Aschewolke lähmt Deutschland

Hamburg - Die Aschewolke, die aus Island über Europa zieht, sorgt für erhebliche Einschränkungen im Luftverkehr. Hotels sowie Bus und Bahn sind gefragter denn je und die Preise schnellen nach oben.

Gewaltige Warteschlangen, frustrierte Urlauber, Hallen voller Notbetten - Das Chaos an den europäischen Flughäfen wegen der Aschewolke aus Island wird immer größer. 60 Prozent aller Flüge in Europa fielen am Freitag aus, teilte die Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel mit. Die Wolke werde nach Südosten weiterziehen und mindestens noch bis Samstagvormittag den Flugverkehr lähmen.

Hier finden Passagiere Hilfe:

Die deutschen Flughäfen in Deutschland im Überblick

Hotline für Reisende ab Berlin Tegel oder Schönefeld: 0180/ 500 01 86

Hotline von Air Berlin: 00800/ 57378000

Hotline von Lufthansa: 0800/ 8506070

Hotline von Thomas Cook: 06171- 65 65 190

Hotline von TUI: 0511- 5678000

Hotline von DERTOUR, Meier's Weltreisen und ADAC Reisen: 069- 95882770

Am Freitag gaben nach den westlichen Ländern nun auch Polen, Tschechien und Österreich Sperrungen bekannt. Sogar in Russland zwangen die winzigen Aschepartikel aus Island etliche Maschinen auf den Boden. Ausländische Fluggesellschaften strichen viele ihrer Flüge nach Europa. Auf den Anzeigetafeln deutscher Flughäfen stand am Freitag vor allem eine Flugangabe: “Annulliert“, ratlos betrachtet von immensen Menschentrauben.

Vulkanasche legt Flugverkehr in Europa lahm

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“Das ist einfach Pech. Ich bin nicht sauer. Es macht keinen Sinn, sauer auf die Natur zu sein“, übte sich Knut Erik Anderson aus dem dänischen Silkeborg in Gelassenheit. Der 72-Jährige hatte mit einer Seniorengruppe von Hamburg über Nürnberg nach Sizilien fliegen wollen. “So lange Schlangen habe ich hier noch nie gesehen“, staunte ein Reisender am Frankfurter Flughafen. Der größte deutsche Flughafen hatte am Morgen schließen müssen. An insgesamt mehr als einem Dutzend internationalen Flughäfen in Deutschland - darunter Hamburg, Berlin, Hannover und Düsseldorf - ging nichts mehr. Die Sperrungen sollen in Ostdeutschland am Freitagnachmittag und im Norden am Abend aufgehoben werden.

Süddeutschland am Abend betroffen

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Am Münchner Flughafen sollte ein Viertel der geplanten 1200 Flüge ausfallen, die Aschewolke des Vulkans am isländischen Eyjafjalla-Gletscher sollte den Airport am Abend erreichen. Der Flughafen in Nürnberg wird bereits am Mittag gesperrt. Die winzigen Partikel der Vulkanasche sind für Flugzeuge so gefährlich, weil sie sich auf den Triebwerksschaufeln festsetzen kann - bis diese ausfallen. Zudem wirken sie wie ein Sandstrahler. “Sie können damit wunderbar ein Flugzeug farblos kriegen“, sagte der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Jörg Handwerg. Die Fenster zerkratzen, die Sicht wird beeinträchtigt. Zudem können die Sensoren der Messgeräte für Höhe und Geschwindigkeit ausfallen. Für Mensch und Tier ist die Asche Experten zufolge nicht gefährlich. Auch massiver Ascheregen sei nicht zu befürchten.

In Europa starten und landen täglich normalerweise etwa 28.000 Flugzeuge - für Freitag rechnete Eurocontrol mit 11.000 Flugbewegungen. Von den normalerweise 300 Transatlantikflügen, die vormittags in Europa landen, kamen demnach nur etwa ein Drittel an. In Großbritannien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden saßen hunderttausende Reisende an den Flughäfen fest - nachdem sie teils bereits eine Nacht auf Feldbetten in den Wartehallen zugebracht hatten. Nicht nur Urlauber, sondern auch Teilnehmer von Sportveranstaltungen und Konferenzen erreichten ihre Ziel nicht.

Reiseprobleme hatte auch so mancher Spitzenpolitiker. Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg landete am Freitag nach einem Besuch in den USA in Madrid statt in Oslo. Die Entfernung zwischen den Hauptstädten Spaniens und Norwegens beträgt 3000 Kilometer. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel könnte betroffen sein: Am Morgen war noch nicht klar, ob ihr aus den USA kommender Flieger am Nachmittag in Berlin landen kann oder einen südlicher liegenden Flughafen ansteuern muss.

Infobox: DFS

Die Deutsche Flugsicherung (DFS) überwacht zivile und militärische Flüge im deutschen Luftraum. 2009 wurden 2,9 Millionen Flüge kontrolliert - rund 8000 am Tag. Lotsen überwachen Maschinen bei Start und Landung sowie in der Luft. Sie sorgen dafür, dass Flugzeuge auf festgelegten Routen in richtiger Höhe fliegen und Sicherheitsabstände einhalten. dpa

In Frankreich verstärkten die Schließungen ohnehin vorhandenes Chaos: Bei der Staatsbahn SNCF wird seit Tagen gestreikt, zudem beginnen in einem Teil des Landes die Frühlingsferien, in einem anderen enden sie. Am Morgen machten dann auch noch 25 Flughäfen dicht, darunter die beiden Großflughäfen von Paris. Am Flughafen Amsterdam Schiphol seien 1500 Notbetten aufgestellt worden, teilte das niederländische Rote Kreuz mit. Verärgert zeigten sich viele Menschen über die Hoteliers der Umgebung: Die Preise selbst der billigsten Hotelzimmer seien sofort in die Höhe geschossen, berichtete der Nachrichtensender NOS. Eine Übernachtung habe teils statt 60 bis zu 200 Euro gekostet.

