Biowetter? So ein Unfug.

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Viele Experten halten Prognosen zum Biowetter für Unfug.

Halten Sie sich für wetterfühlig? Vertrauen Sie blind Berichten zum Biowetter? Experten jedoch halten die meisten dieser Prognosen für puren Unfug. Von Peter Schulte-Holtey

Haben Sie in den vergangenen Tagen eine erhöhte Leistungsfähigkeit festgestellt und freuen Sie sich über ein gute Schlafqualität? Oder spannten Ihre Narben? Dann könnten Sie wetterfühlig sein - jedenfalls, wenn man den Biowetter-Berichten - zum Beispiel des Deutschen Wetterdienstes (DWD) - traut. Etwa die Hälfte der Deutschen bezeichnet sich selbst als wetterfühlig. Viele Beschwerden schreiben sie der Witterung zu. Eine Umfrage im Auftrag des „HausArzt-PatientenMagazins“ ergab, dass besonders Senioren über 70 Jahren den Einfluss von Hochs und Tiefs beklagen. Verändert sich das Wetter, hat von den Betroffenen der Altersgruppe mehr als jeder Zweite auch Gelenkbeschwerden.

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Wie Vorhersagen aus Horoskopen

Macht das Sinn - oder sind die Betroffenen auf dem Holzweg? Nach Ansicht von Medizinern und Meteorologen wachsen die Zweifel. Dabei bestreiten die meisten Fachleute nicht, dass das Wetter das Befinden der Menschen beeinflusst. Allerdings seien nur wenige Einflüsse bewiesen, die meisten Prognosen mithin unhaltbar. „Es gibt doch bislang keinen klaren Hinweis darauf, dass Wetter tatsächlich irgendwelche medizinischen Einflüsse auf den Menschen hat, so ein Kritiker.

Kein Zusammenhang nachweisbar

Auslöser der Debatte, die derzeit die Fachwelt beschäftigt, ist ein Rückzieher des Schweizer Wetterdienstes Meteo, Pendant zum DWD. Die Eidgenossen werden ihre tägliche Wetterfühligkeitsprognose nicht mehr erstellen. Ein Sprecher erläutert auf Anfrage unserer Zeitung: „Beim Biowetter sind nur sehr allgemeine und nur statistisch abgeleitete Aussagen möglich. Ein Nachweis für einen kausalen Zusammenhang von Wetterphänomenen und Beschwerden bei Menschen wurde bis heute nicht erbracht. Es besteht die Gefahr, dass Menschen, wenn sie lesen, welche Beschwerden auftreten könnten, genau diese Beschwerden auch entwickeln.“

Anstelle der Biowetter-Prognose stellt Meteo Schweiz nun eine Übersichtsseite im Internet zur Verfügung mit den Wetterklassen und deren möglichem Einfluss auf den menschlichen Organismus. Zusammen mit der aktuellen Wetterkarte könnten die Interessierten daraus ableiten, „ob bestimmte Wettersituationen für sie eine Belastung darstellen“.

„Biowetter-Vorhersagen sind Unsinn“

Unterstützung kommt aus Bayern. Auch Jürgen Kleinschmidt, bekannter Forscher und langjähriger Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität, hat große Zweifel. Seine Forschungsergebnisse führten ihn am Ende zu einem ernüchternden Schluss. Der Professor und seine Mitarbeiter an der Universität in München konnten keinen Zusammenhang von Wetter und Gesundheit nachweisen. „Selbst der warme, alpine Föhnwind - ein angeblicher Auslöser von „Wetterfühligkeit“ - hatte einen eher unbedeutenden Einfluss auf das Befinden“, wird der Mediziner und Physiker zitiert.

In einem ARD-Bericht springt ihm auch der Wissenschaftler Hans Richner zur Seite. Er erforscht am Institut für Atmosphäre und Klima an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich den Zusammenhang zwischen Wetter und Befinden. Sein klares Urteil: Biowetter-Vorhersagen sind Unsinn. Dass der Beleg eines Zusammenhangs zwischen Wetter und Gesundheit fehlt, ist sein Hauptargument. „Das zweite ist, dass die Individuen nicht notwendigerweise gleich reagieren“, erläutert Richner. „Es kann sein, dass Leute ganz unterschiedlich wetterempfindlich sind. Ich würde nie soweit gehen zu sagen, es gibt keine Wetterfühligkeit. Aber wir sind wissenschaftlich weit davon entfernt, diese Zusammenhänge zu verstehen, und natürlich noch viel weiter davon entfernt, aufgrund dieser Zusammenhänge eine Vorhersage machen zu können.“ Seine These: Die Menschen reagierten wohl schlicht auf miese Witterung - denn bei schlechtem Wetter seien die Druckschwankungen am größten.

Wetter macht in der Regel nicht krank

Der staatlich finanzierte Wetterdienst in Offenbach zeigt sich unbeeindruckt von der Kritikwelle. Christina Koppe, „Biowettermacherin“ beim DWD, will an dem Service festhalten. Er sei für bestimmte Menschen hilfreich - und ja auch nicht kommerziell: „Unsere Vorhersagen für Wetterfühlige basieren auf statistisch signifikanten Zusammenhängen zwischen Vorgängen in der Atmosphäre, also dem Wettergeschehen, und ihren Auswirkungen auf den Organismus; meines Wissens gab es in den letzten Jahren keine Studien, die diese Zusammenhänge widerlegen“, fügt sie hinzu.

Sie wirbt zugleich für das Angebot an Interessierte: „Unsere biometeorologischen Hinweise für Wetterfühlige beinhalten Tipps zur Verhaltensanpassung und können so den Betroffenen helfen, ihren Tag besser zu planen und ihren Beschwerden dadurch zu reduzieren.“ Es sei auch zu beachten, dass der DWD ja keineswegs „Warnungen“ vor bestimmten Beschwerden herausgebe. Koppe zu unserer Zeitung: „Denn das Wetter macht in der Regel nicht krank, gesundheitlich nachteiliger Wettereinfluss wirkt sich lediglich als Zusatzstress aus.“

Wer sich intensiver mit den unterschiedlichen Erkenntnissen der Mediziner und Wetterexperten auseinander setzt, kommt zu dem Schluss: Das Wetter allein ist eben nie Ursache eines Leiden. Wer etwas an seinen Beschwerden ändern will, sollte vielleicht damit beginnen, mehr auf sich selbst als auf die Biowetter-Vorhersagen zu hören.

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