Früh krank, länger leben

Die Menschen werden immer älter. Auch in der Bundesrepublik hat laut dem Statistischen Bundesamt die durchschnittliche Lebenserwartung weiter zugenommen: Sie beträgt für neugeborene Jungen inzwischen 76,9 Jahre und für neugeborene Mädchen 82,3 Jahre. Von Siegfried J. Michel

Ins Auge fällt dabei, dass Frauen eine um 5,4 Jahre höhere Lebenserwartung haben als Männer. Paradoxerweise geben Frauen im Gegensatz zu Männern aber gleichzeitig in Umfragen an, mehr unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen und körperlichen Beschwerden zu leiden, berichtete jetzt das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in seiner Informationsschrift „Demografische Forschung aus erster Hand“. Dazu gehöre bei Frauen ein komplexeres Muster an chronischen und akuten Erkrankungen. Warum Frauen länger leben, aber unter schlechterer Gesundheit leiden als Männer, sei trotz reger Forschung noch immer ein Rätsel, heißt es.

Eine neue Studie des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels untersuchte dazu individuelle Gesundheitsverläufe von Männern und Frauen, um Aufschluss über geschlechtsspezifische Unterschiede in der Sterblichkeit und Gesundheit zu gewinnen. Die überraschenden Ergebnisse: Der Gesundheitszustand von Frauen verschlechtert sich bereits in jüngeren Jahren, zudem tritt dies bei ihnen früher zu Tage als bei Männern. Doch „selbst mit Krankheit leben Frauen weiter, während Männer (eher) sterben“, so die Experten.

„Stabile Gesundheit ohne Beeinträchtigung“ am häufigsten

Für die Studie wurden, schreibt Professorin Dr. Gabriele Doblhammer in ihrem Beitrag, über den Zeitraum 1995 bis 2001 typische Gesundheitsverläufe von Männern und Frauen im Alter von 50 Jahren und älter unterschieden. Gesundheit sei dabei mit Hilfe einer allgemeinen Frage zu Beeinträchtigungen in den Verrichtungen des täglichen Lebens gemessen worden, wobei man die drei Antwortmöglichkeiten „keine“, „moderate“ und „schwere“ Beeinträchtigung vorgegeben habe.

Im Zeitraum der Beobachtung seien in allen Altersgruppen 14 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen gestorben, während 71  Prozent der Männer und 69  Prozent der Frauen den gesamten Studienzeitraum überlebten (15 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen wanderten allerdings aus der Studie innerhalb des Erhebungszeitraumes ab).

Unter den überlebenden Personen habe sich am häufigsten der Zustand „stabile Gesundheit ohne Beeinträchtigung“ gefunden. Dies sei aber auch gleichzeitig „jener Gesundheitsverlauf mit dem größten Unterschied zwischen den Geschlechtern, ergab die Studie: 18 Prozent der Männer, jedoch nur 12 Prozent der Frauen machten diese Angaben.

Unterteilt nach einzelnen Altersgruppen habe sich ein stärker differenziertes Bild ergeben, stellt Doblhammer fest: Im Alter von 50 bis 59 Jahren, in dem die Sterblichkeit für beide Geschlechter noch niedrig ist, habe ein größerer Teil der Männer von stabilen Gesundheitsverläufen ohne Beeinträchtigung berichtet, während Frauen vermehrt eine sich verschlechternde Gesundheit angeben hätten.

Geringes Gesundheitsbewusstsein bei Männern ist ein Grund

Im Alter von 60 Jahren und höher, in dem die Sterblichkeit zunimmt, berichten Frauen von sich verschlechternder Gesundheit, während Männer sterben. Überlebende Männer folgen dabei aber generell positiveren Gesundheitsverläufen als überlebende Frauen“, schreibt die Forscherin. Betrachte man das Sterberisiko in den Jahren von 2002 bis 2005 in Abhängigkeit von der individuellen Gesundheitsentwicklung in den Jahren von 1995 bis 2001, so habe sowohl für Männer als auch für Frauen der Pfad „schwere Beeinträchtigung, stabil“ am häufigsten zum Tod geführt, so die Wissenschaftlerin. Die größten Unterschiede in der Sterblichkeit der beiden Geschlechter fänden sich also nach sich verschlechternden Gesundheitsverläufen. Frauen verblieben in einem schlechten Gesundheitszustand, während die Männer starben.

Professorin Doblhammer: „Die Ursache mag im biologischen Bereich liegen, aber auch Geschlechterunterschiede im Krankheitsspektrum und im Lebensstil werden oft als Erklärung herangezogen. Hinzu kommen ein anderes Körperverständnis von Frauen und Männern und damit einhergehend ein unterschiedliches Antwortverhalten in Studien, wobei Frauen eher einen schlechten Gesundheitszustand angeben als Männer.

Auch andere wissenschaftliche Erhebungen nennen das geringere Gesundheitsbewusstsein bei Männern als einen der Gründe für eine geringere Lebenserwartung des sogenannten „starken Geschlechts“. Sie suchen bei Krankheitssymptomen seltener einen Arzt auf, rauchen mehr und trinken mehr Alkohol. Letztendlich geklärt aber ist das Rätsel der längeren Lebenserwartung von Frauen noch nicht.

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