen. Der Oberliga-Letzte hätte sogar in der Klasse bleiben dürfen, entschied sich jedoch für den freiwilligen Abstieg in die Hessenliga. Dann erreichte die Corona-Pandemie Deutschland und sorgte für die Komplettabsage des Ringer-Ligabetriebs auf Landesebene sowie einen Abbruch der Ringer-Bundesliga Anfang November.

„Die Hessenliga hätten wir mit den uns vorliegenden Zusagen der Sportler 2020 irgendwie noch hingekriegt“, blickt Brüggemann zurück. Der Kader wäre dünn, der Wille für eine Fortführung des Mannschaftsringens sei aber vorhanden gewesen. „Ohne Corona hätte es gerade so geklappt“, sagt der Sportdirektor. Doch spätestens seit Beginn des zweiten Lockdowns riss der Kontakt zu immer mehr Athleten ab. Schon vorher sei das Training schwach besucht gewesen und die Abwärtsspirale habe Fahrt aufgenommen. Nicht nur die virulente Lage, sondern ein Mix diverser Gründe führte dazu. Neben Corona und den Nachwehen der Hamayan-Trennung gab es Wechsel von Sportlern zu anderen Vereinen (ein Trio ging zum Beispiel zum ASV Schaafheim) oder Ringer setzten neue Prioritäten.

Mit Gewalt hätte der KSV Neu-Isenburg mit den acht, neun verbliebenen Sportlern und der Hilfe einer Ringeragentur sowie guten Kontakten nach Bulgarien ein hessenligataugliches Team basteln können. „Finanziell sind wir stabil, eine Basis ist da, auch bei den Sponsoren“, so Brüggemann. Letztlich entschied man sich aber gegen eine Söldnertruppe um jeden Preis und für den radikalen Schnitt. „Das tut zwar weh und die nächsten Jahre werden schwer“, gibt der Sportdirektor zu: „Es ist aber nicht das Ende des Vereins.“

Der Weg soll jetzt über den Neuaufbau im Nachwuchs gehen, dem besonders Trainer und Aushängeschild Burkhard Meidhof Schwung verleihen soll, etwa durch eine Zusammenarbeit mit der Neu-Isenburger Brüder-Grimm-Schule, in deren Sporthalle der KSV auch seine Kämpfe absolviert. „Wir wollen nicht, dass das Ringen aus Neu-Isenburg und der Region verschwindet“, betont Mario Brüggemann, auch unter Verweis darauf, dass es im Frankfurter Raum nur wenige andere Ringerklubs gibt und im Kreis Offenbach gar keinen weiteren. Eine schnelle Rückkehr auf die Bildfläche hält er aber für unwahrscheinlich: „Das wird ein steiniger Weg für den KSV Neu-Isenburg.“ (Von Jens Dörr)

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