Eine Frage der Ehre

Eine heimtückische Tat aus niederen Beweggründen - das war nach Ansicht des Gerichts die tödliche Messerattacke auf die junge Afghanin Morsal in Hamburg. Für den „Ehrenmord“ wurde ihr Bruder Ahmad zu lebenslanger Haft verurteilt. „Morsals Unglück war, dass sie eine Frau war“, hieß es in der Urteilsbegründung.

Gewalt im Namen der Ehre - der Wunsch der seit langem in Deutschland lebenden 16-Jährigen, die wie ihre hiesigen Freundinnen sein wollte, war ihr Todesurteil. Die Vereinten Nationen gehen von 5000 Ehrenmorden pro Jahr aus, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Im Prozess wurde um die Frage gestritten, ob es sich tatsächlich um einen Ehrenmord oder „nur“ um eine Familientragödie gehandelt habe. Die Verteidigung, flankiert von einer Gutachterin, sah einen Totschlag im Affekt, begangen von einem psychisch Kranken und ohne entscheidenden Bezug zu traditionellen Wertvorstellungen.

Tatsache ist: Mit einem Messer bewaffnet, stellte Ahmad seine Schwester zur Rede. Bevor sie von 23 Messerstichen tödlich getroffen auf einem abseits gelegenen, dunklen Parkplatz in Hamburg zusammenbrach, hatte die 16-Jährige schon ein jahrelanges Martyrium hinter sich. Geschlagen und bedroht vom eigenen Bruder, der eigenen Familie. Vater, Mutter, die Geschwister - sie alle tobten nach der Urteilsverkündung, es fielen nicht zitierfähige Äußerungen und Drohungen in Richtung Anklage und Richterbank. Ahmad war seit langem für sein aggressives Verhalten bekannt, er galt als Intensivtäter, Drogendealer. Dies war und ist offenbar kein Problem für die Familienehre, wohl aber Morsals Wunsch nach Schminke und Disco.

Der Fall macht einmal mehr deutlich: Es gibt Parallelgesellschaften in Deutschland, mit für uns bizarren Vorstellungen von Ehre. Wenn es eine Lehre aus dem Mord an der jungen Afghanin gibt, dann die, den Familien, die die Gesetze ihres Gastlandes akzeptieren, ohne Wenn und Aber Hilfe bei der Integration zu bieten. Wer dazu nicht bereit ist, muss mit aller Härte die Konsequenzen zu spüren bekommen - so wie jetzt Morsals Bruder.

angelika.duerbaum@op-online.de

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