Berühmtes Alexandrow-Ensemble an Bord

Russisches Armee-Flugzeug abgestürzt - wohl 92 Tote

+
Rettungskräfte bargen bislang vier Leichen aus dem Schwarzen Meer.

Sotschi - Der Alexandrow-Chor ist der musikalische Botschafter der russischen Armee. Jetzt sind viele Sänger bei einem Flugzeugabsturz gestorben.

Eine Tupolew Tu-154 wie diese ist ins Schwarze Meer gestürzt.

Ein russisches Flugzeug mit einem Armeechor ist auf dem Weg nach Syrien abgestürzt. Im Schwarzen Meer vor Sotschi in Südrussland wurden am Sonntagmorgen etwa 1,5 Kilometer von der Küste entfernt in 50 bis 70 Meter Tiefe 
Trümmerteile gefunden und vier Leichen geborgen. 

"Es gibt keine Hinweise auf Überlebende", zitierten russische Nachrichtenagenturen aus einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums in Moskau. Die 92 Menschen an Bord hätten „praktisch keine Chance gehabt“, sagten Behördenquellen am Sonntag der russischen Agentur Interfax. Ministerpräsident Dmitri Medwedew sprach von einer „fürchterlichen Katastrophe“, wie die Agentur Interfax meldete.

Die Maschine war um 5.40 Uhr Ortszeit (3.40 Uhr MEZ) in Adler, dem Flughafen von Sotschi, gestartet, wie Sprecher des Verteidigungsministeriums mitteilten. An Bord des Flugzeugs Tupolew Tu-154 seien acht Mitglieder der Besatzung, neun Journalisten, zwei ranghohe Beamte sowie die Sänger und Tänzer des Alexandrow-Ensembles gewesen. Das geht aus einer Passagierliste hervor, die das Verteidigungsministerium in Moskau am Sonntag veröffentlichte. Darauf stand auch der Leiter des Alexandrow-Armeechores, Generalleutnant Waleri Chalilow, der mit 64 seiner Sänger zu einem Truppenbesuch nach Syrien fliegen sollte. Auch Elisaweta Glinka, Leiterin einer bekannten russischen Hilfsorganisation findet sich darauf. Sie habe der Universitätsklinik von Lattakia Medikamente überbringen wollen, wie der Vorsitzende des russischen Menschenrechtsrat, Michail Fedotow, laut der Nachrichtenagentur Interfax sagte.

An den Such- und Bergungsarbeiten waren mehr als 3000 Helfer, 27 Schiffe und Boote, 37 Taucher sowie vier Hubschrauber, ein Flugzeug sowie Drohnen beteiligt. Etwa hundert weitere Taucher wurden noch erwartet, wie Armeesprecher Igor Konaschzenkow sagte. Zehn Leichen seien bislang geborgen worden.

Technisches Problem oder Pilotenfehler?

Suche im Schwarzen Meer.

Der Chor habe nach Syrien fliegen sollen, um auf der russischen Luftwaffenbasis bei Latakia ein Neujahrskonzert zu geben. Der Kontakt zu dem Flugzeug sei etwa zehn Kilometer nach dem Start über dem Meer abgerissen. 

Bei einem Flugmanöver im Steigflug könnte es ein „kritisches technisches Problem“ gegeben haben, sagte ein nicht genannter Behördenvertreter der Agentur Interfax. Auch ein Fehler Militärpiloten werde nicht ausgeschlossen, obwohl sie erfahren waren.  Laut dem Verteidigungsministerium war die abgestürzte Maschine seit 1983 im Einsatz und hatte 6689 Flugstunden absolviert. Die letzte Reparatur war demnach im Dezember 2014, zuletzt inspiziert wurde das Flugzeug demnach im September.

Russland kämpft seit Herbst 2015 im Syrien-Krieg aufseiten des Präsidenten Baschar al-Assad. Zur Versorgung der Basis Hamaimim betreibt das Verteidigungsministerium einen regen Luftverkehr. Dabei werden auch alternde Zivilflugzeuge wie die Tupolew eingesetzt. Anfang Mai hatte das russische Militär den Stardirigenten Waleri Gergijew und sein Orchester zu einem Konzert in die syrische Wüstenstadt Palmyra geflogen.

Putin ordnet eintägige Staatstrauer an

Der russische Präsident Wladimir Putin hat für Montag einen landesweiten Tag der Trauer um die 92 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Schwarzen Meer angeordnet. Er sprach am Sonntag den Familien und Freunden der Toten sein Beileid aus, wie der Kreml mitteilte. 

„Es wird eine genaue Untersuchung der Ursachen der Katastrophe geben, und es wird alles getan, um den Familien der Toten Unterstützung zu gewähren“, sagte der Präsident nach Angaben der Agentur Tass. Putin ordnete die Einsetzung einer Untersuchungskommission an. Regierungschef Dmitri Medwedew vertraute die Leitung dieser Kommission Verkehrsminister Maxim Sokolow an. Dieser sollte sich noch am Sonntag zum Unglücksort begeben.

Merkel kondoliert 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nach dem Absturz eines russischen Militärflugzeugs über dem Schwarzen Meer dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ihr Mitgefühl ausgesprochen. Ihre Gedanken seien bei den Angehörigen der vielen Opfer, teilte Merkel dem Kreml-Chef nach Angaben von Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Sonntag mit.

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach Familien und Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. "Die Nachrichten vom Absturz eines russischen Militärflugzeugs mit einem großen Armeechor an Bord über dem Schwarzen Meer erfüllen mich mit tiefer Trauer", erklärte er. "Ich hoffe, dass vielleicht doch noch Überlebende gefunden und gerettet werden können."

Das Alexandrow-Ensemble 

Der russische Alexandrow-Armeechor.

Das Alexandrow-Ensemble ist ein mehrfach ausgezeichneter Soldatenchor, der bereits 1928 gegründet wurde. Gründer war Alexander Alexandrow, der 1943 die Nationalhymne der Sowjetunion komponierte. Alexandrow starb 1946 in Berlin bei einer Auslandstournee mit seinem Chor.

Das ursprünglich aus einem Dutzend Soldaten bestehende Ensemble ist mit den Jahren größer geworden. Zu dem Chor gesellten sich ein Orchester und eine Tanzgruppe. Es ist inzwischen das größte Militär-Künstlerensemble Russlands. Zum Repertoire gehören überwiegend Kirchenlieder sowie traditionelle russische Volkslieder und -tänze. Es handelt sich um Lieder russischer Komponisten, klassische Werke russischer und ausländischer Komponisten, aber auch um weltbekannte Meisterwerke der Popmusik.

dpa/afp

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare