Couchsurfing bei jungen Reisenden beliebt

„Haste mal ‘n Sofa?“

+
Die fremde Couch als Unterkunft: Das Couchsurfing macht‚s möglich.

Auch wenn die vergangenen fünf Tage es fast vergessen ließen: Der Sommer schwächelt hierzulande gewaltig. Da hilft nur eins: Sachen packen und nichts wie weg. Wer den Urlaub in der Ferne möglichst günstig gestalten will, hat prinzipiell zwei Möglichkeiten. Von Jenny Bieniek

Entweder: Campingplatz mit Sammelduschen und hunderten Mücken. Oder: Munter durch fremde Betten hüpfen.

Ein Schelm ist, wer dabei Böses denkt, denn Couchsurfing wird unter jungen Erwachsenen immer beliebter. Das Prinzip ist einfach: Privatpersonen, die eine Couch frei haben und Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen wollen, bieten diese im Internet an Budget-Touristen an - gratis. Mit ein bisschen Glück bekommen Kurzzeit-Gäste nicht nur eine Schlafmöglichkeit, sondern Städtetour, Insider-Wissen und ein Abendessen gleich mit dazu.

„Meine Freundin und ich sind in Porto mal bei einem jungen Pärchen untergekommen – wir hatten sogar ein eigenes Zimmer“, erzählt Kristin (26), die schon auf diverse, durchweg positive Couchsurfing-Erlebnisse zurückblicken kann. „Als Dankeschön haben wir am letzten Abend gekocht – und im Gegenzug ein portugiesisches Rezept beigebracht bekommen.“ Ob Holland, Frankreich, Portugal oder Indien - die Germanistin hat auf vielen fremden Couches genächtigt. Doch nicht immer läuft alles glatt. „In Paris hat mir mein Gastgeber zwei Stunden vorher abgesagt, das war ärgerlich, weil es nicht einfach war, so kurzfristig woanders unterzukommen.“

Alternative zum Hostel

Auch Nadine (27) empfindet Couchsurfen als tolle Alternative zum Hostel. „Am Anfang war ich schon skeptisch, ich kannte sowas vorher ja nicht.“ Bei ihrem „Surfer-Debüt“ erwischten sie und ihre Freundin gleich den Jackpot. „Unser Gastgeber Pedro war ein junger Arzt mit einer schicken Wohnung. Alles war sauber, die Betten frisch bezogen. Er hat uns sogar vom Bahnhof abgeholt, uns einen Wohnungsschlüssel gegeben und abends immer etwas mit uns unternommen“, erinnert sich die Backpackerin. „Pedro hat oft Couchsurfer bei sich. Ich glaube, er war froh, wenn Leben in seiner Bude war.“

Meist läuft der Alltag der Couch-Anbieter während des Gast-Aufenthaltes weiter. Viele sind tagsüber nicht zu Hause. Manche Gastgeber sind locker drauf, haben gute Erfahrungen mit vorherigen Gästen gemacht und vertrauen ihren Kurzzeit-Mitbewohnern einen Hausschlüssel an. Andere sind skeptischer – für den Couchsurfer bedeutet das vor allem eines: Abhängigkeit. Generell erhoffen sich viele Couchbesitzer am Abend einen kulturellen Austausch mit ihren Gästen oder zumindest Gesellschaft. Wer also abends kaputt nach Hause kommt und keine Lust mehr auf gemütliches Beisammensein hat, sollte vielleicht doch lieber ein Hostel in Betracht ziehen.

Besondere Gastfreundschaft in Indien

In Sachen Komfort ist beim Couchsurfing alles möglich. Von der riesigen Villa inmitten einer bewachten Wohnanlage bis zur heruntergekommenen Einraum-Wohnung. „Einmal habe ich mit meinen 30-jährigen Gastgeber und einer anderen Couchsurferin in einem Raum geschlafen“, erinnert sich Kristin. Obwohl der Besitzer sehr freundlich gewesen sei, war ihr die Situation unangenehm.

Die besten Erfahrungen hat Kristin während ihrer Rundreise durch Indien gemacht. „Die Menschen dort sind sehr gastfreundlich und man ist unheimlich nah an Leuten und Kultur dran“, findet sie. „Mit meinen Gastgebern in New Delhi und Mumbai habe ich heute noch Kontakt“, erzählt die Weltenbummlerin. Auch in Indien wurde ihr eine Schlafgelegenheit kurzfristig abgesagt, anders als in Europa war es dort jedoch kein Problem, Alternativen zu finden. „In Indien zählt leider immer noch die Hautfarbe.“ Sich mit Europäern sehen zu lassen, zähle in Indien zum Prestige. „Man schmückt sich dort regelrecht mit Hellhäutigen.

„Die Chemie muss stimmen“

Einen Anspruch auf Unterbringung gibt es beim Couchsurfing nicht. Die Anbieter entscheiden selbst, ob und für wie lange sie die Durchreisenden aufnehmen. Sympathie ist dabei das A und O. „Wer wahllos unpersönliche Rundmails an alle Anbieter schreibt, hat eher geringe Chancen“, weiß Couchsurferin Kristin. „Der erste Kontakt ist wichtig, die Chemie muss stimmen.“

Doch auch fürs Couchsurfen existiert ein Knigge. Allzu kurzfristige Anfragen sind ebenso verpönt wie Desinteresse am Gastgeber. Wer für lau bei Fremden übernachten will, ihr Bad und ihren Kühlschrank mitbenutzen möchte, sollte gesprächig sein. Für aufgeschlossene Reiselustige, die keinen gehobenen Standard brauchen und flexibel sind, ist Couchsurfing also eine passable Lösung. Neueinsteigern sei jedoch gesagt: Den rundum perfekten Couchsurfing-Trip gibt es nicht. Alles steht und fällt mit dem Gastgeber. Am besten fährt wohl derjenige, der nicht zu hohe Erwartungen hat. Und: Bitte nicht länger als zwei, drei Tage einquartieren. Schließlich weiß man aus eigener Erfahrung: Besuch ist schön, insbesondere, wenn er wieder weg ist.

Kommentare