Aussonderung einen Riegel vorschieben

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Jürgen Großer

Verstärkte Anstrengungen im Sozialbereich fordert Jürgen Großer. Er ist Geschäftsführer des Vereins Behindertenhilfe, der in der Region Einrichtungen für Menschen mit Behinderung betreibt. Mit ihm sprach Peter Schulte-Holtey .

Muss man als Mensch mit Behinderung noch immer mit Anfeindungen und vielen Vorurteilen rechnen?

Ich habe schon den Eindruck, dass die Familien und ihre Angehörigen mit Behinderung heute eine bessere gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Menschen mit Behinderung gehören zum gesellschaftlichen Alltag. Dazu beigetragen haben aktive Selbsthilfegruppen wie Lebenshilfe, „Gemeinsam mit Behinderten“, Verein Lichtblick, CBF Dreieich (Club Behinderter und Freunde) und auch unser Verein sowie viele andere.

Man zeigt mehr Verständnis?

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Ja! Die oft hartnäckigen und mühsamen Aktivitäten haben zu sozialpolitischen Weichenstellungen geführt, die zu einem besseren Verständnis der Menschen mit Behinderung beigetragen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert haben. Diese waren zum Beispiel die Integration im Kindergarten, der Ausbau der ambulanten Hilfen und die UN-Behindertenkonvention. Die Umsetzung der Konvention wird zwar noch ein langer Weg werden, noch vorhandene Barrieren können damit aber sicherlich weiter abgebaut werden.

Und die Familien?

Das Erleben der einzelnen Familien ist natürlich unterschiedlich. Sicherlich wird diesen Familien auch heute noch immer wieder mit einer gewissen Skepsis begegnet und der Begegnung fehlt eine gewisse Selbstverständlichkeit. Den Familien stehen aber umfassende Unterstützungsleistungen zur Verfügung - z. B. Frühförderung, Familien unterstützende Dienste, vielfältige ambulante Hilfen und ein differenziertes Wohnangebot. Und ihnen stehen Interessensvertreter wie der Verein Behindertenhilfe zur Seite, der sich nicht nur als Dienstleister versteht, sondern auch als Anwalt und Solidarität stifter.

Wo lauern Gefahren?

Sie drohen aus meiner Sicht von der zunehmenden Ökonomisierung der beruflichen sozialen Arbeit und den zunehmend leeren Kassen der öffentlichen Hand. Die Diskussion um eine Verbesserung der Lebensqualität auf der einen und den effizienteren Einsatz der Mittel auf der anderen Seite darf nicht zu einer neuen Aussonderung führen: Die leicht behinderten Menschen in ambulante und wohnort nahe Betreuungsformen und die schwerer behinderten Menschen in Pflegeeinrichtungen. Dies ist mit uns nicht zu machen. Auch schwerer Behinderte müssen die Chance auf eine ambulante Versorgung haben.

Auf welchen Erfolg im Engagement des Vereins Behindertenhilfe sind Sie besonders stolz?

Ich glaube der Verein hat es in den vergangenen 15 Jahren geschafft, in einem Dialog mit den Menschen mit Behinderung und den Selbsthilfegruppen notwendige und angemessene Unterstützungsangebote aufzubauen und diese ständig weiterzuentwickeln. Der Leitspruch des Vereins „Wir begleiten Lebenswege“ wurde glaubwürdig umgesetzt. Die Menschen vertrauen uns. Dies verdanken wir engagierten und professionellen Mitarbeiterinnen, die ihre Arbeit nicht als Job sondern als Beziehungsarbeit sehen. Uns ist es ein Anliegen, jedem Menschen unabhängig von seinen Fähigkeiten seine Würde zu erhalten.

In welchen Bereichen Ihrer Arbeit würden Sie sich noch mehr Unterstützung durch die Kommunen und durch das Land wünschen?

In der täglichen Arbeit stößt man immer wieder auf Bedarf und schwierige Lebenssituationen von Menschen mit Behinderung und ihren Familien bzw. Angehörigen, wo wir als Verein Behindertenhilfe und Träger verschiedener Dienste und Einrichtungen uns verpflichtet fühlen, Abhilfe zu schaffen. So gibt es verschiedene Projekte, die wir in naher Zukunft realisieren würden, aber bei den Kommunen und dem Land hierfür nur wenig finanzielle Spielräume sehen.

Zum Beispiel ...

Wir sehen einen großen Bedarf im Hinblick auf Beratung von Familien mit Angehörigen mit Behinderung. Bis zum Schuleintritt werden die Familien intensiv begleitet und beraten durch die interdisziplinäre Frühförder- und Frühberatungsstelle und unsere integrativ arbeitenden Kindertagesstätten. Im Anschluss daran fehlt dann ein Beratungsangebot mit dem Fokus der Stärkung der Elternkompetenzen. Dieses würden wir gern verwirklichen. Wir wollen in unseren Wohneinrichtungen in Dietzenbach und Langen Doppelzimmer auflösen und dafür eine oder zwei neue kleine Einrichtungen realisieren. Es geht dabei um 20 Wohnplätze.

In Offenbach?

In der Stadt Offenbach planen wir eine Erweiterung unserer integrativen Kindertagesstätte Martin-Luther-Park für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren und ein Elterncafé.

Die Politik ist gefordert.

Die Umsetzung der Behindertenkonvention der Vereinten Nation bedarf der politischen Flankierung. Bund, Länder und Kommunen müssen einen Umsetzungsplan erarbeiten. Aufgabe ist die Schaffung eines Leistungsgesetzes als Ersatz für geltende Regelungen. Ziele sind verlässliche und für die Betroffenen kalkulierbare Hilfen. Leistungen zur gesellschaftlichen Teilhabe müssen einkommensunabhängig gewährt werden.

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