Eine noble Geste für die Saudis

Über eine generöse Geste konnten sich dagegen Flugreisende aus Saudi-Arabien freuen: Alle in London Gestrandeten dürften auf Kosten von Kronprinz Sultan im Hotel übernachten, berichtete die Zeitung “Saudi Gazette“. Der Prinz habe der Botschaft in London mitgeteilt, er wolle für seine Landsleute die Hotelrechnungen begleichen.

Lufträume teilweise wieder freigegeben

Unterdessen gaben die Behörden in Schweden und Norwegen den Flugverkehr in den jeweils nördlichen Landesteilen wieder begrenzt frei. Die Konzentration von Lavaasche in der Luft habe deutlich abgenommen, hieß es. In der Region hatten zeitweise auch keine Rettungshubschrauber oder -flugzeuge mehr abheben dürfen - fatel vor allem für Kranke und Verletzte in dünn besiedelten Gebieten. Für Rettungsflieger in Deutschland steht ein Flugverbot derzeit nicht zur Debatte. “Wir fliegen unter 1000 Fuß. Die Aschewolke ist viel weiter oben“, sagte eine ADAC-Sprecherin in München. Dies gelte auch für andere Rettungsdienste.

Klar war am Freitagmittag, dass zumindest der britische Luftverkehr mindestens bis Samstagmorgen stillgelegt bleibt. Am Freitag herrschte auf dem Londoner Flughafen Heathrow - einem der wichtigsten Drehkreuze der Welt - gespenstische Stille. Auf den Eurostar umsteigen konnten viele Reisende nicht: Auch am Freitag waren alle Züge von Brüssel oder Paris nach London ausgebucht. Dies gelte auch für den Samstag und in umgekehrte Richtung, sagte ein Sprecher. “Der Ansturm ist gigantisch.“

Umsteigen auf Bus und Bahn

Infobox: Vulkanasche

Die gewaltige Wolke aus Vulkanasche besteht vor allem aus sehr kleinen Gesteinsteilchen und Gas. Die Teilchen wurden beim Ausbruch des Eyjafjallajökull geschmolzen, in der Luft kühlten sie sich wieder ab und erstarrten, erläutert Martin Dameris vom DLR-Institut für Physik der Atmosphäre.

Im Grunde handele es sich um “geschmolzenen Untergrund“ von Island. Die Partikel, auch Aerosole genannt, sind nur wenige Mikrometer groß. Bei einem Vulkanausbruch wird zudem Gas ausgeschleudert, in der Aschewolke über Europa dürften sich Kohlendioxid, Schwefeldioxid und möglicherweise Methan befinden, wie Dameris erläutert.

Auch Wasser sei dabei. Die genaue Zusammensetzung der Wolke sei derzeit unklar, da noch keine Proben hätten genommen werden können, sagt der Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. DAPD

Auch in Deutschland drängten sich in vielen Zügen und Bussen die Reisenden dicht an dicht, die ursprünglich einen Flieger hatten nehmen wollen. Wegen der Nachfrage werde die Kapazität bei Linienbussen um teils 500 Prozent aufgestockt, teilte die Deutsche Touring in Frankfurt mit. Wie lange die Sperrungen noch andauern werden, konnten die Experten zunächst nicht abschätzen. “In Europa hat es noch niemals eine vulkanische Eruption gegeben, die zu solch einer großen Aschewolke führte“, sagte Eurocontrol-Chef Brian Flynn.

Der Vulkan stößt derzeit allerdings weniger gefährliche Stoffe aus und hat an Kraft verloren. Das ergab ein nächtlicher Überwachungsflug der isländischen Küstenwacht. Die Aschewolke habe jetzt eine “reinere“ Zusammensetzung, sie bestehe fast nur noch aus Wasser sowie Steinpartikeln. Dies bedeutete aber nicht, dass sich ein Ende des Ausbruchs abzeichne. “Je nachdem, was der Vulkan noch ausspuckt und wie sich die Winde entwickeln, wird es weiterhin große Probleme geben“, sagte Brian Flynn. “Außerdem muss man bedenken, dass die bisherigen Flugausfälle natürlich ihre Nachwirkungen haben. Von Normalität sind wir noch weit entfernt.“

Vulkanexperten in Reykjavik verwiesen darauf, dass der letzte Ausbruch des Vulkans im Jahr 1821 erst nach zwei Jahren endete - wobei Phasen mit starker und schwacher oder gar keiner Aktivität sich einander ablösten.

Hohe Verluste für die Industrie

Europas Luftfahrtindustrie droht nach dem Vulkanausbruch in Island wegen der umfassenden Flugverbote ein Schaden von mehr als 100 Millionen Euro am Tag. Das teilte der Verband der europäischen Fluggesellschaften AEA (Association of European Airlines) am Freitag in Brüssel mit.

“An einem normalen Tag würden unsere Mitglieder mit Umsätzen von 200 Millionen Euro rechnen“, sagte Sprecher David Henderson der Deutschen Presse-Agentur dpa. “Den jüngsten Zahlen von Eurocontrol zufolge sollen heute (Freitag) 60 Prozent der innereuropäischen Flüge gestrichen werden.“ Nach dieser Rechnung würden Europas Fluglinien einen Umsatzverlust von 120 Millionen Euro allein am Freitag hinnehmen müssen.

dpa

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