Chile: Warten auf die Rettungsbohrung

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Der chilenische Minister Laurence Golborne versorgt die Bergarbeiter im Schacht mit einer Taschenlampe.

Buenos Aires - Sie sind in 700 Meter Tiefe eingeschlossen, mit 30 Grad ist es unerträglich heiß. Die 33 Bergleute, die in Chile unter der Erde gefangen sind, brauchen viel Geduld und Leidensfähigkeit.

“Holt uns bitte hier raus“, hatte einer der seit bald vier Wochen in einer chilenischen Kupfer- und Goldmine eingeschlossenen Bergarbeiter auf dem ersten Video aus der Tiefe gefleht. Seit am 5. August ein Stollen einstürzte, sind die 33 Bergleute in dem dunklen Verlies 700 Meter unter der Atacama-Wüste eingekerkert. Auch am Montag konnte die Bohrung eines Rettungsschachtes zunächst nicht wie geplant in Angriff genommen werden. Technische Probleme verzögerten den Einsatz des Spezialbohrers. Außerdem wurden noch ein besonderer Bohrkopf und ein weiterer, stärkerer Motor aus Deutschland an der Mine San José erwartet, sagte ein Sprecher des Minenministeriums der Nachrichtenagentur dpa. Damit solle die Bohrung beschleunigt und die Leidenszeit der Kumpel verkürzt werden.

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Verschüttete müssen für ihre Rettung arbeiten

Hunderte Angehörige harrten weiter geduldig bei der Mine aus. Sie campieren seit Wochen trotz des harschen Wüstenklimas in einem Zeltlager, das sie “Esperanza“ (Hoffnung) getauft haben. Am Sonntag hatten sie erstmals kurz direkt über ein Telefonkabel mit den Eingeschlossenen sprechen können. “Ich wünsche meinem Mann Kraft, dass er die Zeit übersteht“, sagte eine Frau im chilenischen Fernsehen, die sich mit einer Wollmütze und Daunenjacke gegen die Kälte schützte. “Kraft und Glauben“, ritzte einer in einen Felsen. An Paletten befestigten die Menschen Poster mit Fotos der Eingeschlossenen und guten Wünschen für eine Rettung, nachts brennen Lagerfeuer. Auch wenn die Bohrung begonnen hat, werden die Kumpel in der Tiefe noch eine bleierne Ewigkeit in 30 Grad Hitze überstehen müssen. Wenn alles gut gehe, könnten die Eingeschlossenen zu Weihnachten wieder bei ihren Familien sein, versuchte Präsident Sebastián Piñera die fast unfassbar lange Zeit des Wartens von etwa vier Monaten etwas weniger erschreckend erscheinen zu lassen.

Viele Gefahren

Und bis zu einer möglichen Rettung lauern noch jede Menge Gefahren auf die Eingeschlossenen. Gesundheitsminister Jaime Mañalich teilte mit, die Kumpel sollten einen höher gelegenen Punkt in dem weit verzweigten Stollensystem aufsuchen, da ihr jetziges Refugium zu feucht sei. Jeden Tag wird sich der Spezialbohrer “Strata 950“ 8 bis 15 Meter tiefer ins Gestein fressen. Der entstehende Kanal ist etwa 40 Zentimeter breit und wird in einem zweiten Bohrgang auf 66 bis 70 Zentimeter erweitert. Rein rechnerisch sind das für zwei Bohrgänge schon etwa 120 Tage. Erst dann können die Männer in einem Korb nach oben gezogen werden.

Eine zweite Bohrung soll in Kürze beginnen, aber anfängliche Hoffnungen, die Eingeschlossenen so schon in zwei Monaten retten zu können, haben Experten inzwischen dementiert. Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente gelangen durch enge Versorgungsröhren in die Tiefe. Alles muss steril sein, um eine Erkrankung der Kumpel zu vermieden. Vorsorglich impften sie sich gegenseitig gegen Tetanus und Diphtherie. Auch schriftliche Nachrichten der Angehörigen gelangen durch den Schacht zu den Bergleuten. Die größte Sorge der Behörden ist der psychische Druck, der auf den Kumpeln lastet. Psychologen betreuen die Männer, von denen einige zeitweise unter einer beginnenden Depression litten. Andere klagten über Probleme wegen Alkoholentzuges. Die Behörden weigern sich jedoch, Alkohol oder Tabak in die Tiefe zu schicken.

Die Verschütteten müssen auf jeden Fall körperlich fit bleiben, denn besonders in der zweiten Bohrphase kommt Knochenarbeit auf sie zu. Große Mengen Gestein werden dann während mehrerer Wochen beim Bohren nach unten durch den Schacht fallen. Diese Gesteinsmassen können nur die Eingeschlossenen selbst beiseite räumen. Das Arbeitsgerät dafür sei in der Tiefe vorhanden, versicherte der Ingenieur André Sougarret. “Die Rettung ist technisch möglich. Fraglich ist nur, ob die Kumpel so lange durchhalten“, fügte er hinzu.

dpa

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